Auch Spaniens Elite legt Prüfungen für den öffentlichen Dienst ab: Der Staat als Zuflucht
Warum landen Kinder der spanischen Oberschicht als *Abogados del Estado* (Staatsanwälte) und gründen keine Unternehmen? Diese Frage spiegelt eine alte Diagnose wider: In Spanien kommen Prestige und Sicherheit nicht vom Markt, sondern vom öffentlichen Gehalt. Während die Familie Bonaparte in Frankreich einen Investmentfonds verwaltet und westliche Eliten sich dem Privatsektor widmen, streben spanische Familien mit Namen und Logenplätzen nach Beamtenstellen. Ein prominentes Beispiel ist José Luis Martínez-Almeida, Staatsanwalt aus einer adeligen Familie mit engen Beziehungen zur Krone; seine Schwester arbeitet bei der Europäischen Union. Er ist keine Ausnahme.
Von Pablo Isla zu Macarena Olona: Das Muster wiederholt sich
Unter den Führungskräften des Ibex 35 gibt es eine große Zahl ehemaliger hochrangiger Beamter. Inditex’ ehemaliger Vorstandsvorsitzender, Pablo Isla, war Staatsanwalt. Auch Macarena Olona, aus vermögender Familie mit Verwandtschaft zu den Puyols, diente in diesem Korps, bevor sie in die Politik wechselte. Die vorherrschende These besagt, dass der Staat nicht das letzte Mittel für Arbeitslose ist, sondern die erste Wahl für jene mit gesichertem Vermögen, die Macht, Kontakte und ein stabiles Leben suchen.
Ein Fall illustriert diese Logik besser als jeder andere. Ein Unternehmer, dessen Unternehmen im Continuous Market gelistet ist – noch nicht im Ibex –, hat drei Töchter: Die Älteste ist Beamtin, die Zweite wird in ein staatliches Monopol wechseln, und nur die Dritte wird im Familienunternehmen arbeiten. Ein multinationaler Eigentümer zieht es vor, Töchter im öffentlichen Sektor unterzubringen, statt sie im eigenen Geschäft einzusetzen. Dafür muss es einen Grund geben.
Eine zwergenhafte Privatwirtschaft, die nicht konkurrieren kann
Die häufigste Diagnose beschuldigt nicht die Elite, sondern die Produktionsstruktur. Spanien stellt ein nahezu vollständiges Versagen privater Unternehmen dar, Größe zu erlangen oder ohne öffentliche Unterstützung zu überleben. Das Ergebnis sind kleine Firmen mit niedriger Produktivität, wenig Kapital und hohen erwarteten Renditen. Spanisches Kapital flieht vor Wettbewerb, Kapitalintensität und langfristigen Renditen wie Wasser vor Öl. Wenn der durchschnittliche Unternehmer ein Auto für 100.000 Euro will, aber dafür effektive Stundenlöhne von sechs Euro zahlen muss, leidet das ganze Land.
Daher verschwimmt die Grenze zwischen öffentlich und privat. Außerhalb des Staates bleiben, dieser Lesart zufolge, nur Opfer übrig, von denen sich der Staat ernährt. Große nicht-ausländische Unternehmen leben von öffentlichen Aufträgen und Subventionen; der widerstandsfähige kleine Privatsektor konzentriert sich auf KMUs und Selbstständige, erstickt durch Steuern und Regulierung. Die unbequeme Schlussfolgerung: Wenn das einzige funktionierende Geschäft jenes ist, das an der öffentlichen Brust hängt, handelt die Elite rational, indem sie sich dort positioniert, wo das sichere Geld liegt.
Warum ziehen Spanier den Beamtenstatus vor?
Die kulturelle Erklärung hat einen Namen: Hofstedes Dimensionstheorie stuft Spanien als zweitgrößtes Risikoaversion-Land der Welt ein, hinter Portugal. Übersetzt: Wir bevorzugen feste Stellen gegenüber dem Schwindelgefühl des Unternehmertums. Aber diese Sichtweise greift zu kurz. Für den Großteil des Landes ist eine Entlassung nach vierzig Jahren eine Tragödie, nach fünfzig ein Urteil zum Leben von Grundsicherung. Das passiert in Großbritannien, Deutschland oder Dänemark nicht. Es ist nicht Schüchternheit: Die Kosten eines Fehlers im privaten Sektor sind brutal.
Hinzu kommt eine erstickende Bürokratie. Spanien veröffentlicht jährlich etwa 900 Gesetze und 960.000 Seiten Regulierung; 2016 verabschiedeten Zentralregierung und Regionen 681 neue Normen und 895.820 Seiten Regulierung. Eine Firma hier zu gründen, ist steuerlicher und administrativer Höllentrip, und wer es vermeiden kann, vermeidet es.
Der öffentliche Dienst als Säule des Nationalstaats
Die Wurzel ist historisch. Das spanische Reich war ein Reich der Beamten: Jedes Unternehmen brauchte Genehmigung und Visum des zuständigen Beamten. Diese Trägheit wurde nie vollständig gebrochen. Die Industrialisierung kam spät, langsam und zuerst von Ausländern, dann vom Staat gelenkt, während Universitäten Beamte ausbildeten, weil das Land jahrzehntelang nur Bauern und Beamte hatte.
Das Ergebnis ist ein öffentlicher Dienst mit einem Unterscheidungsmerkmal: absoluter Verantwortungslosigkeit und starkem Esprit de Corps. Einen Beamten zu entlassen, ist fast unmöglich; selbst Kriminelle finden Unterkunft. Die Stelle funktioniert als lebenslange Pension im Austausch für anfänglichen Einsatz, ein Deal, der anderswo selten so großzügig ist.
Rentiers, die Prüfungen zur Unterhaltung ablegen
Das fehlende Stück passt hier: Die Oberschicht braucht kein öffentliches Gehalt, sie braucht Status. Reiche Spanier leben von Mieteinnahmen, kaufen mehr Immobilien und finanzieren sich mit dem 6.000-Euro-Gehalt eines Staatsanwalts oder Richters. Als Staatsanwalt zu arbeiten, ist eine Art Beschäftigung, um mit Gleichgestellten zu netzwerken und untereinander zu heiraten. Kein Zeitverschwendung mit Stipendien, Praktika und erfundenen Masterstudiengängen, um die Massen bei Laune zu halten: Lange Prüfungsvorbereitung von Jugend an, abgesicherte Flanken und freie Zeit zur Verwaltung des Familienvermögens.
Auch der Adel hatte Schwierigkeiten. In den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern lebten viele Titelgeber mit Mietern, die sieben Tausend Pesetas monatlich in der Calle Serrano zahlten, und Restaurants deckten die Miete mit einem Tagesumsatz. Die Immobilienblase belebte sie wieder: Viel des erschlossenen Umlandbodens gehörte ihnen. Für diese Menschen bedeutete die Vorbereitung der Kinder auf Beamtenprüfungen eine Sicherstellung des Einkommens, während die Erbfolge geklärt wurde.
Ergebnis: Eine Elite, die keine Unternehmen gründet
Die Konsequenz ist ein Land, in dem Prestige nicht durch Schaffen, sondern durch Platzierung entsteht. Wenn Arbeit nicht geschätzt wird, verliert Arbeit an Status, und Kapitaleinkommen werden geringer besteuert als Arbeitseinkommen. Die Botschaft ist klar: Finanzielles Geschachere zahlt sich mehr aus als unternehmerische Initiative. Währenddessen verdient der durchschnittliche Beamte immer mehr im Vergleich zum privaten Arbeitnehmer, da Lohnkürzungen stets das Arbeitsstatut betrafen, nie das Beamtenstatut.
Mit diesen Grundlagen wählt Spaniens Elite den öffentlichen Dienst nicht aus Berufung, sondern aus Kalkül. Wer zwischen einem sterbenden Startup und einer unerschütterlichen Stelle wählen kann, wählt die Stelle. Und wer das nicht versteht, sollte die drei Töchter des börsennotierten Eigentümers fragen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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