Warum die Nancy Jazz verboten – und nicht nur aus Rassismus
Das nationalsozialistische Regime verfolgte den Jazz nicht nur wegen seiner afroamerikanischen Ursprünge. Es stempelte ihn offiziell als "entartete Musik" ab – der Begriff, den die deutsche Propaganda auf die Avantgarde und alle Kulturformen anwandte, die nicht in ihren Kanon passten – und verbot ihn im Rundfunk und bei öffentlichen Veranstaltungen. Der eigentliche Grund war doppelt: Sie hatten ihn nicht erfunden und kontrollierten ihn nicht. Ein Stil, der auf Improvisation, minimaler Absprache zwischen den Musikern und der Dominanz des Solisten aufbaut, war politisch gesehen die Verneinung des kollektivistischen Ideals, das das Regime durchsetzen wollte.
Was "entartete Musik" war und wie der Jazz darunter fiel
Der Begriff der "entarteten Musik" wurde nicht für den Jazz erfunden. Er wurde zuvor auf Avantgarde-Komponisten, atonale Musik und alles angewandt, was das tonale Schema des 19. Jahrhunderts sprengte. Der Jazz geriet aus zwei Gründen in diese Kategorie: seine afroamerikanischen Ursprünge und seine offene Struktur. Die Propaganda stellte ihn als Lärm dar, als minderwertige Form des Musizierens, und dieses Etikett diente sowohl der Diffamierung als auch der Rechtfertigung seines Ausschlusses aus den offiziellen Kreisen.
Ein Detail widerlegt das Zerrbild des Regimes als monolithischen Jazzfeind: Im Deutschland des Dritten Reiches gab es Jazzkonzerte. Sie waren keine Widerstandsakte, sondern kontrollierte Nutzungen, die in geschlossenen Kreisen oder zu Propagandazwecken geduldet wurden. Das Verbot war weder absolut noch einheitlich, und das erschwert die Erzählung, die Ablehnung sei rein ideologisch gewesen.
Django Reinhardt, Radio Vichy und die Besatzung
Der meistgenannte Fall ist der des Gitarristen Django Reinhardt, der im besetzten Frankreich nie aufhörte zu spielen und dessen Songs bei Radio Vichy gesendet wurden. Es ist ein unbequemes Beispiel für jede einfache Erklärung: Wäre die Ablehnung des Jazz eine einheitliche Politik der Achsenmächte gewesen, wäre das Überleben des Genres im deutsch kontrollierten Gebiet kaum zu verstehen. Die plausibelste Erklärung ist, dass das Verbot auf Kriterien der Kulturkontrolle beruhte und nicht auf reiner ästhetischer Abneigung.
Was das Regime nicht tolerieren konnte, war, dass ein Genre außerhalb seines Einflussbereichs zur massenkulturellen Referenz wurde. Der Jazz war populär, drang in Radio, Kino und Tanzlokale ein. Ihn zu verbieten war eine Möglichkeit, das Monopol über das, was gespielt wurde, zurückzugewinnen.
Improvisation gegen Kollektivismus: das politische Argument
Über den Rassismus hinaus gibt es eine politische Lesart, die weit verbreitet ist: Der Jazz verkörpert das Gegenteil des kollektivistischen Ideals. Eine Gruppe von Musikern verständigt sich auf ein Minimum – das Thema, die harmonische Struktur – und von dort an improvisiert jeder einzelne. Das ist organisierter Individualismus, keine Uniformität. Für ein Regime, das eine homogene Gesellschaft mit identischen Geschmäckern und Rhythmen anstrebte, war dieses Modell eine symbolische Bedrohung.
Die Paradoxie ist, dass dasselbe Argument in die entgegengesetzte Richtung verwendet wurde. In der UdSSR nannte man moderne westliche Musik "Musik für Affen", und im Nachkriegsspanien wurde das Instituto Español de Musicología (spanisches Institut für Musikwissenschaft) gegründet, um einen nationalen Kanon festzulegen. Der Jazz war jedem Regime unangenehm, das entscheiden wollte, was die Leute hörten.
Die Debatte über die Harmonie: komplexe Musik oder Lärm?
Ein Teil der Ablehnung des Jazz stammt nicht aus der Politik, sondern aus der ästhetischen Wahrnehmung. Manche behaupten, es sei harmonielose, dissonante und anarchische Musik, im Gegensatz zur geordneten Komplexität Bachs. Andere entgegnen, dass er gerade eine der harmonisch fundiertesten und komplexesten Musikformen überhaupt ist und dass man Komplexität mit Chaos verwechselt, wenn man ihn nie gehört hat.
Die Verwendung von Tönen, die in anderen Genres nicht vorkommen, die Improvisation über bereits geschriebene Themen und die rhythmische Freiheit erklären, warum er manchen Ohren fremd klingt. Es ist keine Frage des technischen Niveaus – niemand bestreitet die Qualität der Interpreten –, sondern der Erwartungen. Der Jazz will nicht eingängig sein; er will sich entfalten.
Warum der Jazz als soziale Bedrohung wahrgenommen wurde
In den dreißiger Jahren wurde der Jazz in weiten Kreisen als satanische, vulgäre und verrohende Musik wahrgenommen. Genau so, wie heute der Reggaeton wahrgenommen wird. Der Vergleich taucht immer wieder auf: Was heute wegen seiner Texte und seines Rhythmus verächtlich gemacht wird, wurde gestern wegen seiner Herkunft und seiner formalen Freiheit verächtlich gemacht. Die Zarzuela "La corte de Faraón" von 1910 empörte die Sittenwächter ihrer Zeit.
Das bedeutet nicht, dass alle Kritiken gleichwertig sind. Es bedeutet, dass die Ablehnung populärer Musik meist ästhetische, sarracena und klassenbezogene Gründe vermischt. Der Jazz störte diejenigen ohne musikalische Bildung und ebenso diejenigen mit Bildung, die ihn als minderwertig ansahen. Das analphabetische Pöbel, sagten manche, ertrage ihn nicht, weil er das Ohr angreife. Andere entgegnen, dass dieses angebliche Pöbel genau dasselbe ist, das die Lokale füllt, in denen Live-Jazz gespielt wird.
Die eigentliche Frage bleibt ohne abschließende Antwort. Das Regime verbot den Jazz aus Rassismus, aus Kulturkontrolle und aus Ablehnung der Improvisation als politischer Metapher. Alles drei gleichzeitig. Was nicht passt, ist die Vorstellung, es sei reine ästhetische Abneigung gewesen: Wäre dem so, hätte es keine geduldeten Konzerte und keine offiziellen Sender gegeben, die Reinhardt spielten. Die vernünftigste Prognose ist, dass die Debatte lebendig bleiben wird, solange es Menschen gibt, die verwechseln, was ihnen nicht gefällt, mit dem, was verboten werden sollte.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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