Sant Adrià de Besòs: Spaniens vernachlässigter Vorort

Sant Adrià de Besòs zwischen Barcelona und Badalona: drei Schornsteine, ein renaturierter Fluss und Viertel, die jahrzehntelange Vernachlässigung aufweisen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Sant Adrià de Besòs: Spaniens vernachlässigter Vorort
Sant Adrià de Besòs, wo Barcelona endet und nichts beginnt

Was liegt am Ende der Avenida Diagonal, genau dort, wo der Asphalt nicht mehr Barcelona heißt? Sant Adrià de Besòs. Eine Gemeinde, eingeklemmt zwischen der katalanischen Hauptstadt, Badalona und Santa Coloma, durchquert vom Fluss Besòs und dominiert von drei Betonschornsteinen, die seit Jahren keinen Rauch mehr ausstoßen. Die Frage ist nicht rhetorisch: Viele Menschen, die zehn Minuten mit der U-Bahn entfernt leben, haben seine Straßen nie betreten.

Das ist die These hinter einer Beschreibung der Gemeinde, die sich weit verbreitet hat: Sant Adrià als Transitzone, als Ort, an dem sich Beton in seelenlosen geometrischen Formen ausbreitet und der Instinkt drängt, so schnell wie möglich zu gehen. Es ist keine neue Idee. Es ist der alte Verdacht, dass die metropolitanen Randlagen alles ansammeln, was das Stadtzentrum ausstößt: veraltete Industrie, degradierten Wohnraum, verarmte Bevölkerung und eine Verwaltung, die spät und schlecht handelt.

Die Drei Schornsteine und die Erzählung des Unheimlichen

Das Symbol der Gemeinde sind die drei Türme des ehemaligen Kraftwerks, volkstümlich bekannt als Tschernobyl. Kolossal, absurd, sichtbar von der Hälfte des Ballungsraums. Um sie herum ist Folklore gewachsen, die das Industrielle mit dem Esoterischen mischt: Echos von Maschinen im Inneren, rituelle Nutzungen, die Schrottsammlern zugeschrieben werden, und eine Präsenz, die wie die eines vor Äonen gestorbenen Gottes beschrieben wird.

Es lohnt sich, Fakten von Geschichten zu trennen. Der Fakt: Das Kraftwerk wurde stillgelegt, und seine Zukunft wurde teilweise durch eine Bürgerbefragung entschieden. Im November 2008 rief das Rathaus eine Abstimmung über den Erhalt der Türme und ihre Umwandlung in ein Sozialzentrum ein. 2.597 Personen nahmen teil, 9,1 % der Wähler, und 82,2 % stimmten dafür. Das bedeutet: Weniger als ein Zehntel der Stadt entschied über ein Symbol der Stadt. Die Enthaltung war die wahre Mehrheit.

Die Geschichte hingegen ist etwas anderes. Der Strand als nächtliches Territorium, der Fluss als Wunde, der Parkplatz eines Hypermarktes als Liminalraum. Manche führen dies auf ein schlecht verdientes Lovecraft-Imaginär zurück; andere behaupten, das Unbehagen sei real und irdisch.

Der Fluss, der aufhörte zu stinken: Von der Kanalisation zum Radweg

Hier korrigiert sich das Material selbst, und das ist erwähnenswert. Das Bild des Besòs als grüne Kanalisation mit Schaum ist historisch, nicht aktuell. Mehrere Zeugnisse stimmen darin überein, dass der Fluss fast kristallklar fließt, seit die verschmutzende Industrie flussaufwärts entfernt wurde, mit großen Karpfen, Reihern und anderen Vögeln, und heute ein Spaziergangsbereich und Radweg ist. Es gibt sogar Informationsschilder zur Fauna, die Otter erwähnen, an deren Existenz manche zweifeln.

Die Nuance ist wichtig, weil sie die halbe Legende entkräftet. Was sich nicht ändert, ist die Geometrie: Anders als beim Turia ist der Besòs nicht umgeleitet, daher gibt es wenig Raum für städtebauliche Fantasie. Wenn er steigt, steigt er. Jahrzehntelang waren leichte Witze über den Fluss unter Barcelonesern üblich.

La Mina, Alcampo und die Geographie der Angst

Das Viertel La Mina erscheint in allen Beschreibungen als harter Kern des Problems: Überbelegung, Drogen, geerbte Marginalität, eine Büste des Flamencosängers Camarón, die einen Ausgang bewacht, der nie kommt. Der häufigste Vergleich ist nicht mit El Raval oder Paral·lel – angespannten, aber viel belebteren und überwachten Gebieten –, sondern mit den Randvierteln von Madrid oder La Sagra in Toledo. Mit einem Unterschied zugunsten von Sant Adrià: Hier hat der Schrecken eine Grenze, das Meer.

Der Alcampo-Parkplatz fungiert im Imaginären als Grenze. Tagsüber erzwingt der Hypermarkt Ordnung; nachts nähren nasser Asphalt und staubbedeckte Autos alle Arten von Gerüchten. Manche beschreiben ihn als Schauplatz clandestiner Treffen, während andere ihn direkt als urbane Legende abtun. Keines davon kann mit verfügbaren Informationen überprüft werden.

Unmögliche Koexistenz: Diagonal Mar auf der einen Seite, La Mina auf der anderen

Die unbequemste Frage wurde unverblümt gestellt: Wie koexistieren zwei so gegensätzliche Realitäten nur wenige Meter voneinander entfernt? Diagonal Mar, ein Gebiet mit Neubau und hohen Preisen, gegenüber einer Umgebung mit degradiertem Wohnraum. Die Antwort lautet, dass die physische Entfernung trügerisch ist: Was beide Welten trennt, ist kein Stacheldraht, sondern der Quadratmeterpreis.

Dies ist wahrscheinlich die nützlichste ökonomische Lesart der ganzen Angelegenheit. Sant Adrià ist kein isoliertes städtebauliches Versagen: Es ist das Residuum eines metropolitanen Modells, das Investitionen im Zentrum und in neuen Luxuspolen konzentrierte und die Gemeinden des ersten Industriegürtels mit Umweltlasten, altem Wohnraum und Bevölkerungen zurückließ, die die Flucht nicht bezahlen können.

El Maquinista, Dreamfit und das Alltagsleben

Gegen die Pavor gibt es Gegenprogrammierung. Anwohner und Besucher erzählen von völlig normalen Routinen: ins Fitnessstudio des Einkaufszentrums gehen, bei Alcampo einkaufen, entlang des Flussparks des Besòs spazieren, über das Fòrum gehen. Einige erinnern sich sogar an die Schließung von Fitnessstudios während der Pandemie von innen heraus.

Andere geben zu, jahrelang durch Gebiete gereist zu sein, die sie heute nicht betreten würden, und argumentieren, dass El Raval oder Paral·lel schlimmer seien, nur stärker überwacht. Wahrgenommene Unsicherheit ist jedenfalls keine objektive Datenlage: Sie ist eine Mischung aus Statistik, Erinnerung und Vorurteil und sollte entsprechend behandelt werden.



Die Grundfrage bleibt: Ist Sant Adrià ein verfluchter Ort oder einfach ein armer Ort neben einem reichen? Die ehrliche Antwort ist, dass die drei Schornsteine immer noch da sind, dass 82,2 % der Wähler ihren Erhalt wollten und dass die übrigen 90,9 % sich nicht die Mühe machten, eine Meinung zu äußern. Das, und nicht Cthulhu, erklärt ziemlich gut, was an der Mündung des Besòs passiert.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (136 Antworten).

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