Spanien streitet über Reggaeton: Postkolonialer Groll oder Geschmack?

Die These, die die Ablehnung von Reggaeton bei Erwachsenen auf postkolonialen Groll zurückführt, kollidiert mit einem einfacheren Argument: Es ist eine Frage des musikalischen Geschmacks.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spanien streitet über Reggaeton: Postkolonialer Groll oder Geschmack?
Reggaeton wird nicht wegen postkolonialem Groll gehasst

Dass jemand Reggaeton abstoßend findet, macht ihn nicht zum nostalgischen Imperialisten. Die These, die die Ablehnung spanischer Erwachsener einer vermeintlichen postkolonialen Wunde zuschreibt – veröffentlicht von einem Medium und in sozialen Netzwerken geteilt –, hat eine mehrheitliche und ziemlich unakademische Antwort erhalten: Die meisten, die das Genre verabscheuen, sagen, sie tun dies aufgrund seiner musikalischen Beschaffenheit, nicht aufgrund seines geografischen Ursprungs. Das Hauptargument der Kritiker lautet, dass die Abneigung ästhetisch, nicht geopolitisch sei.

Was die These des postkolonialen Grolls behauptet

Der Ausgangspunkt ist eine Behauptung: In Spanien gäbe es eine Art postkolonialen Groll, der erkläre, warum Erwachsene Reggaeton ablehnen. Die Idee stützt sich auf einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem lateinamerikanischen Ursprung des Genres und dem Unbehagen, das es bei Generationen hervorruft, die mit anderen Bezugspunkten aufgewachsen sind.

Das Problem ist, dass die Prämisse unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht, wenn man feststellt, dass die Ablehnung nicht ausschließlich spanisch ist. Es wird argumentiert, dass Reggaeton auch in Frankreich, Italien oder Großbritannien bemerkenswerte Verachtung erzeugt, und dort gibt es kein spanisches Imperium, gegen das man Groll hegen könnte. Wenn der Hass postkolonial wäre, müsste er eine konkrete Geografie haben. Hat er aber nicht.

Das musikalische Argument: repetitiver Rhythmus und schwache Texte

Die am häufigsten wiederholte Kritik erwähnt weder Geschichte noch Politik. Sie spricht von Musik. Es wird behauptet, Reggaeton sei bis zur Erschöpfung repetitiv, mit einer identischen rhythmischen Basis Song für Song, austauschbaren synthetischen Stimmen und Texten, die auf eine Handvoll Phrasen über Sens, Geld und Gewalt reduziert sind. Der Vergleich mit Hip-Hop oder klassischem Rap ist wiederkehrend: Selbst wer das Genre nicht genießt, erkennt an, dass dahinter eine musikalische Produktion steckt. Hier, sagen sie, gebe es keine.

Manche gehen weiter und bezeichnen es als Antimusik, ein Produkt, das darauf ausgelegt ist, grundlegende Impulse zu stimulieren, und nicht dazu, aufmerksam gehört zu werden. Die Liste der Vorwürfe umfasst Spanglish, klangliche Uniformität und das Gefühl, einer wiederverwerteten Formel aus Funk und Rap für den Massenkonsum gegenüberzustehen.

Das Gegenargument: Reggaeton ist seit Jahrzehnten hier

Nicht alles ist Anathema. Ein Teil der Nachrichten erinnert daran, dass Reggaeton keine kürzliche Invasion ist. Er ist seit vielen Jahren bei uns: Manche datieren seinen massiven Durchbruch auf die Ära von „Gasolina“, als die damaligen Zwanzigjährigen bereits zu diesem Rhythmus feiern gingen. Mehrere Generationen junger Spanier sind damit aufgewachsen, und es ist einfach das, was ihnen gefällt.

Diese Tatsache entkräftet teilweise die generationale These. Wenn die Ablehnung eine Sache von Erwachsenen gegen Jugendliche wäre, würde es nicht erklären, warum viele dieser Erwachsenen zwei Jahrzehnte lang mit dem Genre gelebt haben, ohne dass ihre Abneigung sich geändert hätte.

Der historische Twist: Vizekönigreiche, keine Kolonien

Die Konversation driftet schnell ins historische Terrain. Mehrere Nachrichten leugnen die Hauptprämisse: Spanien hatte keine Kolonien in Amerika, sondern Vizekönigreiche und Kapitanate, die rechtlich Teil der Krone waren. Der Begriff Kolonie stammt erst aus dem 19. Jahrhundert, nach dem System der Vizekönigreiche. Aus dieser Lesart wäre der postkoloniale Groll ein falsch angewandtes Konzept, da er eine Beziehung voraussetzt, die unter diesem Namen nie existiert hat.

Die Diskussion verheddert sich in demografischen Zahlen, Vergleichen mit dem englischen Modell in Nordamerika und gegenseitigen Vorwürfen darüber, wer wen ausgerottet habe. Reggaeton wird dabei fast vergessen.

Der Komplex-Detektor

Der letzte Abschnitt des Austauschs kehrt auf anderem Weg zum Anfang zurück: der Rassismus-Vorwurf. Es wird behauptet, dass man jemanden, der Reggaeton nicht erträgt, als Rassisten zu bezeichnen, eine Methode sei, die Debatte ohne Argumente zu beenden. Die am häufigsten wiederholte Antwort lautet, dass musikalischer Geschmack keine sarracena Frage sei und dass die Verwechslung von Ästhetik mit Ideologie die Diskussion verarme.

Die Bilanz ist klar: Die These des postkolonialen Grolls funktionierte besser als Provokation denn als Erklärung. Mit diesen Bausteinen ist vorhersehbar, dass der nächste Versuch, die Ablehnung von Reggaeton zu intellektualisieren, erneut gegen dieselbe Wand laufen wird. Man weiß ja nie: Vielleicht kommt das Argument beim nächsten Mal mit Daten.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (116 Antworten).

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