Der Post begräbt Russland und das Forum dreht den Spieß um
Im März 2022, drei Wochen nach Beginn der Invasion der Ukraine, veröffentlichte die Washington Post einen Meinungsbeitrag, in dem sie argumentierte, der Krieg habe die strukturelle Schwäche Russlands und das Ende seines Supermacht-Status offengelegt. Der Text mit dem Titel «Opinion | Ukraine war proves Russia is no longer a superpower» stützte sich auf konkrete Daten: Der russischen Luftwaffe gelang es nicht, die Lufthoheit zu erringen, ihre Piloten kommen auf kaum 100 Flugstunden pro Jahr —weniger als 20 Minuten täglich— und ihr Arsenal an Präzisionsmunition ist knapp, mit einem geschätzten Verhältnis von neun dummen Bomben pro intelligenter Bombe, so der Experte Michael Clarke. Der Artikel machte im Unterforum zum III. Weltkrieg die Runde und löste eine Flut von Antworten aus, die sowohl die Quelle als auch den Inhalt in Frage stellten.
Die Zahl, die der Post verwendete, und die, die er vergaß
Das zentrale Argument der amerikanischen Zeitung ist, dass Russland das Drehbuch nicht umsetzen konnte, das die USA und ihre Verbündeten 1991 im Golfkrieg anwandten: Präzisionsraketen, um den Feind zu blenden, Kontrolle des Luftraums und ein geschützter Bodenangriff. Laut der Analyse führte Schritt 1 nie zu Schritt 2. Die russischen Panzer blieben im Schlamm stecken, die Infanterie war schutzlos und die Ukrainer gewannen Zeit, um Stellungen zu verminen und zu befestigen. Der Post zitiert den Analysten Justin Bronk vom Royal United Services Institute, der bereits am 28. Februar 2022 vom «mysteriösen Fall der verschwundenen russischen Luftwaffe» sprach.
Die häufigste Antwort in der Debatte war der Vergleich mit den USA. Ein Teilnehmer erinnerte daran, dass die US-Luftwaffe bereits 2013 im Schnitt 8 bis 10 monatliche Flugstunden für Piloten von F-22, F-16 und F-15 aufwies —96 bis 120 pro Jahr—, eine Zahl, die er als «NATO-Artikel-Scheiße» bezeichnete und die, so seine Ansicht, das Argument der russischen 100 Stunden entkräftet. Ein anderer fügte hinzu: «Wenn es der Washington Post sagt, muss es stimmen», eine ironische Anspielung auf das Eigentum des Blatts durch Jeff Bezos.
Ist Russland eine Supermacht oder nur eine Atommacht?
Die Diskussion drehte sich schnell um die Definition von Supermacht selbst. Ein Teil hielt daran fest, dass Russland längst aufgehört hat, eine zu sein: «Es hat das BIP Italiens, viele Atomwaffen und Rohstoffe, aber nicht viel mehr», fasste eine Nachricht zusammen. Dem hielt ein anderer entgegen: «Es hat Tausende Atomsprengköpfe, das macht es, wenn schon nicht zur Supermacht, so doch mindestens zur Großmacht». Die Zahl von 6.000 Atomsprengköpfen diente als Abschreckungsargument: «Wenn sie Lust haben, eine ihrer 6.000 Atomruinen zu testen, könnten sie einer Supermacht vielleicht einen üblen Moment bereiten».
Der Vergleich mit China war unvermeidlich. «Die Supermacht ist China, nicht Russland», stellte ein Teilnehmer klar, während ein anderer hinzufügte, die Chinesen «arbeiten seit 30 Jahren daran, aus einem Land der dritten Welt die führende Macht zu machen», ohne sich um den Titel zu scheren. Der Vergleich mit dem italienischen BIP fiel mehrmals als Maßstab.
Der Abzug aus Afghanistan als Spiegel
Das häufigste Argument gegen die These des Post war der amerikanische Abzug aus Afghanistan nach zwanzig Jahren Besatzung. «Was sind die USA noch, nachdem sie nach 20 Jahren Demokratisierung Afghanistans fast wie verrückt das Weite gesucht haben?», fragte eine Nachricht. Ein anderer formulierte es drastischer: «Das sagen dieselben, die sich aus Afghanistan davongemacht haben». Der dahinterstehende Gedanke: Die Unfähigkeit, ein Land zu unterwerfen, ist nicht allein eine russische Eigenheit und macht einen Staat nicht automatisch zur Nicht-Supermacht.
Auch die menschlichen Kosten der russischen Strategie wurden diskutiert. Ein Teilnehmer meinte, Russland bombe nicht massenhaft, um «kein Gemetzel anzurichten», während ein anderer erwiderte: «Würden sie es wie die Amis machen, mit massiven Bombardements und der vollständigen Vernichtung der Ukraine, würde die Presse sie sicher mit besseren Augen sehen». Die Ironie über den doppelten Maßstab der westlichen Medien zog sich durch einen Großteil des Austauschs.
Die russische Abnutzung und die Abhängigkeit von China
Der Post wies darauf hin, dass der Mangel an Präzisionsmunition Russland zwingt, tief fliegende Bomber und Bodenartillerie einzusetzen, was die Ziele für den ukrainischen Widerstand und die eigenen Verluste vervielfacht. Er erwähnte auch, dass Pilingui bei Xi Jinping um Hilfe bitten soll und dass die Wirtschaftssanktionen die Auffüllung des Arsenals erschweren. In der Debatte wurde diese Abhängigkeit als Bestätigung des Niedergangs gelesen: «Wäre genug Kraft in seiner eigenen Kriegsmaschine, hätten wir es längst gesehen».
Die Möglichkeit, dass Russland auf Chemiewaffen zurückgreift —«die dümmsten Bomben von allen», so das Blatt—, erschien als Extremszenario, auch wenn kein Teilnehmer es vertiefte. Der Fokus lag eher auf der konventionellen Artillerie und der Unfähigkeit, die Lufthoheit zu erringen.
Der genaue Punkt, an dem die Analyse hängen bleibt
Die Debatte klärte nicht, ob Russland eine Supermacht ist oder nicht, weil der Begriff nie definiert wurde. Für die einen misst sich Supermacht-Status an BIP und konventioneller Fähigkeit; für die anderen an Atomsprengköpfen und Abschreckungsfähigkeit. Der Post erklärte den russischen Status für tot; die Hälfte des Forums antwortete, dass auch die USA im Vergleich schlecht dastehen. Mit 90 Antworten und einem Alter von 1.668 Tagen endete das Gespräch dort, wo es begann: im Streit darüber, was es im 21. Jahrhundert genau bedeutet, eine Supermacht zu sein.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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