Das Guanchen-Rätsel: Römer, Sklaven und Berber auf den Kanaren

Die DNA bestätigt die berberische Herkunft der Guanchen, aber nicht, wie sie auf die Kanarischen Inseln gelangten. Römer, Sklaven und eine Purpurfabrik auf der Insel Lobos stehen im Mittelpunkt.

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Das Guanchen-Rätsel: Römer, Sklaven und Berber auf den Kanaren
Das Guanchen-Rätsel: Römer, Sklaven und Berber auf den Kanaren

Wie gelangten die ersten Bewohner auf die Kanarischen Inseln? Die Frage, die Historiker seit Jahrhunderten beschäftigt, hat bis heute keine endgültige Antwort. Die Guanchen, das einzige Urvolk Makaronesiens, verfügten weder über Boote noch über nautische Kenntnisse, als die Europäer im 15. Jahrhundert auf sie stießen. Dennoch deuten genetische und archäologische Befunde auf einen berberischen Ursprung in Nordafrika und eine Ankunft hin, die möglicherweise im 1. Jahrhundert erfolgte. Das Rätsel ihrer Ankunft und die Theorien, die von römischen Deportationen bis zu durch die Austrocknung der Sahara erzwungenen Migrationen reichen, stehen im Mittelpunkt einer Debatte, die Wissenschaft, Geschichte und Spekulation vermischt.

Eine durch DNA bestätigte berberische Herkunft

Analysen alter DNA aus Guanchen-Schädeln von Teneriffa und Gran Canaria haben eindeutig gezeigt, dass die ersten Bewohner der Kanarischen Inseln enger mit den heutigen Nordafrikanern berberischer Abstammung verwandt waren als mit irgendeiner anderen Bevölkerung. Die Studie, geleitet von der Universität Stockholm unter Beteiligung des Professors Juan Luis Arsuaga, zeigt auch, dass die heutigen Bewohner Gran Canarias zwischen 16 und 31 % guanchische genetische Abstammung besitzen. Hinzu kommt die Untersuchung alphabetischer Inschriften und der Ortsnamen der sieben Inseln, die ihre Herkunft aus dem Maghreb und in geringerem Maße aus Afrika südlich der Sahara bestätigt – vermutlich aus der antiken römischen Provinz Mauretanien.

Die Rückverfolgbarkeit des Genoms deutet darauf hin, dass die Berber in großer Zahl ankamen, wie die archäologischen Spuren von Vorräten, Waffen und tierischen Skeletten, die mit Radiokarbonmethode datiert wurden, belegen. Sie reisten gut ausgerüstet mit der Absicht, sich anzusiedeln. Eine Theorie besagt, dass die rasche Austrocknung der Sahara ihre Bewohner zur Auswanderung gezwungen haben könnte, wie die Bilder von Seefahrern in den Höhlen von Tassili (Algerien) und Tibesti (Tschad) nahelegen.

Das Paradox eines Volkes, das nicht segeln konnte

Am meisten verblüfft ist, dass die ersten Eroberer die Insulaner laut den Chroniken als unfähig beschrieben, zu segeln. Wie gelangten sie also auf einen Archipel, der mehr als hundert Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt liegt? Die Theorien mehren sich. Manche vertreten die Ansicht, sie seien von den Römern nach einem Aufstand im römischen Mauretanien deportiert worden und der Archipel sei später zu einer Art menschlicher Farm für den Sklavenfang bis zur kastilischen Eroberung geworden. Andere vermuten, ein Stamm könnte sich römische Schiffe angeeignet haben, sie zur Ankunft auf den Inseln genutzt und danach die Fähigkeit verloren haben, solche Schiffe zu bauen oder zu warten – und blieb isoliert.

Die römische Präsenz auf den Kanaren ist dokumentiert. Die Fundstätte auf der Insel Lobos vor Fuerteventura, 2012 offiziell entdeckt, ist die bedeutendste römische Landniederlassung der Kanaren. Es handelte sich um eine Manufaktur zur Herstellung von Purpur, des begehrten Farbstoffs aus Schnecken. Laut einer im Diskurs kursierenden Hypothese brachten die Römer berberische Sklaven auf die Inseln, die nach dem Zusammenbruch des Reiches tausend Jahre in Vergessenheit gerieten. Eine andere Analyse betont, dass die ersten Bewohner die Landwirtschaft kannten und jahrhundertelang betrieben, sie aber irgendwann verloren – sei es durch Mangel an Saatgut oder an Wissen – und im 15. Jahrhundert vom Sammeln und von der Viehzucht lebten. Sie praktizierten sogar Infantizid, wenn sie berechneten, dass die Insel keine größere Bevölkerung tragen konnte.

Juba II und die erste dokumentierte Expedition

Die bekannte Geschichte der Besiedlung der Kanaren beginnt in Caesarea, dem heutigen Cherchell (Algerien). Von dieser Hafenstadt aus finanzierte König Juba II die erste urkundlich belegte Expedition, die die Inseln erreichte, kurz nachdem er 25 v. Chr. den Thron Mauretaniens bestiegen hatte. Die Berichte jener Seefahrer und anderer Expeditionen sammelte Plinius der Ältere im Jahr 77 n. Chr. in seiner Naturalis Historia. Dank dieser Fahrten überführte Juba II den Archipel vom Reich des Mythos in die Realität. Juba II, ein romanisierter berberischer Monarch und Gelehrter, finanzierte Expeditionen, die die Säulen des Herkules überquerten. Vor ihm erwähnte bereits der Geograph Statius Sebosus die Inseln um 30 v. Chr., und die Karte des Agrippa, entstanden vor 12 v. Chr., führte sie erstmals auf.

Die Spuren des Purpurs und die ersten Kontakte

Nicht die Gesandten Jubas waren die ersten, die ankamen. Plutarch erwähnt Fischer aus dem Süden der Iberischen Halbinsel, die zwei im Atlantik gelegene, durch eine Meerenge getrennte Inseln erreichten – eindeutig Lanzarote und Fuerteventura –, die er die Inseln der Seligen nannte. Doch der solideste Beweis menschlicher Präsenz vor der Eroberung sind die Purpurerzeuger auf der Insel Lobos um das Jahr 40 v. Chr. Dieses Geschäft, von den Phöniziern kontrolliert, hinterließ seine Spuren in den Ortsnamen: Kanaren, Kanaaniter, Palmen und insulare Manufakturen. Die Phönizier, auch Kanaaniter genannt, waren bereits 800 v. Chr. auf ihren Routen nach Guinea dort vorbeigekommen.

Die Debatte um die heutige Bevölkerung und das genetische Erbe

Die Genetik beantwortet nicht alle Fragen. Gegenüber dem Befund, dass die heutigen Kanaren zwischen 16 und 31 % Guanchen-DNA bewahren, gibt es Stimmen, die behaupten, diese Zahl sei eine Falschmeldung und der berberische Beitrag sei verschwindend gering, sichtbar nur bei einigen Tausend Menschen mit vorspanischen Nachnamen. Die allermeisten heutigen Kanaren hätten mehr gaditanisches, sevillanisches, portugiesisches, galizisches oder französisches Blut als guanchisches. Die demografische Entwicklung der Inseln mit ständigen Migrationsströmen hätte die indigene Nachkommenchaft fast bis zur Auslöschung verdünnt. Auch die kanarische Pfeifsprache, der Silbo, ein Kommunikationssystem, das den Austausch von Botschaften zwischen weit entfernten Tälern ermöglicht, wurde als berberisches Erbe gedeutet, aber auch als Rudiment ähnlich wie Rauchsignale oder das Alphorn.

Ein Abschluss ohne endgültige Antwort

Das Rätsel, wie die Guanchen auf die Kanaren gelangten, ist weiterhin ungelöst. Die Beweise deuten auf einen berberischen Ursprung, eine massive und organisierte Ankunft und die römische Präsenz als mögliches Vehikel hin. Aber es gibt keine belastbare Theorie, die erklärt, warum ein Volk, das nicht segeln konnte, auf einem Archipel mehr als hundert Kilometer von der Küste endete. Deportation, Flucht, Schiffbruch oder schlichtes Abenteuer sind konkurrierende Hypothesen ohne klaren Sieger. Währenddessen betrachten die heutigen Kanaren ihre DNA und ihre Geschichte mit einer Mischung aus Stolz und Skepsis, im Bewusstsein, dass ihre Vergangenheit zum großen Teil ein ungelöstes Rätsel ist.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (91 Antworten).

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