Bergkarabach: 2-Millionen-Drohnen und ein Waffenstillstand, der Armenien allein ließ
Kann ein Gerät für zwei Millionen Dollar über das Schicksal einer Armee entscheiden? Als Aserbaidschan am 27. September 2020 seine Offensive auf Bergkarabach startete, mit Bombardements auf Zivilzentren und ohne Angaben zu eigenen Verlusten, reagierte Armenien mit einem triumphalen Bericht: zwei Hubschrauber, drei Drohnen und drei aserbaidschanische Panzer außer Gefecht gesetzt. Die selbsternannte Republik Artsakh verhängte das Kriegsrecht. Vierundvierzig Tage später war Shushi verloren, ein Waffenstillstand mit russischen Friedenstruppen besiegelte die militärische Niederlage, und der Fokus verschob sich von der Front auf den Preis der Drohnen, die tatsächliche Rolle Moskaus und die Bilanz eines Konflikts, der die halbe Welt überraschte.
Die Rechnung des Krieges: 2-Millionen-Drohnen gegen Panzer aus den 70ern
Die erste Abrechnung war wirtschaftlicher Natur. Ein Kampfdrohne kostet, nach den während des Konflikts kursierenden Zahlen, mindestens fünf Millionen Dollar; eine Selbstmorddrohne etwa zwei. Und hier zeigt sich die Paradoxie: Wenn diese Geräte eingesetzt werden, um halb leere Lastwagen, veraltete Artillerie oder sogar aufblasbare Attrappen zu zerstören, kollabiert das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Eine wiederkehrende Bilanz fasste es ungeschönt zusammen: Die Drohne liefert großartige Propaganda, aber wenn man teure Munition gegen Schrott verschwendet, ist man der Dumme. Das Gegenargument kam schnell: Ein Bayraktar TB2 ist sein Gewicht in Gold wert, wenn man veraltete Flugabwehrsysteme vor sich hat.
Aber die unbequemere Lesart für die offizielle Erzählung ist eine andere. Aserbaidschan gewann nicht durch die Anhäufung unbemannter Luftfahrzeuge, sondern weil es viermal so viel Bevölkerung und eine doppelt so große Armee hatte. Die Drohnen waren das Tüpfelchen auf dem i, nicht der Kuchen selbst. Man sollte dies nicht vergessen, denn der Verlauf des Konflikts wurde lange vorher in den Büros entschieden, nicht in der Luft.
Warum entschied sich der Bergkarabach-Krieg in 44 Tagen?
Die Front bewegte sich dort, wo die Topografie es diktierte. Im Süden drängten die aserbaidschanischen Streitkräfte auf Fuzuli und Hadrut. Im Norden stand Martakert unter ständiger Belagerung, und die Front bei Martuni rückte langsam, aber stetig vor, bis die Kämpfe weniger als zwanzig Kilometer von Stepanakert entfernt waren. Der Latschin-Korridor geriet in die Reichweite mittlerer Artillerie, mit Geschützen von 155 Millimetern oder kleiner. Auf dem Papier schützten Berge und Kälte Karabach. Vor Ort kennt die Artillerie keine Höhenunterschiede.
Optimisten wiederholten, dass der Winter der beste Verbündete der Armenier sei und die Aserbaidschaner im Scharfschützenfeuer erfrieren würden. Pessimisten warnten vor dem Offensichtlichen: Wenn Shushi fiele – die symbolische Stadt, die die Erzählung trägt –, wäre alles verloren. Es fiel. Damit wurde klar, dass die Verteidigung eines kleinen, bergigen Gebiets nur so lange hält, wie Logistik und Geld es zulassen, nicht so lange, wie Reden es behaupten.
Russische Friedenstruppen: Verbündeter und Schiedsrichter zugleich
Das Ende wurde mit einem Detail besiegelt, das viele Analysten vom ersten Tag an betonten: Die Blauhelme, die schließlich die Konfliktparteien trennten, waren Russen. Moskau, theoretischer Garantiestaat für Armenien innerhalb der OVKS, positionierte sich als Garant des Waffenstillstands im Zentrum des Schachbretts. Diese Position war nach Ansicht vieler Beobachter die eigentliche Botschaft: In der russischen Hinterhofzone spielt man nicht auf beiden Seiten, ohne die Rechnung zu zahlen.
Die am häufigsten wiederholte Hypothese besagt, dass Armenien seinen Wunsch, mit dem Westen zu flirten, teuer bezahlte. Nach dem Regierungswechsel von 2018 – als eine Elite fiel, die angeblich Moskauer Interessen diente – glaubte Jerewan, sich auf andere Akteure stützen zu können. Das Ergebnis war eine Niederlage, besiegelt durch einen Waffenstillstand, den niemand freiwillig unterschrieb. Die Schlussfolgerung, in verschiedenen Formen wiederholt, lässt sich in einer Zeile zusammenfassen: Länder haben keine Freunde, sie haben Interessen, und Russland war keine Ausnahme.
Wurde Iskander gegen Aserbaidschan eingesetzt?
Eine der heftigsten Kontroversen der Nachkriegszeit drehte sich um ein Raketensystem. Das russische Verteidigungsministerium erklärte am 25. Februar, dass kein in Armenien stationierter Iskander während des Bergkarabach-Kriegs verwendet worden sei, und stützte dies auf sein objektives Kontrollsystem. Diese Aussage traf in Jerewan wie eine Bombe ein, wo man das Gegenteil als gegeben ansah.
Die Debatte wandte sich der armenischen Militärverwaltung zu. Ein hochrangiger Beamter des Verteidigungsministeriums bezeichnete die öffentlichen Diskussionen über die Wirksamkeit des Iskanders nach fünfundzwanzig Jahren im Amt als „unprofessionell, nur emotional“. Der dahinterliegende Verdacht ist, dass teure Waffen entweder gar nicht oder falsch eingesetzt wurden. Dies ist die Art von Frage, die ein geschlagenes Land nie ganz abschließen kann.
Die Gummipuppen-Armee und das Waffengeschäft, das keine Seiten unterscheidet
Aserbaidschan kaufte nicht nur bei der Türkei oder Israel. Ein Vertrag mit Rosoboronexport zur Lieferung von vierundzwanzig Mi-35M-Hubschraubern – zwölf kamen 2012, der Rest im November 2013 – ist der dokumentarische Beweis dafür, dass Russland beide Seiten aufrüstete. Die aserbaidschanische Luftwaffe bestand größtenteils aus wiederaufbereitetem sowjetischem Material. Ein Satz fasste es mit bitterer Ironie zusammen: In Russland ist alles käuflich, einschließlich der Armee.
Der Konflikt hinterließ auch eine Kuriosität, die die Berichterstattung mit Humor aufgriff: Die Theorie der „aufblasbaren Armee“, also aufblasbarer Militärausrüstungsmodelle zur Täuschung feindlicher Artillerie, schien in Karabach bestätigt worden zu sein. Die kriegerische Sarracena lautet: In einem Krieg billiger Drohnen bringt ein gut platzierter Gummipanzer mehr als ein echter, schlecht verteidigter.
Der Informationskrieg: Trollfarmen und doppelte Erzählungen
Keine der beiden Seiten erzählte die Wahrheit, und das ließen selbst ihre überzeugtesten Anhänger durchblicken. Eine wiederkehrende Strömung kritisierte den massiven Einsatz türkischer Bots in sozialen Medien, um die Erzählung zu überschwemmen. Eine andere erinnerte daran, dass die Türkei stark in Propagandafarmen investiert habe, quasi eine Mini-Russland in diesem Bereich. Aber der Gegenpunkt ließ nicht auf sich warten: Wer den Aussagen von Hunderten Twitter-Accounts glaubt, sollte sein Urteilsvermögen überprüfen lassen.
Die operative Lehre ist unbequem. Viele der triumphalen Videos – gesprengte Panzer, zerstörte Kolonnen – hielten der Zeit nicht stand. Die Berichterstattung selbst räumte ein, dass viele territoriale Fortschritte gemacht wurden, um „für die Kamera“ zu posieren, und dass die Propaganda beider Seiten mehr log als sprach. In einem solchen Konflikt ist das erste Opfer nicht die Wahrheit, wie das Klischee besagt: Es ist die Fähigkeit, einen echten Fortschritt von einer gehissten Flagge zu unterscheiden.
Von der Front zum Putsch: Paschinjan gegen seine eigene Armee
Nach dem Krieg begann die Politik. Im Februar 2021 meldete Premierminister Nikol Paschinjan einen versuchten Staatsstreich und entließ den Generalstabschef nach Rücktrittsforderungen hoher Militärs. Die Proteste mündeten nicht in einen Aufstand, verliefen aber fest: Zelte in Jerewan, der Generalstabschef weigerte sich zu gehen, und niemand rollte Panzer auf die Straße. Allerdings verurteilten die Türken, wie berichtet wurde, einen Putsch, den sie als erfunden ansahen.
Die tiefere Lesart kehrte zur politischen Rechnung der Niederlage zurück. Ein Herrscher, der unfähig ist, einen Krieg zu gewinnen, hört auf, das Land zu repräsentieren, und wer ohne Armee und ohne Erzählung dasteht, muss sich eine neue basteln. Einige behaupteten, Paschinjan sei eine nützliche Marionette fremder Interessen; andere sagten einfach, er sei gewählt worden und müsse nun die Konsequenzen tragen. Die Demokratie, so die Zyniker, verteilt Schuld mit einer Großzügigkeit, die kein Autokrat gewährt.
In der Zwischenzeit versuchte Armenien, sich unter Hochdruck neu aufzubauen. Ein nationales Unternehmen begann, eine Kamikaze-Drohne zu testen, die der israelischen Harop nachempfunden war – 500 Kilometer Reichweite, 2,88 Meter Spannweite, 4.000 Meter Flughöhe, 35 Kilogramm Gewicht und 10-12 Kilogramm Nutzlast – sowie einen Quadcopter mit Antipersonenminen. Reverse Engineering als Industriepolitik: Wenn man keinen Regenschirm kaufen kann, baut man ihn selbst.
Mit den Monaten brach die Debatte jedes Mal wieder auf, wenn der Latschin-Korridor Schlagzeilen machte. Die vorherrschende Angst, je kälter die Angelegenheit im Westen wurde, war, dass die Armenier in Artsakh am Ende keine andere Wahl hätten als nach Jerewan zu emigrieren. Und wie in jeder Geopolitik lautet die letzte Frage nicht, wer recht hat, sondern wer die Rechnung zahlt. Spoiler: Fast immer derselbe.
Dreizeintausenddreihundert Seiten Debatten, vierundvierzig Tage Krieg und eine Republik, die von den Karten verschwand, lange bevor sie aus den Reden verschwand. Die wahre Lehre ist nicht militärischer, sondern buchhalterischer Natur: Man kann ein Land auf Kredit verlieren, und jemand wird am Ende die Rechnung präsentieren.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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