Alcàsser: Die Aussage von Esther, dem vierten Mädchen, unter Verdacht
Hat Esther im Fernsehen gelogen? Diese Frage ist seit über zwei Jahrzehnten unbeantwortet geblieben. Das junge Mädchen, das 1992 im November erst 14 Jahre alt war, als ihre Freundinnen in Alcàsser verschwanden, saß sechs Tage nach dem Vorfall vor den Kameras, um zu erzählen, dass sie nicht mitgekommen sei, weil sie sich unwohl gefühlt habe. Ihre Schilderung, ihre nonverbale Kommunikation und die zeitlichen Unstimmigkeiten mit ihrer Mutter haben alle möglichen Theorien genährt. Einige behaupten, gestützt auf eine Analyse ihrer nonverbalen Kommunikation, dass sie mehrfach Lügen verraten habe. Andere hingegen erinnern daran, dass es ein nervöses Teenager-Mädchen war, das einem landesweiten TV-Interview gegenüberstand.
Der Kontext: Drei Verschwindensfälle und ein viertes Mädchen, das zu Hause blieb
Der Fall Alcàsser ist eines der medienwirksamsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Spaniens. Drei Jugendliche — Toñi, Miriam und Desirée — verschwanden, als sie zu einer Diskothek in der valencianischen Gemeinde fuhren. Ihre Leichen wurden nach einer verzweifelten Suche in einem Grab gefunden. Esther, eine Freundin der Opfer, war das vierte Mädchen, das in jener Nacht nicht mitging. Ihre Aussage wurde zum Schlüsselstück der offiziellen Erzählung und gleichzeitig zum Objekt dauerhaften Misstrauens.
Die Version, die sie im Fernsehen gab, lautete, dass sie indisponiert gewesen sei und dass ihre Freundinnen kurz bei ihr vorbeigekommen seien, bevor sie weiterfuhren. Allerdings stimmten die Stunden, die sie und ihre Mutter bezüglich der Ankunft und Abfahrt der Mädchen angaben, nicht überein. Diese Diskrepanz, die einige als Vergesslichkeit angesichts des Chaos jener Tage bezeichnen, wurde von anderen als Zeichen dafür interpretiert, dass sie Informationen verheimlichte.
Hat Esther in ihrem TV-Interview gelogen?
Die Antwort ist nicht schlüssig. Diejenigen, die davon ausgehen, dass sie log, stützen sich auf ihre nonverbale Sprache: gesenkter Blick, nervöses Lächeln und ausweichende Antworten. Eine in Kriminologie-Foren oft wiederholte Analyse weist darauf hin, dass sie in Minute 0:34 eines ihrer Auftritte, als sie sagt „Wollt ihr, dass wir Karten spielen?“, ihren Blick nach oben rechts schweift lässt, eine Geste, die manche mit imaginativer Visualisierung und somit mit Lüge assoziieren. Die Interpretation ist umstritten: Jeder, der schon einmal ein Vorstellungsgespräch hatte, weiß, dass Nervosität ähnliche Gesten hervorruft, besonders bei einem 14-jährigen Mädchen vor den Kameras nach dem Verschwinden seiner Freundinnen.
Die solideste Kritik kommt nicht von der nonverbalen Sprache, sondern von den zeitlichen Widersprüchen. Esthers Mutter erklärte, die Mädchen seien zu einer bestimmten Uhrzeit bei ihnen gewesen, während die junge Frau diesen Besuch in einen anderen Zeitrahmen legte. Der Unterschied betrug mehrere Stunden, was schwerlich auf einfache Zerstreutheit zurückzuführen ist. Diese mangelnde Übereinstimmung, gepaart mit dem damaligen Mediendruck, hat den Verdacht wach gehalten.
Die Theorie der Party in einer Villa und das Schweigen der Familien
Eine der am häufigsten wiederholten Hypothesen besagt, dass die drei Mädchen nicht zur Diskothek gingen, sondern zu einer privaten Party in einer Villa. Diese Möglichkeit würde erklären, warum sie ihren Eltern über ihr Ziel vorgelogen hatten. Wenn Esther wusste, dass der eigentliche Plan ein anderer war, hätte ihre Aussage dazu gedient, einen nie stattgefundenen Ausgang zu vertuschen. Manche behaupten, die Familien hätten diese Möglichkeit gekannt und vorgezogen, sie nicht aufzuwühlen.
Miriams Vater war krank und die finanzielle Situation war nicht rosig. Die Idee, dass die Mädchen im November spät nachts ohne Transportmittel zu einer Diskothek gehen sollten, wobei die private Party als Alternative dastand, erscheint einigen Analysten wenig plausibel. Die Villa-Hypothese wurde jedoch nie bestätigt.
Die Rolle der Presse und der Medienzirkus
Nieves Herrero interviewte Esther im Studio. Das damals 14-jährige Mädchen trat sechs Tage nach dem Verschwinden vor die Kameras. Der Mediendruck war enorm. Jahre später wurde bekannt, dass Staatsanwalt Beltrán ihr während des Prozesses sagte: „Beruhigen Sie sich, ich will Sie nicht quälen.“ Dieser Satz, der in Berichten aus jener Zeit festgehalten wurde, fasst den Ton der Befragung zusammen, der sie ausgesetzt war.
Esther arbeitete zwanzig Jahre nach den Ereignissen bei Renfe (der spanischen Eisenbahngesellschaft), wie aus einem Interview hervorging, das sie nie tatsächlich gegeben hat. Ihr Leben wurde durch einen Vorfall geprägt, den sie nie selbst inszenieren wollte.
Operation Trinity und Netzwerke der Anwerbung
Der Fall Alcàsser fällt zeitlich mit der Operation Trinity zusammen, die in den 90er Jahren ein Netzwerk für Kinderpornografie in Valencia mit Verzweigungen in den USA aufdeckte. Die Ermittlungen waren 2018 noch nicht abgeschlossen. Die Anwerbungen erfolgten in Umgebungen, die von Jugendlichen frequentiert wurden, wie Spielhallen oder Schlittschuhbahnen. Diese Verbindung, die gerichtlich nie mit dem Fall Alcàsser bewiesen wurde, nährt Theorien darüber, was in jener Nacht passiert sein könnte.
Der Fall bleibt ohne eine Erklärung, die alle überzeugt. Das vierte Mädchen sprach, aber ihre Aussage schloss keine Tür ab. Im Gegenteil, sie öffnete viele.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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