Ibex 35 bricht unter 9.800 ein, während die Fed druckt und Europa zittert
Der Ibex 35 startete den November 2010 bei rund 10.400 Punkten und beendete ihn mit einem Bruch unter 9.800. Dazwischen lagen zwei unbestrittene Ereignisse: die Bestätigung einer neuen Stimulierungsrunde durch die US-Notenbank (Fed) und das Ausbrechen der irischen Krise. Die Paradoxie war unbequem: Je mehr Geld die Zentralbanken druckten, desto schlechter entwickelte sich der spanische Index. Der nationale Aktienmarkt brauchte keine Euphorie. Er brauchte, wie Händler wiederholt betonten, nur eines, was nicht kam: eine klare Geste der Regierung.
Was folgt, ist kein Bericht über eine einzelne Sitzung. Es ist das Protokoll dreier Wochen, in denen der
Chulibex – so nannte man ihn halb scherzhaft, halb ernst – zum schlechtesten Schüler Europas wurde. Während der deutsche DAX und der Dow Jones ihre Unterstützungsniveaus verteidigten, diskutierte man hier, ob die 9.800 Punkte ein Boden oder der Anfang des Abgrunds waren. Angesichts der Schlusskurse war die Antwort Letzteres.
Vom 10.400er-Niveau zu 9.800: Der Absturz, den niemand sehen wollte
Das Niveau von 10.400 diente seit Monatsbeginn als technische Referenz. Es coincidierte mit dem 50%-Fibonacci-Retracement seit den August-Tiefs, einem Punkt, den viele als sinnvolle Zone für Long-Positionen ohne allzu großes Risiko ansahen. Eine Weile funktionierte es. Dann tat es es nicht mehr.
Die erste ernste Warnung kam mit dem Durchbrechen der 9.780-Punkte-Marke. Danach änderte sich die Rhetorik. Man sprach bereits vom „Verlust der 9.800 und freien Fall“, davon, Geld „selbst aus den Steinen“ zu pressen, um die nächste Stufe zu verteidigen. Die Linie bei 9.490 erschien in den Charts als Obergrenze eines Kanals, dessen Bruch den Weg nach unten freimachen würde.
Der Kontrast zu anderen Indizes war brutal. Der DAX näherte sich der Obergrenze seines expansiven Kanals, der Dow Jones schien einen ungehinderten Anstieg einzuleiten. Der Ibex hingegen hinkte bei Aufwärtsbewegungen hinterher und führte bei Abwärtsbewegungen an. Diese Entkopplung wiederholte sich Sitzung für Sitzung: Er gab kräftig nach, während andere stiegen.
Warum stieg der Ibex nicht, während der Dow Rekorde markierte?
Die am häufigsten genannte Erklärung betraf die Staatsverschuldung. Indizes zur Vorhersage von Interventionen – eine Art Länderrisiko-Thermometer, das aufmerksam verfolgt wurde – zeigten ein vernichtendes Bild:
- Spanien: 23,47
- Griechenland: 13,44
- Irland: 3,33
- Portugal: -7,20
Sobald die Zahl positiv wurde, hieß es, sei eine Intervention sicher. Mit Spanien an der Spitze der Tabelle fand der Markt keinen Grund zum Kaufen. In Investorenkreisen wurde kommentiert, dass es ohne echte Willensbekundung der Exekutive in Form klarer kurzfristiger Maßnahmen „viel Leid“ geben würde und Short-Positionen Gold wert wären. Bei drastischen Maßnahmen hingegen öffnete sich die Tür zu 12.000 Punkten. Beide Szenarien waren wahr und widersprüchlich zugleich. Und so blieb der Index gefangen zwischen zwei unvereinbaren Zukünften.
Der zweite Teil des Arguments betraf die sogenannten Kauf-Tage im Rahmen des Fed-Stimulusprogramms. Man erwartete, dass die Federal Reserve täglich Liquidität injizieren würde. Einige feierten dies als Bodengarantie: „Verboten, den S&P zu senken. Wer es versucht, wird getötet.“ Andere sahen die dunkle Seite: Die Stimulus-Politik diene nur dazu, Börsen und Rohstoffe aufzublähen, während die Eurozone weiterhin Volatilität importiere. Der Euro fiel gegenüber dem Dollar, und niemand wusste genau, ob dies ein Segen oder ein Alarmsignal war.
Der Brent des Zements: Spanien zurück zu 1973
Mitten im technischen Lärm bahnte sich eine Nachricht mit der Wucht nackter Daten ihren Weg. Cemex, der mexikanische Zementhersteller, prophezeite vier Jahre „Disziplin“ beim Zementverbrauch in Spanien. Der Direktor seiner Anlage in Sarracena de Jalón sagte es unverblümt: Die aktuellen Produktionsdaten entsprachen denen von 1973.
Das bedeutet: Das Land hatte fast vier Jahrzehnte Fortschritt in einem seiner wirtschaftlichen Motoren rückgängig gemacht. Die Bauwirtschaft lag danieder, die Krise war eingetreten, und der Sektor erwartete keine mittelfristige Erholung. Wenn der Zementverbrauch auf das Niveau von vor 37 Jahren fällt, bleibt jede Analyse, die sich auf das Tageschart des Index konzentriert, zumindest hinken. Die Börse konnte rebounden. Spaniens Immobilienmarkt nicht.
Ist der Ibex 35 manipuliert?
Der Verdacht war nicht neu und gewann im November 2010 an Kraft. Die These, dass sich der spanische Index im Takt weniger Schwergewichte – Santander, BBVA, Telefónica – bewege, kursierte offen. „Nichts ist leichter zu manipulieren als dieser organisierte Betrug namens IBEX 35“, fasste ein Händler zusammen, „nur drei oder vier Werte darin manipulieren, VOILA, und das Wunder ist geschehen.“ Andere deuteten direkt darauf hin, dass die Europäische Zentralbank Geld hineinpumpte, um einen freien Fall zu verhindern.
Mit Santander, das in einer einzigen Sitzung um 4,73 % fiel, und Acciona, das 6,62 % verlor, hatte die Theorie Munition. Aber es gab eine weniger verschwörungstheoretische Lesart: Der Index sank aus denselben Gründen, aus denen das Land sank, denn die spanischen Banken waren das Thermometer eines Problems der Staatsverschuldung, das niemand lösen konnte. Santander testete den Boden in der Zone von 8,40–8,41 Euro, BBVA suchte die 7,13, und Telefónica zeigte Anzeichen weiterer Verluste. Wenn die drei Säulen des Index nach Süden zeigen, hört Manipulation auf, eine Hypothese zu sein, und wird zur Arithmetik.
Die Lektion dessen, der mit Verlusten schließt
Angesichts des täglichen Lärms war der am häufigsten gegebene – und am wenigsten befolgte – Rat der der Disziplin. In Worten, die in diesen Diskussionen täglich aufgegriffen wurden: „Jedes Mal, wenn Sie freiwillig eine Position mit Verlust schließen, ist Ihre Disziplin stärker als Ihr Optimismus. Sie sollten es lieben, Geld an den Markt zu übergeben, denn jedes Mal, wenn Sie es tun, stärken Sie Ihre Professionalität.“ Übersetzung: Wer einen toten Wert hält und auf seine Auferstehung hofft, investiert nicht, er spekuliert.
Das Material des Monats selbst gab dem Skeptiker recht. Kreuzgeschäfte in Minuten, Schließungen am Vormittag „weil ich mich beim Essen abgelenkt habe“, Shorts mit allem und Einstiege unter dem Ruf „from lost to the river“. Einen Tag verdiente man mit Bankinter, am nächsten verlor man das Verdiente. Die nervöse Rotation in Verfallstagen – es wurde angemerkt, dass ein negativer Abschluss sieben fallende Sitzungen der letzten acht bedeuten würde, etwas, das seit März 2009 nicht vorgekommen war – beschrieb einen Markt, der weder stieg noch fiel: Er flackerte.
Die Notiz, die niemand unterschrieb
Während dieser Wochen wurden auch ehrgeizigere Prognosen versucht. Man wettete – auf Tippplattformen, nicht im Orderbuch – dass der Ibex den November unter 10.200 Punkten schließen würde, zu Quoten von 6 zu 1. Der Wettgewinner behielt recht: Der Index endete deutlich darunter. Offen blieb die andere Wette: Dezember unter 9.000 Punkten, jene zu 14 zu 1. Niemand traute sich, sie zu bestätigen, da alle vom Weihnachtsrally ausgingen.
Die merkwürdigste Prophezeiung des Monats war keine börsliche. Ein lokaler Autor warnte seit Juni in einem eigenen Text davor, dass die Banken ihre Wohnungen in guten Lagen nicht verkaufen wollten und sie schließlich in Wellen freigeben würden, was zu einem abrupten Preisverfall führen würde. Monate später berichtete ein Wirtschaftsmagazin genau über diese Strategieänderung der Banken. Die Immobilienprognose traf ein. Die Börsenprognose tat es in diesem Monat nicht.
Mit dem Ibex 35 im Bereich der Tiefstände, europäischen Indizes, die Farbe zurückgewannen, und der Fed, die Liquidität goss, sagte die Logik, dass der Rebound jederzeit kommen musste. Dies wurde wochenlang gesagt. Ob der Boden bei 9.800, bei 9.490 oder nirgendwo lag, weiß man bis heute nicht, denn niemand – nicht einmal der überzeugteste Techniker – wagte zu unterschreiben, wo die Basis lag. Die einzige Gewissheit des Novembers 2010 war die alte: Während einige Punkte für den Rebound zählten, zählten andere Punkte für Entlassungen.