Wer in Spanien „Faschisten raus“ ruft – und warum er sich für die 50 % hält

Fünfzehn dokumentierte Übergriffe auf Video und eine niemand überprüfte Zählung: Wer ruft am Sol-Camp in Madrid „Faschisten raus“, und warum glaubt er, dass halb Spanien anders denkt

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Wer in Spanien „Faschisten raus“ ruft – und warum er sich für die 50 % hält
Wer „Faschisten raus“ ruft und auf wen er zeigt

Eine kleine Gruppe vertreibt einen Provokateur von einem Camp an der Puerta del Sol in Madrid. Sie werfen Bier nach ihm, ein Stein trifft seinen Kopf. Das Opfer filmt den Moment und stellt ihn ins Netz. Von da an wird die Szene zum nächsten Kapitel eines Kulturkampfs, der keine Fakten mehr braucht: nur noch eine Seite, auf die man zeigen kann. Die eigentliche Frage ist nicht, wer angefangen hat, sondern was im Kopf vorgeht, wenn jemand „Faschisten raus aus unseren Vierteln“ ruft – und ob er wirklich glaubt, dass halb Spanien so denkt wie der Mann, den er gerade mit Schlägen vertrieben hat.

Was auf dem Sol-Camp geschah

Die Fakten, wie sie erzählt werden: ein Camp an der Puerta del Sol, mehrere Spannungsmomente mit Journalisten und mit Leuten, die zum Filmen vorbeikommen, und eine Räumung, die auf Video festgehalten wird. In einem der Clips sagt ein Mann, er sei überfallen und vertrieben worden, mit Bier und einem Stein gegen den Kopf. In einem anderen wird eine Reporterin von Telemadrid in der Nähe des Platzes bedrängt. Und in einem dritten wird ein bekannter Agitator unter Buhrufen hinausgedrängt. Alle drei Videos kursieren gleichzeitig, jedes mit seinem eigenen Rahmen. Das Ergebnis ist eine Erzählung, in der jede Seite nur die Aggression der anderen sieht.

Die Zählung, die aus einem Teil des Spektrums angestellt wird, ist eindeutig: fünfzehn auf Video dokumentierte Übergriffe, seit die Stände aufgebaut wurden, und alle fünfzehn, so die Version, von Menschen links gegen Menschen rechts. Es gibt keine unabhängige Überprüfung dieser Zählung. Aber die Zahl kursiert, als gäbe es sie. Und da beginnt das Problem.

Die 50 %, die es nicht gibt, aber gerufen werden

Die Vorstellung, die Hälfte der Bevölkerung sei faschistisch, stammt aus keiner Volkszählung. Sie stammt aus einem Denkrahmen, in dem Widerspruch gleich Feindschaft bedeutet. Manche behaupten, dieser Prozentsatz sei über ein Jahrzehnt aufgebläht worden, bis er jeden einschloss, der rechts einer sozialistischen Partei steht, und dass das Etikett dazu dient, Gewalt gegen Andersdenkende zu rechtfertigen. Das ist eine harte These, und sie ist nicht belegt. Aber sie erklärt, warum jemand „Faschisten raus“ ruft, ohne rot zu werden: Für ihn ist der Faschist kein Mann im schwarzen Hemd, sondern der Nachbar, der anders gewählt hat.

Die Paradoie ist, dass dieser Ruf nicht aus Angst geboren wird, sondern aus Schutz. Wer ihn ausstößt, tut das im Rückhalt einer Gruppe, in einem Raum, den er als seinen eigenen betrachtet, gegen jemanden, den er als allein wahrnimmt. Wenn er wirklich glaubte, dass die halbe Straße so denkt wie der Vertriebene, würde er nicht hinausgehen, um es zu rufen. Er würde sich zu Hause einschließen. Der Ruf ist in Wirklichkeit eine Art zu sagen: Hier herrsche ich.

Der imaginäre Arbeiter und der echte Arbeiter

Es gibt ein Detail, das in dieser Art von Debatten immer wieder auftaucht und das man ohne Beschönigung betrachten sollte. Ein Teil derer, die auf dem Camp die Faust schwingen, hat nie ein Gerüst betreten. Man beschreibt sie als Erwachsene Mitte dreißig, mit Studium, mit elterlichem Haus im Rücken, die mit vier bezahlten Beitragsmonaten über die Arbeiterklasse reden. Währenddessen haben der Lieferbote, der Kellner mit zwanzig Stunden am Wochenende oder der Fahrer, der zwölf Stunden am Lenker sitzt, Sorgen, die auf keinem Transparent stehen: die Miete, der Lohn am Monatsende, unfaire Konkurrenz. Diese Kluft zwischen dem Papp-Arbeiter und dem echten Arbeiter ist wahrscheinlich der unbequemste Fakt der ganzen Angelegenheit.

Zwei Erzählungen, ein Spiegel

Das Muster wiederholt sich auf beiden Seiten. Die eine klagt Übergriffe an und bezeichnet die andere als gewalttätig. Die andere macht genau dasselbe mit vertauschten Rollen. Jede hat ihr Video, ihren Screenshot, ihren Zeugen. Und keine akzeptiert das Video der anderen. Die Folge ist, dass die Etiketten „Faschist“ und „Roter“ aufgehört haben, Ideologien zu beschreiben, und zu Wurfgeschossen geworden sind. Wenn das passiert, wird der öffentliche Raum zum Schlachtfeld, auf dem derjenige recht hat, der filmt – und wer nicht filmt, existiert nicht.

Auffällig ist, dass die meisten Menschen trotz des Lärms weiterhin über den Platz gehen, ohne sich umzublicken. Es gibt keinen Beleg dafür, dass 50 % der Bevölkerung die anderen 50 % fürchten. Was es gibt, ist eine sehr aktive, sehr gefilmte und sehr verstärkte Minderheit, die gelernt hat, dass das kurze Video das neue Transparent ist. Und eine schweigende Mehrheit, die einfach nicht ruft.



Am Ende ist die verstörende Zahl nicht, wie viele Faschisten sind. Sondern wie viele glauben, dass es die anderen sind. Und diese Zahl, so viel man sieht, wächst nur.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (17 Antworten).

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