Spaniens Amnestie-Gesetz als 'Strafrechtliche Entlastung' umgetauft

Das umstrittene Amnestiegesetz in Spanien, Schlüssel zur Wahl von Pedro Sánchez, wird als 'Strafrechtliche Entlastung' durch die geschäftsführende Regierung behandelt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spaniens Amnestie-Gesetz als 'Strafrechtliche Entlastung' umgetauft
Amnestie als 'Strafrechtliche Entlastung' umgetauft

Kann eine Amnestie aufhören, eine zu sein, wenn das BOE (Staatsanzeiger) das Wort nicht ausspricht? Das Gesetz, das die Regierung mit den Unabhängigkeitsgruppen verhandelt, um die Investitur freizugeben, wird unter dem Namen „Ley de Alivio Penal“ (Strafrechtliche Entlastung) abgewickelt. Der Euphemismus hat Spott ausgelöst: Manche behaupten, die Exekutive habe das Quadrat zum Kreis gemacht, andere entgegnen, dass das Vergessen des Wortes das Vergessen der Verbrechen nicht auslöscht. Der Text wird mit einer geschäftsführenden Regierung und einem engen Zeitplan verhandelt: einen Monat für die Genehmigung, so ein Teilnehmer der Debatte.

Der Name ist kein Detail. Bei einer Amnestie beschließt der Staat zu vergessen; bei einer „strafrechtlichen Entlastung“ mildert er nur ab. Der rechtliche Unterschied ist enorm, die politische noch größer. Entlastung sucht man in der Apotheke, nicht im Strafgesetzbuch. Dort beginnt das Kommunikationsproblem, das niemand gelöst hat.

Was ist die 'Strafrechtliche Entlastung' und warum dieser Name?

Der vom Justizministerium gewählte technische Name vermeidet bewusst das Wort Amnestie, laut dem verhandelten Text. Die Strategie hat eine Logik: Wenn das Verbrechen nicht benannt wird, existiert die Maßnahme nicht. Das Problem ist, dass die Maßnahme trotzdem existiert und die Begünstigten wissen es. Die Anführer der Unabhängigkeitsbewegung betrachten die Amnistie bereits als sicher und haben die Diada in eine Unabhängigkeitsdemonstration verwandelt.

Manche sehen den Euphemismus als Zugeständnis an sozialistische Wähler, die das Wort nicht geschrieben sehen wollen. Dagegen spricht, dass die Unabhängigkeitsbewegung keine Euphemismen braucht: Sie braucht Fakten. Und die Fakten sind, ob benannt oder nicht, dieselben.

Die Erpressung, die niemand benennen will

Das am häufigsten wiederholte Argument in der Analyse ist, dass das Gesetz nicht auf politischen Überzeugungen der unterstützenden Parteien beruht, sondern auf der Forderung eines vor der spanischen Justiz geflohenen Politikers. Würde man aus Überzeugung handeln, hätte es zumindest Kohärenz. Aber die PSOE verteidigte vor zwei Tagen das Gegenteil dessen, was sie nun wählen wird. In der politischen Kommunikation nennt man das eine Kehrtwende von 180 Grad; in Bezug auf Glaubwürdigkeit nennt man es anders.

Die Abwicklung in einem Monat durch eine geschäftsführende Regierung streut Salz in die Wunde. Eine geschäftsführende Exekutive sollte keine Gesetze dieser Tragweite verabschieden, aber hier wird es geschehen, und nichts wird passieren. Die Präzedenz ist geschaffen: Jede Minderheitsregierung kann ohne Investitur, Haushalt oder Programm gesetzgeberisch tätig werden.

Die Straße: Von der niedlichen Demonstration zur glaubwürdigen Bedrohung

Die Frage, die über der Debatte schwebt, ist, warum die Rechte keine Million Menschen auf die Straße bringt. Manche behaupten, PP und VOX seien unfähig, einen Protest zu organisieren, der mehr ist als eine Versammlung mit Memes und Flaggen, und dass in Spanien nur die glaubwürdige Drohung mit Gewalt reagiert. Es ist eine unbequeme These, beschreibt aber ein Muster: Die Unabhängigkeitsbefürworter haben eine Million mobilisiert; die Verfassungstreuen noch nicht.

Der Vergleich mit der Atmosphäre in Katalonien während der Hochphase der Unabhängigkeitsbewegung ist unvermeidlich. Wer jene Jahre erlebt hat und jetzt im restlichen Spanien lebt, weiß: Die Stimmung ist bei weitem nicht so aufgeheizt. Die pessimistische Schlussfolgerung lautet, dass das Gesetz durchkommen wird und nichts passiert.

Artikel 8 der Verfassung und der Atombutton, den niemand drückt

Artikel 8 der spanischen Verfassung weist den Streitkräften die Aufgabe zu, die Souveränität und Unabhängigkeit Spaniens zu garantieren und seine territoriale Integrität zu verteidigen. Die PNV fordert seit zwanzig Jahren seine Streichung, und das ist kein Zufall. Die kursierende Interpretation besagt, dass dieser Artikel der letzte Rest absoluter Macht des Königs ist, den er aktivieren könnte, falls die Regierung gegen die Verfassung verstößt.

Die Hypothese eines institutionellen Selbstputsches löst alle möglichen Spekulationen aus, von Neuwahlen bis zu Volksunruhen. Niemand glaubt, dass es dazu kommt, und gerade deshalb wird es nicht passieren. Der König nominiert keine Kandidaten; der König unterschreibt, was ihm vorgelegt wird.

Europa, Fonds und doppelte Standards

Das europäische Paradox entgeht niemandem: Die EU erpresst Polen und Ungarn mit Fonds wegen mangelnder Gewaltenteilung, während die Fonds nach Spanien fließen, ohne dass die Kommission einen Finger rührt. Das Argument lautet, dass Brüssel einen Standard für Warschau und einen anderen für Madrid hat und dass ein antispansisches System von außen mit internen Akteuren orchestriert wurde.

Die zynische Lesart ist, dass Brüssel egal ist, wer regiert, solange die ihr genehmen Gesetze verabschiedet werden. Die freundlichere Lesart ist, dass die Kommission keine Instrumente hat, um in eine Amnestie einzugreifen. Keine der beiden tröstet.

Was passiert mit Sozialdemokraten, die wie Alfonso Guerra denken?

Die unbeantwortete Frage ist, warum unter den 123 Abgeordneten der PSOE nicht fünf sind, die wie Alfonso Guerra denken und nach Gewissen abstimmen, wie in der Debatte angemerkt. Die häufigste Erklärung ist, dass Parteidisziplin schwerer wiegt als jede Überzeugung und dass das Leben eines öffentlichen Managers viel besser ist als die Alternative. Direkter und indirekter Klientelismus erklären mehr Stimmen als jedes Wahlprogramm.

Das Ergebnis ist eine PSOE, die genehmigt, was sie vor zwei Tagen kritisierte, eine PP, die zum Narren der Legislaturperiode wird, und eine deaktivierte VOX, die lieber schweigt, als ihren geringen Restsupport zu verlieren. Wer sich bewegt, kommt nicht aufs Foto.



Mit diesen Zutaten wird das Gesetz durchkommen, die Unabhängigkeitsbewegung wird erneut Druck machen, und das Personal wird weiter diskutieren, ob das Wort Amnestie im BOE auftaucht. Entlastung fühlt der Steuerzahler jedenfalls nicht.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (116 Antworten).

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