Univista TV macht die Beleidigung von Sánchez zu seinem größten Zuschauermagneten
Ein digitaler Sender mit Sitz in Hialeah (Florida) und gut einer Million YouTube-Abonnenten hat sich zum Sprachrohr der schärfsten Kritik am spanischen Ministerpräsidenten entwickelt. In einem seiner letzten Videos lässt eine in den USA lebende spanische Journalistin an Pedro Sánchez ihr Herz aus und nennt ihn unter anderem „Sanchijuela“. Der Clip kursiert in den sozialen Medien und hat die Debatte neu entfacht, wie groß die Reichweite solcher Medien wirklich ist und ob die politische Beleidigung eine wirksame Strategie oder ein Eigentor ist.
Was ist Univista TV und warum ist der Sender wichtig?
Univista TV ist ein Internet-Fernsehsender, der im Mai 2020 in Hialeah, Florida, ins Leben gerufen wurde und sich an die kubanische Exilgemeinde richtet. Das Programm wird über Plattformen wie YouTube verbreitet, wo der Sender rund eine Million Abonnenten und je nach Analysedaten von Tools wie vidIQ zwischen fünf und sechs Millionen monatliche Aufrufe verzeichnet. Er ist bei weitem nicht der meistgesehene spanischsprachige Kanal, aber sein Einfluss in der Nische der politischen Nachrichten mit kritischer Haltung gegenüber der Linken ist beachtlich.
Die Journalistin, die im Video auftritt, ist Marian de la Fuente, eine Spanierin, die laut dem Gespräch vor 56 Jahren in Madrid geboren wurde. Sie lebt seit Jahren in den USA und betreibt einen Journalismus, der, wie sie selbst betont, weder bei RTVE noch bei La Sens praktiziert wird. In dem viral gegangenen Ausschnitt rekapituliert sie die Anschläge der ETA, erwähnt Irene Villa und nennt Sánchez unter anderem „sanchijuela“, „frankenstein“ und „pinocho“.
Die Beleidigung als Wahlwaffe: Nutzen oder Schaden?
Die Reaktion in Spanien ist nicht einstimmig. Manche halten solche Auftritte für ein Geschenk an das Sánchez-Lager, weil sie dem Ministerpräsidenten ermöglichen, sich als Opfer einer Schikanekampagne darzustellen und seine Kritiker zu delegitimieren. „Mit dieser Frau können in Spanien nur wenige mitfühlen“, fasst eine der Strömungen in der Debatte zusammen. Die Logik ist einfach: Wird die Botschaft als persönlicher Angriff statt als politische Kritik wahrgenommen, springen die gemäßigten Wähler ab.
Am anderen Ende wird argumentiert, die Beleidigung sei kein Exzess, sondern die wörtliche Übersetzung dessen, was ein wichtiger Teil der Wählerschaft denkt. „Sie hat nichts gesagt, was nicht ganz Spanien denkt“, lautet der Satz, der diese Haltung zusammenfasst. Für ihre Verteidiger hat die Journalistin einer Unruhe nur einen Namen gegeben, den die etablierten Medien nicht auszusprechen wagen. Die Diskussion dreht sich also weniger um den Ton als darum, wer das Recht hat, die Grenzen der öffentlichen Debatte zu ziehen.
Die Zahl, die das Narrativ vom „meistgesehenen Sender“ widerlegt
Die Behauptung, Univista TV sei der meistgesehene spanischsprachige Kanal in Lateinamerika, hält einer Prüfung nicht stand. Die Branchenzahlen ordnen seine Zuschauerschaft weit unter die großen hispanischen TV-Konglomerate in den USA und die wichtigsten spanischsprachigen YouTube-Kanäle ein. Anders sieht es mit seinem Einfluss in einem sehr konkreten Segment aus: der kubanischen Exilgemeinde, insbesondere in Florida, wo Antikastrismus und Kritik an der lateinamerikanischen Linken identitätsstiftend sind.
Dieses Publikum ist treu und laut, aber es repräsentiert nicht die Mehrheit der spanischsprachigen Bevölkerung. Die Verwechslung von Nische und Masse ist ein wiederkehrender Fehler in der Analyse digitaler Medien. Univista TV konkurriert nicht mit Telemundo oder Univision; es konkurriert um die Aufmerksamkeit einer Wählerschaft, die bereits überzeugt ist und Bestätigung sucht. Seine Funktion ist nicht, Unentschlossene zu informieren, sondern ein Narrativ zu verstärken.
Sánchez' Gesicht und das Besessenheits-Narrativ
Das Video beschränkt sich nicht auf Beleidigungen. Die Bilder von Pedro Sánchez, die den Beitrag begleiten – mit ernstem Gesicht und abwesendem Blick –, deuten manche als Beweis für fehlende Empathie. „Er wirkt, als wäre er vom Satan besessen, ohne den Hauch von Empathie“, schreibt jemand im Gespräch. Das ist der klassische Mechanismus der Politik als Schauspiel: Ein Standbild wird ausgewählt, ihm eine Stimmung zugeschrieben und eine Geschichte drumherum konstruiert.
Das Problem: Diese Art von Analyse liefert keine Daten, sondern Gefühle. Und Gefühle werden in der Politik nur dann zu Stimmen, wenn sie an eine frühere Erfahrung anknüpfen. Hier ist diese Erfahrung das Pandemie-Management, die Zügen-Krise oder die Bahnunfälle. Die Journalistin erwähnt die ETA-Anschläge und die Toten auf den Gleisen, um eine Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu stiften. Ein altes rhetorisches Mittel, aber ein wirksames.
Von „sanchijuela“ zu „Verräter“: das Vokabular der Entfremdung
Das Gespräch kippt schnell in grobe Beleidigungen. Begriffe wie „Verräter“, „Verbrecher“ oder „Satrap“ fallen, und den PSOE-Wählern wird vorgeworfen, mit öffentlichen Leistungen gekauft zu sein. „99 % der Wähler des Perro tun das, weil sie vom Staat in irgendeiner Form Geld bekommen“, heißt es dort sogar. Es ist eine Verallgemeinerung ohne empirische Grundlage, aber sie zeigt, wie weit die Entmenschlichung der politischen Debatte in Spanien fortgeschritten ist.
Das Phänomen ist nicht neu. Seit Rajoy ist kein spanischer Ministerpräsident einer mehr oder weniger organisierten öffentlichen Hetze entgangen. Geändert haben sich Ausmaß und Tempo. Früher brauchte man eine Zeitung, um ein Gerücht zu verbreiten; heute genügen ein YouTube-Video und eine Community, die es teilt. Die Folge: Politik wird zum Kontaktsport, bei dem der Gegner kein legitimer Konkurrent ist, sondern ein Feind, der vernichtet werden muss.
Das Geschäft mit der Empörung
Hinter dem Lärm steckt ein Geschäftsmodell. Sender wie Univista TV leben von programmatischer Werbung und Spenden ihres Publikums. Je extremer der Inhalt, desto höher das Engagement und damit die Einnahmen. Das ist keine Verschwörung, sondern einfache Aufmerksamkeitsökonomie. Die Beleidigung von Sánchez ist kein Zufall, sondern eine Verkaufsstrategie.
Das bedeutet nicht, dass alle Zuschauer einem Betrug aufsitzen. Viele teilen die Kritik aufrichtig und finden in diesen Kanälen ein Ventil, das ihnen die klassischen Medien nicht bieten. Aber man sollte Nachfrage nicht mit Wahrheit verwechseln. Dass eine Botschaft Publikum hat, macht sie nicht wahr. Und dass ein Sender eine Million Abonnenten hat, macht ihn nicht zum meistgesehenen im spanischsprachigen Raum.
Der Punkt, an dem die Analyse festhängt, ist dieser: Es gibt keine Möglichkeit zu messen, wie viel der Strafstimmen gegen Sánchez auf den Verschleiß seiner Regierungsarbeit und wie viel auf die Wirksamkeit dieser Sprachrohre zurückgeht. Die Umfragen fragen nicht nach Univista TV. Und wer sagt, dass er den Sender schaut, hat vorher vermutlich schon PP oder Vox gewählt, lange bevor es den Kanal gab.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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