Bachmut fällt nach 292 Tagen: Russlands blutiger Sieg

Bachmut steht nach 292 Tagen Kampf unter russischer Kontrolle, die Opferzahlen schwanken je nach Berechnungen zwischen 65.000 und 95.000 ukrainischen Toten.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Bachmut fällt nach 292 Tagen: Russlands blutiger Sieg
Bachmut fällt nach 292 Tagen Belagerung und einem Berg von Verlusten

Die Stadt Bachmut im Donbas steht nach 292 Tagen Kampf unter russischer Kontrolle, so die Zählung, die in der Konfliktanalyse verwendet wird. Die Zahl, die diese Schlacht zusammenfasst, ist nicht die des gewonnenen Geländes, sondern die der Abnutzung: Eine Enklave mit rund 70.000 Einwohnern ist zum ukrainischen Verdun geworden – mit dem Unterschied, dass die Festung hier tatsächlich gefallen ist. Der Sieg wird als vernichtend verkündet; der Preis wird, wie fast alles in diesem Krieg, angezweifelt.

Der Vergleich mit Verdun drängt sich sofort auf – und spricht nicht ganz zugunsten dessen, wer ihn anführt. 1916 machte die französische Propaganda die Festung zum Symbol unbesiegbarer Widerstandskraft, und am Ende hielt die Stadt stand. Bachmut hingegen hat den Besitzer gewechselt. Der Vergleich dient dazu, das Ausmaß des Opfers zu messen, nicht um Lorbeeren zu verteilen: Beide Seiten haben sich in einem Perimeter blutig verheizt, der auf der Landkarte allein die Rechnung nicht rechtfertigt.

Wie viele Verluste hat die Schlacht um Bachmut gekostet?

Die kursierenden Zahlen sind ein Glaubensakt. Auf ukrainischer Seite ist von 300 bis 600 Toten pro Tag in Bachmut und Umgebung während der letzten sechs Monate die Rede, mit einem Höhepunkt, als sich der äußere Kessel schloss und die Artillerie die Nachschubwege beschoss. Das ergibt, nach derselben Rechnung, zwischen 65.000 und 95.000 Tote, dazu eine vergleichbare Zahl Verwundeter unterschiedlicher Schwere.

Auf Seiten des privaten Unternehmens Wagner sprechen Schätzungen, die US-Medien zugeschrieben werden, von rund 9.000 Toten und 20.000 Verwundeten Anfang März. Wer die russische Version vertritt, korrigiert diese Zahlen nach unten – die westliche Propaganda, so das Argument, übertreibe immer – und beziffert die Gesamtverluste derzeit auf etwa 12.000 oder 13.000 Tote und 20.000-25.000 Verluste verschiedener Art. Eine überprüfbare Zahl gibt es nicht. Und gerade dieses Fehlen ist an sich schon ein Hinweis darauf, wie dieser Krieg erzählt wird.

Die tatsächliche Rolle der russischen Armee und Wagners in Bachmut

Die These, die das kampflustigste Narrativ stützt, lautet, die reguläre russische Armee habe in Bachmut eine «beiläufige und anekdotische» Rolle gespielt und allein Wagner habe sich der von der NATO ausgerüsteten und geführten ukrainischen Armee gestellt. Diese Behauptung ist mit Vorsicht zu genießen: Das private Unternehmen selbst beklagte Munitionsmangel, mit einem zugeteilten Geschosanteil weit unter dem, was nach seiner Darstellung die operative Berechnungsmethode des russischen Generalstabs verlangt hätte.

Dieses Detail – die Klage über fehlende Nachschub – widerspricht zum Teil dem Bild einer unbesiegbaren, autarken Wagner-Truppe. Auch dem einer abwesenden russischen Armee. Die Realität, die sich aus dem Gesamtbild ergibt, ist für beide Narrative unangenehmer: Eine Söldnertruppe, inklusive Rekrutierung in Gefängnissen, trägt die Hauptlast des blutigsten urbanen Angriffs des Krieges, während die reguläre Militärstruktur Flanken und Artillerie abdeckt.

Hat Bachmut strategische Bedeutung oder ist es eine Obsession?

An dieser Stelle spaltet sich die Analyse. Für die einen ist Bachmut ein Verkehrsknotenpunkt, der das noch ukrainisch gehaltene Donezk mit Luhansk verbindet, besonders nach dem Verlust von Lyssytschansk und dem Steckenbleiben der Offensive Richtung Charkiw bei Kreminna. Aus dieser Sicht ist die Leugnung seines Werts eine Art, die Niederlage zu beschönigen.

Für die anderen war Bachmut keine Schlüsselstadt, bis beide Seiten beschlossen, sie zu einer zu machen. Sie wurde tief gestaffelt befestigt, große Kräfte wurden eingesetzt, und der politische Wille – sie zu halten oder zu erobern – verlieh ihr einen Wert, den das Gelände nicht hatte. Das Ergebnis ist ein Lehrbuchfall: Jede Ödlandfläche wird zum Schlachtfeld, wenn die eine Seite sie befestigt und die andere darauf beharrt, sie zu stürmen. Wie Ypern oder Przemyśl im Ersten Weltkrieg.

Die Gegenoffensive und das Narrativ des taktischen Rückzugs

Der Fall des Stadtkerns beendet die Schlacht nicht unbedingt. Die Rede ist von einer «unmittelbar bevorstehenden» ukrainischen Gegenoffensive aus dem Umland, mit Rückzug in sicherere Gebiete, um aus festeren Positionen anzugreifen, statt im Nahkampf zu verharren. Das ist das Argument, das den Verlust in einen Feintzug verwandelt: der strategische Rückzug, den man Russland schon nach der Gegenoffensive des Vorjahressommers zugeschrieben hatte.

Das Problem dieser Argumentation ist, dass sie für alles passt. Wer gewinnt, rückt vor; wer verliert, zieht sich klug zurück. Derweil geht der Abnutzungskrieg weiter und die Prognosen steigen: Manche sprechen von sechs Monaten, andere halten acht oder zehn Jahre für möglich – mit einem Endergebnis, das in jedem Fall unverändert bleibt.

Die wirtschaftlichen Kosten und der Kampf um das Narrativ

Auch Geld kämpft mit. Die USA haben ein Militärhilfspaket von 375 Millionen Dollar für die Ukraine angekündigt – eine Zahl, die auf zwei Arten gelesen wird: als unverzichtbare Stütze Kiews oder als Preis für die Niederlage. Die zweite, ironische Lesart fasst die Skepsis zusammen, mit der ein Großteil der Analyse die Rechnung des Konflikts betrachtet.

Dazu kommt die Debatte darüber, wer wirklich gewinnt. Manche meinen, Washington habe seinen Anteil bereits erhalten: die russische Armee abnutzen, ohne einen eigenen Soldaten zu entsenden, ihre Taktiken und Waffen ausmessen, ihr Image als Großmacht zerstören und die eigene Rüstungsindustrie speisen. Dem gegenüber steht das Argument, der Krieg hätte mit einer schriftlichen Zusage zur NATO und zur Ukraine vermieden werden können. Über diesen Punkt – welche Garantien verlangt wurden und was geantwortet wurde – besteht keine Einigkeit, und es wird vermutlich auch keine geben.

Wie viele Bachmuts braucht es noch, bis jemand einen Stein bewegt?

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (57 Antworten).

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