Sneakers dominieren 70 Prozent des klassischen Schuhhandels

Santa Eulalia erzielt 70 % Umsatz mit Sneakern. Der klassische Herrenschuh verliert an Bedeutung durch Komfortbedürfnisse und den Trend zur Casualness.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sneakers dominieren 70 Prozent des klassischen Schuhhandels
Sieben von zehn verkauften Paaren sind heute Sportschuhe

Im wohl bürgerlichsten Schuhgeschäft Barcelonas verlassen sieben von zehn Paar Schuhen das Geschäft als Sneaker. Diese Zahl stammt nicht aus einem Branchenbericht, sondern von Santa Eulalia, dem lokalen Barometer für Eleganz: Das Unternehmen erwirtschaftet 70 % seines Umsatzes mit Turnschuhen und Sportschuhen im Vergleich zu nur 30 % mit klassischen Lederschuhen, die fast ausschließlich italienischer oder britischer Herkunft sind – keine einzige spanische Marke ist im Sortiment vertreten. Der klassische Herrenschuh stirbt aus. Und das liegt keineswegs am Preis.

Komfort und »Casual« verdrängen den traditionellen Schuh

Experten nennen zwei Hauptgründe. Der erste ist der Komfort: „Als die formelle Kleidung verschwand, verschwand auch der passende Schuh“, fasst der Barcelonaer Maßschneider Ramón Piqué zusammen. Er nennt einen dritten, unerwarteten Faktor: Podologen. Der zweite Grund ist die Informalität, dieser allgegenwärtige Casual-Trend. Der Modehistoriker Carlos Sánchez de Medina, der an der Universität Granada lehrt und einen Mode-Podcast betreibt, erinnert daran, dass klassische Schuhe eine schmerzhafte Eingewöhnung erforderten – und dass wir in Zeiten leben, in denen niemand mehr solche Mühen auf sich nimmt. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt.

Wer schon einmal Lederschuhe getragen hat, kennt den Aufwand: Sie drücken, müssen gereinigt, poliert und gepflegt werden. Sneaker hingegen wandern einfach in die Waschmaschine. Vicente Pastor, Präsident der Spanischen Schuhindustrie-Föderation (FICE), weist auf ein industrielles Problem hin: Die teuersten Schuhe sind genau die eleganten Modelle, deren Produktionsstrukturen am stärksten unter Druck stehen. Italienische und spanische Marken mussten daher Komfort-Antiestéticatures integrieren, um in einem wettbewerbsintensiven Markt bestehen zu können.

Balenciaga für 850 Euro: Der sichtbare Luxus

Auch der Preis erklärt nichts. Sneaker sind bei Menschen unter 25 Jahren extrem beliebt, selbst wenn sie teurer sind als klassische Schuhe. Ein Modell von Louis Vuitton, Balenciaga, Off White, Nike, Autry, On oder Golden Goose strahlt sofort Status und Preis aus; Oxford-Schuhe von Berluti oder Alden oder Schnallenschuhe von John Lobb bleiben anonymen Luxus, den kaum jemand auf der Straße erkennt. Die Balenciaga Estimulante ilegal, eine Socke mit Gummisohle für 850 Euro, sind zum Objekt der Begierde ganzer Universitäten geworden – obwohl man auf der Straße vor allem Imitate für 50 oder 75 Euro sieht.

Ein unbequemer Aspekt dabei ist: Die Zielgruppe, die dieses Geschäft trägt, kauft oft Schuhe, die in China hergestellt wurden, wenig langlebig sind und nach einer Saison weggeworfen werden. Eine Beziehung zu einem Paar Schuhe, das zwei oder drei Jahrzehnte hält, existiert schlicht nicht mehr.

Von den Achtzigern bis zur Pandemie: Wie die Wende entstand

Der Wandel kam nicht über Nacht. In den 1980er-Jahren begannen reine Sportmarken wie Adidas oder Nike, Prestige und Innovation in ihre Produkte zu übertragen. Es entstanden die ersten Athleisure-Ikonen – der Tennisspieler Stan Smith – und Prominente, die formelle Anzüge, sogar Smokings, mit Sneakern kombinierten (denken wir an Emilio Aragón in Spanien um 1992). Große Modehäuser erkannten das Potenzial und setzten alles daran, den konventionellen Schuh zu verdrängen. Die Corona-Pandemie gab den letzten Stoß, und die gesamte Bekleidungsbranche drehte sich vollends Richtung maximaler Bequemlichkeit.

Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs

Hinter dem Niedergang steht ein arbeitsmarktliches Problem, das kaum Beachtung findet. Die Clínica del Calçat in der Calle Calvet in Barcelona lebt von Reparaturen und dem Mangel an Nachfolgern: „Kein junger Mensch will das Handwerk lernen“, gibt der Inhaber Isidre Castellà zu. Sein Team besteht überwiegend aus Arbeitskräften, die von außerhalb kommen. Am anderen Ende des Spektrums fürchtet der Architekt Óscar Tusquets, der sechs maßgefertigte Paare von John Lobb aus London besitzt, dass der Niedergang auch die Handwerker trifft. Er hofft, dass sein Sohn diese Schuhe erbt. Die Paradoxie: Das Interesse an handgemachten Schuhen steigt wieder, wie Ubrique, das Zentrum der Lederwarenherstellung in Cádiz, beweist.

Kehrt der Lederschuh zurück? Chelsea Boots, dünne Sohlen und spanische Marken

Nicht alles ist schlecht für das Leder. Luis Sans bemerkt Kunden, die es leid sind, bei allen sozialen Aktivitäten außerhalb der Arbeit Sneaker zu tragen. Der spanische Schuhmarkt behält Nischen: Carmina, die Mezlan-Schuhe aus Almansa, die heute als Luxusartikel verkauft werden, Jhayber aus Elche oder die komfortableren Angebote von Fluchos, Pikolinos und Callaghan. Zudem entsteht ein Trend, der nicht nach Eleganz strebt, sondern nach etwas anderem: Schuhe mit sehr dünnen Sohlen, fast barfuß, für Menschen, die berichten, dass sie dadurch Beweglichkeit in Zehen, Füßen und sogar Rücken wiedergewonnen haben.

Hier liegt das eigentliche Schlachtfeld. Einige argumentieren, dass Sportschuhe den Fuß ruinieren und dass Leder besser atmet; andere entgegnen, dass Party-Sneaker die Füße genauso strapazieren wie schlecht gemachte Lederschuhe. Das Preisargument fällt weg – 200 Euro für normale Camper-Schuhe laden nicht gerade zum Kauf ein – und auch das Komfortargument, denn moderne Casual-Schuhe sind bereits ab Werk bequem.

Die Verteilung ist jedoch ungleich geblieben: Unbequeme Schuhe, die aus ästhetischen Gründen getragen werden, finden sich heute hauptsächlich im weiblichen Bereich des Marktes.

Mit diesen Voraussetzungen stellt sich nicht die Frage, ob der Lederschuh zurückkehrt, sondern ob ihn überhaupt jemand vermissen wird. „Mode ist das einzige Feld, in dem nichts endgültig verloren ist“, urteilt Piqué. Welche Schuhe wird ein Mann tragen, dem nie beigebracht wurde, wie man sich an harte Schuhe gewöhnt?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (225 Antworten).

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