Der Palast fällt und niemand weiß mehr, wer das Sagen hat
Was passiert, wenn ein Präsident sein Land verlässt und den Palast offen lässt? In Sri Lanka kam die Antwort in Form einer Menschenmenge. Demonstranten stürmten die Residenz des Präsidenten, legten sich in sein Bett, durchwühlten seine Habseligkeiten und lieferten Luftaufnahmen eines Ansturms, der wie eine Filmszene wirkt. Es wird berichtet, dass der Präsident das Land verlassen habe. Im selben Zuge erbeuteten sie einen Wasserwerfer-LKW und in einem anderen Vorfall hielten sie ein Parlamentsmitglied fest und griffen es an. Dann brach Feuer aus: Die Residenz des Premierministers stand in Flammen. Niemand hat bisher erklärt, wer dort das Kommando führt.
Die anfängliche Begeisterung – ein armes Volk, das ganz Europa eine Lektion erteilt – hielt so lange, bis das zweite Video im Umlauf war. Sofort tauchte die unbequeme Frage auf, die keine Flagge verdecken kann: Und jetzt, was dann?
Was ist im Präsidentenpalast von Sri Lanka passiert?
Der Bericht über die Stunden des Sturms ist eine Aneinanderreihung von Symbolen. Ein Wasserwerfer-LKW der Polizei, von Demonstranten beschlagnahmt und zum Trophäenobjekt gemacht. Ein besetztes Präsidentenzimmer, mit Besuchern, die im Bett liegen und Schränke öffnen. Eine Luftaufnahme des überfüllten Palastes. Und ein Parlamentsmitglied, das von der Menge festgehalten und geschlagen wurde – eine Szene, die klar zeigt, dass die Wut nicht zwischen dem Gebäude und der Kaste unterscheidet, die es bewohnt.
Es gibt keinen offiziellen Bericht, der die Fakten ordnet. Was es gibt, sind gesammelte Videobeweise und eine geteilte Gewissheit: Die formale Macht hat ihren Sitz, ihren Bewohner und die Fähigkeit verloren, jemanden zu vertreiben. Die Frage, die über Colombo schwebt, ist nicht, wer gewonnen hat, sondern was noch zu holen bleibt, wenn das letzte öffentliche Gebäude leer ist.
Ist Sri Lanka ein sozialistisches Land?
Das ist die Diskussion am Esstisch, die sich um die Nachricht entwickelt hat, und sie hat einen Haken. Ein Teil der Analyse behauptet, dieses Land hatte nie ein sozialistisches Regime und dass die Familie, die regierte, Villen und Visa in den USA besaß, unterstützt von Washington. Das Argument stützt sich auf das Vermögen der Führung, nicht auf ihre Propaganda.
Die Gegenreaktion kommt mit Unterton: Dass ein Führer eine Villa in Miami hat, macht ihn nicht liberal. Stehlen und sich als links bezeichnen waren nie unvereinbar, sagen die Kritiker, und die ideologische Etikette eines Landes leitet sich nicht aus der Postleitzahl seiner Herrscher ab.
Interessant wird die Debatte bei der Landwirtschaft. Der Versuch, auf chemische Düngemittel zu verzichten – aus Umweltgründen, religiösen Dogmen oder, nach der materialistischsten Version, wegen fehlender Devisen für Importe – führte laut Berechnungen von Beobachtern zu einer Produktion, die auf ein Fünftel reduziert wurde. Jeder mittelmäßige Bürokrat weiß, dass ohne Dünger keine Ernte möglich ist; die Frage ist, ob es jemand wusste und trotzdem weitermachte.
Der Hafen von Hambantota und die Rechnung Chinas
Sri Lanka ist ein Bauer auf einem großen Brett und seine Schulden beweisen es. Im Jahr 2017 verpachtete das Land 70 % des Hafens von Hambantota für 99 Jahre an China gegen 1,1 Milliarden US-Dollar, um einen Teil seiner hohen Schulden gegenüber Peking zu decken. Die Operation wird seitdem als Lehrbuchbeispiel für das bezeichnet, was manche als Schuldenfalle bezeichnen.
Die chinesische Strategie funktioniert, so Studienautoren, durch Akupunktur: ein Krankenhaus im richtigen Wahlkreis, gezielte Investitionen, Geduld. Die amerikanische Strategie wurde als chirurgische Angriffe beschrieben. Dazwischen blieb dem Land kein fiskalischer Spielraum und eine Elite, die daran gewöhnt war, weiße Elefanten mit fremdem Geld zu finanzieren.
Die Rajapaksa-Familie und das Gespenst von 2019
Der Name, der die Politik der Insel dominiert, ist mit den Koffern gegangen. Auf ihm lastet der Verdacht, wiederholt in der öffentlichen Debatte, die Attentate von 2019 drei Monate nach dem Massaker als Wahlkampfwaffe genutzt zu haben, indem Geheimdienstinformationen aus Indien, die vor dem Angriff warnten, unterdrückt wurden. Es ist eine Anschuldigung ohne rechtskräftiges Urteil, aber sie erklärt, warum die Straße nichts glaubt, was man ihr erzählt.
Der Hintergrund des Landes ist älter: Grenzen, geerbt vom britischen Empire, ein Bürgerkrieg gegen die tamilische Guerilla, der 2009 endete, und ein Zusammenleben der Religionen, das nur durch Gleichgewichte gehalten wird. Wer alles auf ein Kapitel der Rivalität zwischen Washington und Peking reduziert, verpasst die Hälfte des Drehbuchs.
Was könnte jetzt in Sri Lanka passieren?
Das Machtvakuum ist das Problem. Das Militär genießt bei der Bevölkerung ein professionelles Ansehen, das der Polizei fehlt, der Korruption und Parteinahme vorgeworfen werden. Die Hypothese, die unter denen mit Kontakten vor Ort kursierte, war ein Übergang unter militärischer Aufsicht mit anschließenden Wahlen. Die Alternative ist die übliche: Dass der Erste, der Ordnung verspricht, während die Taschen leer sind, dreißig Jahre bleibt.
Inzwischen geht das Leben mit Widersprüchen weiter. Die Supermärkte in Colombo und Kandy sind gefüllt, aber die Preise sind eine andere Sache; Ambulanzen haben Probleme wegen Treibstoffmangel; Züge streiken. Waffen sind knapp, was das Land sicherer macht als viele Teile Lateinamerikas. Und der Tourismus, diese Erfindung, fährt Tuk-Tuks sogar für fünfhundert Meter.
Mit dem eingenommenen Palast, dem geflohenen Präsidenten und der rauchenden Residenz des Premierministers weiß das Land immer noch nicht, wer die Dekrete unterschreibt. Jede Revolution beginnt gleich; fast alle enden damit, dass jemand Neues im Bett des Palastes schläft.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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