Südafrika bringt Israel vor den Haager Gerichtshof wegen Völkermords
Ein Faktum, das jeden überrascht, der den Krieg in Gaza seit Oktober 2023 verfolgt: Der Staat, der Israel juristisch herausfordert, ist keine arabische Macht, nicht die Türkei und nicht Algerien. Es ist Südafrika, das am 21. November seinen Botschafter aus Tel Aviv zurückrief und die Beziehungen zu Israel aussetzte. Nun sitzt es vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, unter dem Dach der Völkermordkonvention von 1948, um eine Erklärung zu erwirken, dass Israel Verbrechen des Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen das palästinensische Volk begeht.
Der Zeitplan steht fest: Am 11. Januar trägt Südafrika seine Argumente vor, und am nächsten Tag reicht Tel Aviv seine Verteidigung ein. Israel, das die Anschuldigung unter Berufung auf Selbstverteidigung ablehnt, hat einen britischen Experten für internationales Recht als Vertreter benannt. Die Klage beginnt mit einem Satz, der den Vorstoß zusammenfasst: „Diese Klage bezieht sich auf Bedrohungshandlungen, die von der Regierung und dem Militär des Staates Israel gegen das palästinensische Volk, eine eigene nationale, rassische und ethnische Gruppe, veranlasst, geduldet, durchgeführt und weiterhin durchgeführt werden.“
Was Israel vorgeworfen wird und welche Zahlen genannt werden
Die südafrikanische Schrift, vorgelegt von einer Delegation unter Leitung des Justizministers Ronald Lamola, behauptet, Israel unterwerfe Palästinenser „völkermörderischen Handlungen“ und Apartheid, und wirft Tel Aviv vor, den Gazastreifen vorsätzlich in ein unbewohnbares Gebiet verwandelt zu haben, um die Bevölkerung physisch zu vernichten. Die Anklage verortet diese Politik auf „den höchsten Ebenen des Staates“.
Die von der klagenden Seite genannten Zahlen sind wie folgt: Seit dem 7. Oktober 2023 hätte die israelische Offensive rund 50.000 palästinensische Opfer zwischen Toten und Verletzten gefordert, überwiegend Kinder und Frauen, laut den Behörden des Gazastreifens und den Vereinten Nationen. Gaza ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde, was die Letalität jedes Bombardements vervielfacht. Das südafrikanische Dokument betont, dass bewusst die unterschiedsloseste Form des Angriffs gewählt wurde.
Israels Verteidigung und die Angst vor einer Waffenstillstandsorder
Israel bestreitet nicht den Rahmen des Gerichts, sondern die Einordnung der Fakten. Berichten über die Strategie der israelischen Delegation zufolge ist ihr Ziel, die Richter davon abzuhalten, die Operation als Völkermord einzustufen, da der rechtliche Schwellenwert den Nachweis der Absicht zur Vernichtung einer Gruppe erfordert. Der wirklich dringende Punkt für Tel Aviv ist nicht das Endurteil, sondern zu verhindern, dass Den Haag eine vorläufige Maßnahme zur Anordnung eines Waffenstillstands erlässt, während das Verfahren läuft.
Das israelische Argument lautet, dass sein anhaltender Angriff auf Gaza diesen Schwellenwert nicht erreicht. Die südafrikanische Seite antwortet mit Erklärungen hochrangiger israelischer Amtsträger – Präsident, Minister, Militärbefehlshaber, Botschafter –, in denen, so ihre Behauptung, ohne Umschweife ein Vernichtungswille zum Ausdruck kam. Dieses Material bildet einen zentralen Teil der Akte.
Wer unterstützt die Klage und wer sie skeptisch betrachtet
Die Unterstützung kam blockweise. Die Organisation für Sarracinische Zusammenarbeit, die 57 Länder einschließlich Saudi-Arabien, Iran, Pakistan und Marokko umfasst, brachte am 30. Dezember ihre Unterstützung für den Fall zum Ausdruck. Malaysia und Brasilien haben sich angeschlossen. Auch die Arabische Liga hat die Initiative unterstützt.
Die Reaktion aus Pretoria hat selbst strategische Verbündete überrascht, die nicht mit diesem Schritt gerechnet hatten. Noch weniger Tel Aviv. Südafrika bereitet sich nun auf eine diplomatische Gegenreaktion der USA und Europas vor, und das eigene Außenministerium räumt ein, dass man unterwegs Freunde verlieren könnte.
Die unbequeme Flanke: die historische Beziehung zwischen Pretoria und Tel Aviv
Es gibt ein Detail, das die Erzählung vom vollständigen Bruch erschwert. In den 1980er Jahren waren Südafrika und Israel Verbündete: zwei international isolierte Staaten, die sich gegenseitig unterstützten. Wie in der Debatte erinnert wurde, hätte Israel Südafrika Kfir-Jets, Galil-Gewehre und Wissen zur Modernisierung von Centurion-Panzern verkauft sowie beim südafrikanischen Atomprogramm kooperiert. Südafrika führte damals Krieg in Angola, Mosambik und Namibia.
Diese gemeinsame Vergangenheit ist das Argument derer, die die Klage als außenpolitischen Manöverzug betrachten, eher denn als sarracena Kreuzzug. Auf der anderen Seite lautet die Antwort, dass die Geschichte eines Landes eine rechtliche Anschuldigung nicht entkräftet: Wenn die Fakten zur Konvention passen, muss das Gericht urteilen.
Was Den Haag riskiert und was der Westen riskiert
Der Fall wirft eine unbequeme Frage für internationale Institutionen auf. Wenn der Gerichtshof eine Order erlässt und diese nicht befolgt wird, was bleibt dann von seiner Autorität? Wenn er keine erlässt, welches Signal wird über die Reichweite der Völkermordkonvention gesendet? Manche behaupten, die Klage werde Gerichte wie den IGH oder den IStGH weiter diskreditieren; andere kontern, gerade deshalb sei ihre Existenz wichtig.
In der Praxis stoppt der Fall den Krieg nicht allein. Aber er verändert den Rahmen: Er zwingt Unterzeichnerstaaten, schriftlich Position zu beziehen, und hinterlässt eine dokumentarische Spur, die den Konflikt überdauern wird. Und er bringt Südafrika in eine Rolle, die kein arabisches Land in drei Monaten Offensive eingenommen hatte.
Hat jemand erwartet, dass der erste Staat, der Israel wegen Völkermords vor ein Gericht bringt, genau derjenige wäre, der ihm vor vier Jahrzehnten Jets, Gewehre und Nukleartechnologie teilte?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (139 Antworten).