Steuerpolitik nach Maß: Montoro und das Netz der Reichen
Die Aufhebung des Ermittlungsgeheimnisses bringt einen Mechanismus ans Licht, der kaum wie ein Verwaltungsfehler aussieht. Das Finanzministerium (Ministerio de Hacienda) unter Cristóbal Montoro soll als Büro für legislative Gefälligkeiten fungiert haben: maßgeschneiderte Berichte, persönliche Akten über politische Gegner und ein Netzwerk von bis zu 16 Instrumentalfirmen zur Umleitung von Geldern. Die Zahl, die den Skandal zusammenfasst, ist nicht die Anzahl der Beschuldigten, sondern die Steuersparnisse der mit dem Büro des Ex-Ministers verbundenen Firmen: fast eine Milliarde Euro seit 2014.
Der Fall umfasst 17 Bände. Der Richter erhebt Anklage gegen Montoro und neun seiner hochrangigen Beamten wegen sieben Straftaten, darunter mehrere Korruptionsdelikte. Insgesamt sind mehr als 30 Personen betroffen, darunter Staatssekretäre, Unterstaatssekretäre, Generaldirektoren und der Leiter der spanischen Steuerbehörde (Agencia Tributaria). Die Anklage behauptet, dass Montoros Team Berichte erstellte, um die Volkspartei (PP) im Fall der schwarzen Kasse vor einer Steuerhinterziehung zu bewahren, und dass vom Ministerium vertrauliche Datenblätter gegen Juan Carlos Monedero, Mitgründer von Podemos, erstellt wurden. Die Ermittlungen laufen noch; es gibt keine rechtskräftige Verurteilung gegen die Beschuldigten.
Was die E-Mails von Equipo Económico enthüllen
Die bei der Beratungsfirma Equipo Económico, gegründet von Montoro, beschlagnahmten E-Mails sind das Herzstück der Ermittlungen. In einer Nachricht schlägt sein Büroleiter vor, den hinterzogenen Betrag künstlich zu reduzieren, damit er kein Delikt darstelle. Diese Version stimmte später mit der überein, die das Finanzministerium an den Richter sandte. Der Verdacht ist nicht, dass ein Buchhaltungsfehler vorlag, sondern dass die technische Bewertung an das Interesse des Beschuldigten angepasst wurde.
Das Büro arbeitete nicht kostenlos. Codere zahlte 679.000 Euro an die Beratungsfirma, während im Online-Glücksspielbereich zu ihren Gunsten Gesetzgebung betrieben wurde, laut einem Bericht der katalanischen Polizei (Mossos d'Esquadra), der in die Akten aufgenommen wurde. Die Guardia Civil beziffert die Zahlungen von Gasunternehmen an Equipo Económico auf 673.500 Euro. Ein neuer Bericht deutet auf direkte Transfers an die Partner hin, basierend auf Zahlungen der Unternehmen, um maßgeschneiderte Steuererleichterungen zu erhalten.
Die Finanzstruktur weist weitere Schichten auf. Die Ermittler entdeckten 16 Gesellschaften ohne Mitarbeiter, Aktivität oder bekannten Sitz, die mit den Partnern des Büros verbunden waren und möglicherweise genutzt wurden, um Geld nach Irland, Luxemburg oder Italien zu leiten. Es gibt auch Einkünfte aus Kolumbien, Panama und dem Vereinigten Königreich. Das Büro behauptet, die entscheidenden E-Mails seien ungültig, und bezeichnet die Ermittlungen als „prospektiv“, die über sieben Jahre unter Verschluss gehalten wurden.
Wie viel die Unternehmen durch Steuerermäßigungen sparten
Dokumente im Verfahren schätzen die jährliche Auswirkung der Senkung der Stromsteuer (Impuesto de la Electricidad) auf die öffentlichen Kassen zwischen 50 und 136 Millionen Euro. Hinzu kommen die Einsparungen der Unternehmen durch Änderungen bei der wirtschaftlichen Aktivitätssteuer (Impuesto de Actividades Económicas). Der Gesamtakku seit 2014 nähert sich einer Milliarde Euro, so die Berechnungen der Anklage. Diese Zahlen machen den Fall zu mehr als einem Einflussnahme-Skandal: Es ist eine Umverteilung von Einkommen vom Öffentlichen zum Privaten, ausgeführt innerhalb des Ministeriums, das sie hätte überwachen sollen.
Das Ministerium für Öffentliche Verwaltung warnte vor möglichen Klagen einiger Autonome Gemeinschaften, die für die Verwaltung der Stromsteuer zuständig sind. Galizien, damals regiert von Feijóo, taucht in den Dokumentenspuren auf. Die PSOE hat Erklärungen für die Zahlung von 170.000 Euro durch die Regionalregierung von Galizien (Xunta) an Montoros Büro zwischen 2009 und 2011 gefordert, obwohl die galizische Regierung eine Untersuchung ausschließt, da sie keinen Grund sieht.
Warum der Fall jetzt und nicht früher eskaliert
Das Verfahren wurde 2017 eröffnet, als Rajoy noch im Moncloa-Palast saß. Dieses Detail nährt die Hauptsorge: Dass die Akten jahrelang geheim blieben und nun in einer Phase der Schwäche der aktuellen Regierung aufgehoben werden. Manche argumentieren, die Justiz handle langsam, wenn die PP betroffen sei, und eilig, wenn der Fokus auf der sozialistischen Regierung liege. Dem gegenüber steht ein technisches Argument: Die Ermittlungen führt ein Gericht in Tarragona zusammen mit den Mossos d’Esquadra, und diese Isolierung diente genau dazu, Lecks und Beweisvernichtung zu vermeiden.
Die Staatsanwältin Carmen García Cerdá beschwerte sich schriftlich über die Passivität der UCO (Zentrale Einheit für Organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität der Guardia Civil). „Die Zivilgardisten wollen nichts tun“, protestierte sie beim Antikorruptions-Chefstaatsanwalt, mitten in einem Streit darüber, die Ermittlungen auf die Nutzung vertraulicher Daten gegen politische Gegner auszuweiten. Die Ermittlungen richten sich auch gegen Rodrigo Rato, Esperanza Aguirre und Journalisten, die Skandale im Umfeld des Ex-Ministers veröffentlichten.
Gesetzeshandel als Geschäftsmodell
Der Ausdruck, der das in den Akten Dargestellte am besten beschreibt, ist nicht klassische Korruption, sondern Gesetzeshandel. Eine Regierung, die Normen gegen enorme Geldsummen maßschneidert. Das Amtsblatt (BOE) als kommerzielles Werkzeug. Der Fall verbindet sich zudem mit einem Netzwerk von Unternehmen, die das Büro beauftragten: Ence, Codere, Gasversorger. Alle mit konkreten regulatorischen Interessen.
Die Verteidigung stützt sich auf ein Argument, das Prüfung verdient: Beratungsfirmen sind in Spanien üblich, werden von Unternehmensverbänden beauftragt und verlangen hohe Summen für ihre Vermittlung mit der Verwaltung. Das stimmt. Was infrage gestellt wird, ist nicht die Existenz dieses Berufs, sondern ob die technische Bewertung des Ministeriums dem Kundeninteresse folgte. Hier hören die E-Mails auf, bloße Formalitäten zu sein, und werden zu Beweismitteln.
Mit 17 Bänden und über 30 Beschuldigten bietet der Fall Stoff für Jahre. Wenn die Ermittlungen weitergehen und es zum Prozess kommt, muss die PP erklären, warum ihre wirtschaftliche Führung durch das Finanzministerium ging, ohne Spuren dieser Operationen zu hinterlassen. Wenn das Büro die E-Mails annullieren kann, verliert der Fall an Substanz. Keines von beiden ist entschieden.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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