Warum sind Einkaufszentren voll, obwohl die Löhne niedrig sind und Wohnraum unbezahlbar?
Ein Samstagnachmittag im CC Bonaire, einem der großen Einkaufszentren in Valencia: Es ist unmöglich, einen Parkplatz zu finden. Geschäfte wie Primark sind überfüllt, es gibt lange Schlangen an den Kassen, in Restaurants ist kein Tisch frei, Menschen warten auf die Öffnung der Kino-Gastronomie, Tüten voller Einkäufe und Kinokarten für 10 Euro mit Popcorn-Kombos, die fast 20 Euro kosten. Ein Teilnehmer des Wirtschafts-Subforums beschreibt diese Szene und stellt die Frage, die dem Thema seinen Titel gibt: Wie erklärt man volle Einkaufszentren bei niedrigen Löhnen, hohen Lebenshaltungskosten und unbezahlbarem Wohnraum? Die kurze Antwort lautet: Das Bild zeigt nicht das, was es vorgibt. Die ausführliche Erklärung umfasst 170 Antworten und mehrere sich widersprechende Theorien.
Der Eintritt ist kostenlos und Primark ist am günstigsten
Das erste Argument ist das offensichtlichste: Der Besuch eines Einkaufszentrums bedeutet nicht automatisch Konsum. Das Parken kostet nichts, die Klimaanlage auch nicht, und das Schaufensterbummeln bleibt die kostenlose Freizeitbeschäftigung schlechthin. Auf dieser Basis argumentieren einige, dass die Warteschlangen an den Kassen eine statistische Illusion sind: Kein Geschäft hält vier Kassen mit vier Angestellten offen, wenn eine einzige ausreicht, um alle Kunden abzufertigen. Eine dreiminütige Schlange ist kein Zeichen eines Booms, sondern Personalplanung.
Andere gehen weiter und beschreiben das Muster nach Tageszeiten. Morgens dominieren Frauen – von jungen Erwachsenen bis zu älteren Damen – mit Tüten aus Billigläden und ihrem entsprechenden Kaffee; gelegentlich begleitet ein Rentner seine Partnerin; und manche kommen gezielt zum Einkaufen und gehen wieder. Nachmittags gesellen sich Paare und Familien mit Kindern hinzu. Der Konsumwahn, so ein Teil der Analyse, hat ein Geschlecht, und die Unternehmen wissen das.
Der Lippenstift-Index: Wenn Reisen nicht drin sind, gönnen wir uns kleine Extras
Die meistzitierte Erklärung hat einen Fachbegriff: den Lippenstift-Index. Wenn Menschen sich teure Luxusgüter – eine Reise, eine Zweitimmobilie, ein Wunschauto – nicht leisten können, hören sie nicht auf zu konsumieren, sondern verlagern ihre Ausgaben auf erschwingliche Artikel, die ein Gefühl von täglichem Luxus vermitteln. Laut diesem Argument fallen Boomphasen solcher Artikel mit Phasen geringerer Kaufkraft zusammen. Kleine Käufe sind kein Zeichen von Überfluss, sondern ein Symptom dafür, dass Großeinkäufe unerreichbar sind.
Daher verteidigen viele die These, dass die Szene im Einkaufszentrum die Krise nicht widerlegt, sondern bestätigt. Der Warenkorb füllt sich mit billigen und verarbeiteten Produkten, weil Fleisch und Fisch nicht mehr finanzierbar sind. Freizeit konzentriert sich auf das Zugängliche: der Kaffee, die Fast-Food-Burger, die Kinokarte mit zwar teurem, aber tragbarem Popcorn. Was wirklich teuer ist – der Wohnraum – fällt aus der Gleichung.
Wer hat Geld, um ein Einkaufszentrum zu füllen?
Hier spaltet sich die Analyse in zwei Lager. Eine Strömung behauptet, die Löhne seien nicht so niedrig wie angenommen: Nur ein kleiner Prozentsatz verdient den Mindestlohn (SMI), viele haben ihre Wohnung seit Jahren abbezahlt, manche leben in WG-Zimmern oder noch bei den Eltern mit Vollpension. Ohne Kinder, mit Haustier und kleinen Haushalten steigt das verfügbare Einkommen stark an. Im Diskurs kursiert die Berechnung, dass ein Paar im öffentlichen Dienst (Funcionarios) monatlich zwischen 3.000 und 6.000 Euro zusammenbekommt, doppelt so viel durch Sonderzahlungen, und selbst mit Hypothek bleibt genug Geld für sorgenfreies Ausgeben.
Die Gegenströmung entgegnet, dass dies den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Mit 1.000, 1.100 oder 1.200 Euro monatlich bekommt man weder eine Hypothek noch eine Mietwohnung, und eine neue Immobilie kostet in vielen Städten 350.000 Euro plus MwSt., während gebrauchte Objekte rund 180.000 Euro plus MwSt. kosten. Angesichts dieser Realität geben viele auf, hören auf, für ein Unmögliches zu sparen, und konzentrieren sich darauf, ihr Gehalt zu genießen. Das ist kein Wohlstand, sondern buchhalterische Kapitulation.
Die Rolle der Migrantenbevölkerung und geteilter Haushalte
Ein weiterer Analysezweig blickt auf die Haushaltsstrukturen. Es wird argumentiert, dass ein relevanter Teil der Mall-Besucher Migranten sind, die für 1.500 Euro arbeiten und sich die Wohnung mit mehreren teilen, was ihnen freies Einkommen für Abendessen und Einkäufe lässt. Auch Rentner mit abbezahlter Wohnung und Beamte werden als Gruppen mit stabilen Einnahmen und begrenzten Ausgaben genannt. Einige ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass das Bild im Einkaufszentrum jene zeigt, die die Wohnkosten bereits gelöst haben, nicht jene, die darunter leiden.
Der Gegenpunkt kommt von denen, die daran erinnern, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der auf keinem Foto erscheint: jenen, die in schlechten Wohnungen eingesperrt sind, weil sie sich nicht einmal den Kaffee im Einkaufszentrum leisten können. Die Sichtbarkeit fremden Konsums misst nicht die wirtschaftliche Gesundheit eines Landes, nur die derer, die sie sich leisten können.
Der internationale Vergleich, der das Argument bricht
Wenn der Konsum in Einkaufszentren ein Thermometer für Reichtum wäre, würde halb Europa in Rezession stecken und halb Asien boomend sein. Es wird darauf hingewiesen, dass in Ländern mit deutlich geringerem Pro-Kopf-Einkommen luxuriöse Geländewagen und westpreisige, gut besuchte Einkaufszentren mit elegant gekleideten Menschen zu sehen sind. Sichtbarer Konsum unterscheidet nicht zwischen hohem Einkommen und hoher Verschuldung, und in Spanien könnte die Hälfte des zirkulierenden Geldes illusorisch oder direkt Kredit sein. Die schwebende Frage lautet, was passiert, wenn das platzt.
Das Fazit: Daten, die nicht zusammenpassen
Bei neuen Immobilienpreisen von 350.000 Euro plus MwSt. und Gehältern unter 1.200 Euro in weiten Teilen der Bevölkerung fällt die Theorie vom Konsum als Wohlstandsindikator in sich zusammen. Was man an einem Samstagnachmittag in einem Einkaufszentrum sieht, ist nicht das Porträt eines reichen Landes: Es ist das eines Landes, das beschlossen hat, sein Gehalt für Kleinigkeiten auszugeben, weil das Große längst außer Reichweite geraten ist.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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