Schröder fordert Öffnung von Nord Stream 2 zur Bewältigung der Energiekrise

Gerhard Schröder schlägt die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 als einfachste Lösung der Energiekrise vor, während sich Deutschland über den achtfach gestiegenen Gaspreis spaltet.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Schröder fordert Öffnung von Nord Stream 2 zur Bewältigung der Energiekrise

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Berlin von 1998 bis 2005 regierte, hat erneut das Pipeline-Projekt ins Gespräch gebracht, das sein Land maßgeblich mitvorantrieb. In einem Interview mit dem Magazin Stern und dem Sender NTV bezeichnete Schröder Nord Stream 2 – die Unterwasserleitung durch die Ostsee zwischen Russland und Deutschland – als „die einfachste Lösung“ für die europäische Energiekrise. „Wenn es wirklich eng wird, gibt es diese Pipeline, und mit beiden Nord-Stream-Leitungen gäbe es keine Versorgungsprobleme für die Industrie und die deutschen Haushalte“, argumentierte er.

Die Infrastruktur ist fertiggestellt. Der Bau wurde im September abgeschlossen, und die Anlage ist jederzeit betriebsbereit. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte die Zertifizierung gestoppt, nachdem Moskau am 22. Februar die Volksrepubliken Donezk und Luhansk anerkannt hatte. Dieser ausstehende bürokratische Schritt ist zum Kernpunkt der gesamten europäischen Energiedebatte geworden.

Warum ist Nord Stream 2 blockiert?

Es gibt keine technischen Gründe. Die Leitung ist gebaut und weist aufgrund ihres Alters keine Probleme auf, wie sie bei älteren Anlagen üblich sind. Die Blockade ist politisch motiviert. Berlin hat die Zertifizierung ausgesetzt und seither keinen Schritt unternommen. Manche vermuten, dass die Entscheidung nicht erst am 22. Februar fiel, sondern bereits länger unter dem Druck Washingtons vorbereitet wurde. Ein vom US-Kongress verabschiedetes Gesetz sah bereits Sanktionen gegen Unternehmen und Länder vor, die an dem Projekt beteiligt waren. Aus europäischer Sicht wurde dies als kaum rechtfertigbare Einmischung zwischen zwei Handelspartnern gewertet.

Schröder ist keine neutrale Stimme. Seine spätere Tätigkeit in der russischen Energiewirtschaft – sowie seine Nähe zum russischen Präsidenten – machen ihn für einen großen Teil des deutschen Establishments zu einer unbequemen Figur. Befürworter seiner Position entgegnen, dass die Botschaft auch dann gültig sein kann, wenn der Übermittler eigene Interessen verfolgt. Sie erinnern daran, dass die deutsche Abhängigkeit von ostwestlichem Gas eine lange Tradition hat: Bereits 1955 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau, um diplomatische Beziehungen anzubahnen, und Ende der fünfziger Jahre boomte der bilaterale Handel.

Gaspreise, die die Rechnungen vervielfachen

Das wirtschaftliche Argument wiegt am schwersten. Nach Berechnungen, die in Branchenanalysen kursieren, hat sich der Gaspreis auf dem europäischen Markt verzachtfacht, was bedeutet, dass derselbe Brennstoff nun das Achtfache kostet. Es geht nicht nur um das fehlende Angebot durch die geschlossene Leitung, sondern um die Mehrkosten, die jede Fabrik und jeder Haushalt tragen muss. Hier kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Verflüssigtes Erdgas (LNG) aus den USA wird zu deutlich höheren Preisen verkauft und kann oder will die europäische Nachfrage oft nicht vollständig decken. Auf russische Lieferungen zu verzichten, ist in diesem Szenario nicht kostenlos.

Im Hintergrund steht eine industrielle Debatte. Mit günstiger und verfügbarer Energie bleibt die deutsche Produktionsstätte wettbewerbsfähig; ohne sie werden die Kosten auf Produkte und Löhne umgelegt. Einige Stimmen argumentieren, dass Sanktionen weniger einen Rohstoffexporteur treffen, der alternative Käufer findet, als vielmehr jene, die sie verhängen. Eine detaillierte Gegenüberstellung von Pipeline-Gas und LNG zeigt Differenzen, die überraschen und genau geprüft werden sollten, bevor man pauschalen Zahlen Glauben schenkt.

Ist Deutschland souverän genug, um seine Energiepolitik zu bestimmen?

Die Diskussion driftet schnell in heikle Bereiche. Eine Analyseströmung behauptet, Deutschland habe 1945 seine volle Souveränität verloren und seine Außenpolitik werde weiterhin von jenen bestimmt, die das Land wiederaufbauten. Nach dieser These wäre die Blockade der Pipeline keine deutsche Entscheidung, sondern eine, die anderswo getroffen wurde. Dem gegenüber steht das Argument, dass Berlin frei entschieden habe und legitime Gründe vorlägen, eine Infrastruktur nicht zu zertifizieren, die die Staatskasse Moskaus füllt. Der Konflikt zwischen diesen Lesarten prägt das gesamte Thema und lässt sich nicht allein durch Daten lösen.

Zwei Pipelines auf fast identischem Kurs

Ein technisches Detail widerlegt Teile der Debatte. Beide Stränge von Nord Stream verlaufen nahezu auf demselben Weg unter der Ostsee, mit dem Unterschied, dass einer in Wyborg und der andere in Ust-Luga beginnt. Die erste Leitung wurde 2012 fertiggestellt; die zweite ist neu. Befürworter der Öffnung betonen genau das: Eine neue Leitung sollte nicht die Probleme einer mehr als zehn Jahre alten Infrastruktur haben. Sie nennen zudem einen Nebeneffekt: Wenn beide Leitungen laufen, könnte Russland die Landrouten über Drittländer meiden und die volle Kontrolle über den Gashahn behalten.

Wo das Dilemma liegt

Die Öffnung von Nord Stream 2 würde die Versorgung sichern und die Rechnungen senken. Gleichzeitig würde sie die Position Moskaus stärken und die Einheitlichkeit der Sanktionsfront bröckeln lassen. Das ist die Diagnose, und dabei bleibt es. Schröders Vorschlag hat den Vorteil, das Problem klar zu benennen, ohne den Widerspruch aufzulösen: Niemand weiß, wie lange die europäische Industrie Rekordgaspreise aushalten kann, bevor sich die Alternative zwangsläufig ergibt.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (141 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver