Argentinien: Armut steigt auf 55,5 Prozent unter Milei

In Argentinien ist die Armut auf 55,5 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Dies betrifft 25 Millionen Menschen in den ersten Monaten von Präsident Mileis Sparpolitik.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Argentinien: Armut steigt auf 55,5 Prozent unter Milei
Argentinien: 25 Millionen arme Bürger und Mileis Sparprogramm

Das Observatorio de la Deuda Social (Beobachtungsstelle für soziale Schulden) der Universidad Católica Argentina hat das Ausmaß des Einbruchs quantifiziert: 25 Millionen Argentinier, also 55,5 % einer Gesamtbevölkerung von 46,2 Millionen, leben unterhalb der Armutsgrenze. Diese Daten beziehen sich auf die ersten Monate von Javier Milei im Amt, geprägt durch eine Abwertung der Währung um 118 % und Kürzungen bei den Staatsausgaben, die seine Regierung als "Kettensägen-Plan" bezeichnete. Die vorherige Armutsquote war um 11,5 Punkte niedriger. Der Bericht und seine Details sind der Ausgangspunkt einer Diskussion, die nicht abgeschlossen ist.

Wie viele Arme und Bedürftige gibt es in Argentinien unter Milei?

Der Anstieg beschränkt sich nicht nur auf die Armutsgrenze. Die extreme Armut stieg von 9,6 % auf 17,5 %: Diese Menschen haben keinen Zugang zu grundlegenden Nahrungsmitteln. Die Ernährungsunsicherheit betrifft 24,7 % der Bürger, 20,8 % der Haushalte und 32,2 % der Minderjährigen; in 8,8 % der Familien ist die Situation schwerwiegend. In der Metropolregion Buenos Aires, wo mehr als sieben Millionen Menschen leben, sind die Zahlen ähnlich beunruhigend: 26,4 % Ernährungsunsicherheit bei Personen und 35 % bei Kindern und Jugendlichen.

Ein Detail zeigt den Puffer, der die Ernährung der Jüngsten trägt: 42,6 % der Altersgruppe von 0 bis 16 Jahren erhalten staatliche Hilfe, um nicht hungrig ins Bett gehen zu müssen. Die Hälfte der Minderjährigen nutzt die Schulkantine, und 36,7 % essen mittags oder abends in sozialen Speiseküchen, die von Bewegungen geführt werden. Die vollständige Aufschlüsselung – nach Haushalten, Altersgruppen, Regionen – ergibt ein Bild, das keine einzelne Schlagzeile vollständig einfangen kann.

Der Skandal um die 6.000 Tonnen Lebensmittel

Bevor der Bericht bekannt wurde, brach das staatliche System zur Verteilung von Lebensmitteln zusammen. Das Ministerium für Humankapital, das Bildung, Arbeit, Kultur, Wissenschaft, Tourismus und Sozialhilfe umfasst, geriet wegen 6.000 Tonnen Milch, Reis und Mehl, die nicht verteilt wurden, ins Zentrum der Kontroverse. Die offizielle Darstellung änderte sich mehrfach: Zuerst wurde die Existenz dieser Reserven geleugnet, dann hieß es, sie seien kurz vor dem Verfallsdatum, später, sie gehörten zu einem Katastrophenfonds. Die Justiz leitete Ermittlungen wegen dieser Versäumnisse bei der Fürsorge ein.

Die Ministerin Sandra Pettovello, eine persönliche Freundin des Präsidenten, entließ ihren engsten Mitarbeiter, Pablo de la Torre, woraufhin Dutzende weitere Beamte zurücktraten. Der Kabinettschef Guillermo Francos sprang mit einer Unterstützungsbotschaft bei. Parallel schloss das Ministerium eine Vereinbarung mit einer Stiftung für Kinderernährung und bevorzugte religiöse Kongregationen als Vermittler gegenüber den sozialen Bewegungen, die es als Verwalter der strukturellen Armut ansieht. Der Streit zwischen diesen beiden Verteilungsmodellen dauert an.

Ist es Mileis Schuld oder kommt es von früher?

Hier geht die Analyse auseinander. Eine Strömung vertritt die Ansicht, dass Argentinien seit dem Militärputsch von 1976, über die Privatisierungen der Neunzigerjahre und die Konvertibilität, einen Niedergang erlebt, und dass sechs Monate kein halbes Jahrhundert neu schreiben können: Die Verarmung sei geerbt. Die gegenteilige Lesart betont die Geschwindigkeit des Verfalls: Die Armut stieg in einem Quartal um elfeinhalb Punkte, ein Tempo, das laut dieser Argumentation keine frühere Regierung verzeichnet habe.

Milei selbst bagatellisierte die sozialen Auswirkungen der Krise mit einem Satz, der sein Weltbild zusammenfasst: Wenn die Leute mit ihrem Lohn nicht das Ende des Monats erreichen könnten, würden sie auf der Straße sterben, und das stimmt nicht. Im Hintergrund steht die Frage, wie viel von diesen 55,5 % der Preis eines bewussten Sparprogramms ist und wie viel die Rechnung des Erbes. Niemand hat beide Faktoren bisher mit sauberen Daten trennen können.

Die Inflation, der einzige Punkt, den die Regierung verteidigt

Die Verteidigung der Regierung stützt sich auf die Preise. Befürworter der Sparmaßnahmen erinnern daran, dass die Inflation in der ersten Dezemberwoche – bevor Milei sein Amt antrat – bei 1 % pro Tag lag und die Großhandelspreise monatlich um 54 % stiegen. Sie behaupten, dass das Tempo danach gebremst wurde, bis es eine Woche ohne Veränderung gab, was laut einem ihrer Vertreter seit drei Jahrzehnten nicht vorgekommen sei. Gewerkschaften berechnen hingegen, dass Arbeitnehmer im Vergleich zum Vorjahr die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren haben, und Universitätsdozenten haben zu 48-stündigen Streiks aufgerufen, um Gehaltsanpassungen zu fordern.

Die Wechselkursfront erhöht laut einem der Beteiligten den Druck: Der Dollar liegt bei rund 1.300, die Zentralbank Argentiniens (Banco Central) hat wieder keine Reserven mehr, und der IWF knüpft die nächsten Auszahlungen an die Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen (Cepo). Deren Aufhebung erscheint in dieser Lesart als unvermeidlich, doch niemand garantiert, dass der Wirtschaftsminister den Mut dazu hat.

Der Punkt, an dem die Diskussion feststeckt, ist für alle unangenehm: Das Sparprogramm braucht positive soziale Daten, und im Debate wird eingeräumt, dass dies nicht innerhalb weniger Monate geschehen wird. Seine Gegner haben die Zahl der 25 Millionen zur Hand. Und dazwischen liegt eine Wirtschaft, die jahrelang zerstört war.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (247 Antworten).

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