„Kulturalmarxismus“: drei Thesen und kein Beweis zu seinem Ursprung
Woher kommt das, was die halbe Welt Kulturalmarxismus nennt? Laut einer der im Spiel befindlichen Thesen aus keinem sowjetischen Ort: Es sei eine angelsächsisch geprägte Sozialtechnik, zubereitet von Eliten und Thinktanks, um den klassischen Marxismus innerhalb der Linken zu ersetzen und die kulturelle Identität der Länder unter westlichem Einfluss auszuschalten. Die Hypothese stützt sich auf drei Vektoren – Universitäten, Kulturprodukte und Agenturen – und stößt auf eine unbequeme Tatsache: Russland ist heute ein kapitalistisches Land, und auch China passt nicht ins Bild. Von da an ist die Uneinigkeit total.
Was wird da „Kulturalmarxismus“ genannt?
Das Etikett bündelt ein heterogenes Paket: Proge, bestimmte feministische Strömungen, Multikulturalismus, offene Migrationspolitik, radikalen Ökologismus, Gender-Aktivismus und Regionalismen. Das zentrale Argument lautet, dass dieses Bündel den realen Marxismus – den der UdSSR oder Maos – ersetzt hat, bis zu dem Punkt, dass die institutionelle Linke nicht mehr den Klassenkampf, sondern die identitäre Zersplitterung verlange. Der Verdacht lautet: Das Ziel ist nicht die Umverteilung von Reichtum, sondern das Zerbrechen von Identitäten, um die Empfängerländer zu schwächen.
Mit dieser Prämisse hört der Gegner auf, der klassische Kommunismus zu sein, und wird etwas Diffuseres. Und je diffuser der Feind, desto leichter lässt sich alles hineinpacken, was stört.
Die angelsächsische Spur: von Hollywood zur Integrity Initiative
Nach dieser Lesart gibt es drei Kanäle. Die angloamerikanischen Universitäten, die das Gedankengut an die Jugend der Satellitenländer exportieren. Die Kulturprodukte – Kino, Serien, Werbung, Netflix, Amazon, Hollywood –, die die Doktrin mit Unterhaltung verstärken. Und die politische Infrastruktur: Thinktanks, Agenturen und Geheimdienste (CIA und MI5 werden genannt), dazu philanthropische Netzwerke vom Typ Open Society. Der Fall, der ins Feld geführt wird, ist der des Oberst Baños, der angeblich über die Integrity Initiative neutralisiert wurde. Wer das behauptet, legt keine Dokumente vor, und die Aussage bleibt in der Luft.
Dasselbe gilt für die Frankfurter Schule: Es wird behauptet, eines ihrer Mitglieder, Marcuse, habe für die CIA gearbeitet – eine Behauptung ohne jeden Beleg. Ohne Papiere funktioniert die These als Erzählung, nicht als Beweis.
Die sowjetische Spur: Bezmenow, Mao und die Scheidung
Das gegenteilige Lager behauptet genau das Gegenteil. Der von Bezmenow beschriebene sowjetische Subversionsplan habe nie aufgehört, und dieselben Leute, die heute auf die Anglosphäre zeigen, würden unwissentlich das Drehbuch Moskaus abarbeiten. Die angeführten Indizien: Die UdSSR war Vorreiterin bei Scheidung, Abtreibung und Frauenbefreiung; und die chinesische Kulturrevolution der sechziger Jahre diene als Präzedenzfall für das, was im Westen geschieht. China in den Sechzigern, die USA 2020 erscheint als wiederkehrender Vergleich.
An jene maoistische Kampagne erinnert man sich an die Liste der Ziele – Geistliche, Universitätsprofessoren, Großgrundbesitzer, Reaktionäre – und an die Rolle der jugendlichen Roten Garden von 1966, die sogar ihre eigenen Lehrer töteten. Erwähnt wird sogar, dass der junge Xi Jinping in jener Zeit seine eigene Familie denunzierte – eine Episode, die als Illustration der Indoktrinierung dient. Der Einwand liegt auf der Hand: Wenn Russland kapitalistisch ist, wer finanziert dann das Paket?
Die unbequeme These: Es ist Liberalismus, kein Marxismus
Eine dritte Strömung, die für die beiden vorherigen Lager die unbequemste ist, hält all dies für keineswegs kommunistisch. „Proge ist zu 500 % Neoliberalismus“, heißt es dort sogar, und ein anderer fügt hinzu, wer Marx wirklich lese, erlebe eine Enttäuschung, denn der Kulturalmarxismus sei nichts weiter als angelsächsischer Liberalismus vom Allerbilligsten. In dieser Lesart kommen die Identitätspolitiken nicht aus einer revolutionären Zelle, sondern aus dem Markt: Der Kapitalismus fand in der sozialen Fragmentierung einen neuen Konsumenten für jede Nische.
Es gibt eine noch unbequemere Variante: die technologische. Wer sie vertritt, hält dafür, dass wirtschaftliche und technische Veränderungen die Formen der Vergesellschaftung von sich aus verändern, und dass alles einem geplanten Vorhaben zuzuschreiben, naiv wäre.
Die, die keinen Plan sehen: die Inflation des Etiketts
Der zynischste Skeptizismus kommt von denen, die betonen, das Etikett passe auf alles. Wenn der kommunale Polizist Marxist ist, weil er einen Strafzettel ausstellt, der Bankangestellte, weil er einen Schalter schließt, und die Lehrerin, weil sie bestimmten Unterricht gibt – dann wären auch die Regierenden Marxisten, die Opposition und sogar das Staatsoberhaupt. Nach diesem Maßstab beschreibt der Begriff nichts mehr und wird zur Beleidigung.
In dieselbe Richtung geht der Hinweis, dass ein Teil dieses Diskurses einen permanenten Schuldigen braucht und dass nach dem Fall des Sowjetblocks die Erzählung recycelt werden musste. Präzisiert werden sollte: Eine Minderheitenfraktion dieses Diskurses driftet in Verschwörungstheorien über internationale Eliten ab; das sind Behauptungen ohne jeden Beleg und halten nicht stand.
Wer profitiert vom Durcheinander?
Hier kreuzen sich die Positionen. Ein Teil antwortet mit der klassischen Frage, wem es nützt: Wenn die Eliten vom Chaos profitieren, zählt die Urheberschaft weniger als das Ergebnis. Ein anderer Teil hält dafür, dass die angelsächsischen Länder selbst die ersten Geschädigten sind und dass die Diagnose von Opfer und Täter vertauscht ist. Und ein dritter, vielleicht der produktivste, verlangt, dem Geld zu folgen, bevor man der Fahne folgt.
Niemand, in der Gesamtheit der angeführten Argumente, legt das Dokument vor, das den Fall abschließt. Alles ist Inferenz, Analogie und mehr oder weniger vernünftiger Verdacht.
Wer hat den Kulturalmarxismus erfunden? Je nach gewähltem Lager: die CIA, der KGB, Mao, die Wall Street oder die Frankfurter Schule. Bei diesem Tempo wird es bald mehr Autoren als Marx-Leser geben.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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