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RIA Novosti: Gelöschter Artikel über Kiew-Eroberung
RIA Novosti veröffentlichte und löschte einen Text, der die Einnahme Kiews verkündete. Archive.org und archive.ph sichern den Inhalt als Beweis für russische Propaganda.
RIA Novosti: Gelöschter Artikel über Kiew-Eroberung
Kann man einen militärischen Sieg ausrufen, bevor er eingetreten ist? Die russische Staatsagentur RIA Novosti hat es versucht. Sie veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel „Das Kommen einer neuen Welt“, in dem sie das Ende der Militäroperation in der Ukraine, die Eroberung von Kiew und die Rückkehr der Ukraine zu Russland proklamierte. Der Text verschwand von der offiziellen Website, wurde aber von Webarchivdiensten wie archive.ph und archive.org gesichert, die Kopien gelöschter Seiten aufbewahren. Datum und Inhalt des Artikels fallen in die ersten Tage der Invasion, als russische Kolonnen auf die ukrainische Hauptstadt vorrückten.
Was stand im von RIA Novosti gelöschten Artikel?
Der Text war triumphalistisch formuliert und behauptete, dass „die russische Militäroperation in der Ukraine beendet sei und eine neue Ära eingeläutet habe“. Er stellte die Invasion als Überwindung der „Tragödie von 1991“ – dem Zerfall der Sowjetunion – dar und argumentierte, dass „Russland seine historische Vollständigkeit wiederherstellt und die russische Welt vereint“. Der Artikel beschrieb den Krieg als „virtuellen Bürgerkrieg“ zwischen durch verschiedene Armeen getrennten „Brüdern“ und prophezeite, dass „die Ukraine zu Russland zurückgekehrt sei“, wobei er einschränkte, dass ihr Staat „umorganisiert“ und in seinen „natürlichen Zustand als Teil der russischen Welt“ zurückversetzt werde.
Der Text antizipierte auch die westliche Reaktion: „Der Westen sieht die Rückkehr Russlands zu seinen historischen Grenzen in Europa. Und er empört sich laut darüber und räumt ein, dass er militärisch unterlegen ist angesichts einer Operation in Rekordzeit ohne Widerstand.“ Das Stück, datiert auf die Anfangsphase des Konflikts, ging davon aus, dass Moskau nicht auf Kiew verzichten würde und der ukrainische Widerstand minimal sein würde.
Wie wurde ein gelöschter Artikel wiederhergestellt?
Die Wiederherstellung des Textes gelang durch Web-Archivierungstools. Archive.ph, das Kopien gelöschter Seiten speichert, und archive.org, das Bilder von Websites erfasst, bewahrten den ursprünglichen Link von RIA Novosti auf. Bei der Konsultation dieser Kopien erschien der Artikel vollständig, sowohl in der russischen Version als auch in einer englischen Übersetzung. Der Fund widerlegte die Hypothese, es handle sich um eine Fälschung: Der Text hatte tatsächlich auf der offiziellen Domain der Staatsagentur existiert.
Die Existenz archivierter Kopien macht den Vorfall zu einem verifizierbaren Fall. Es handelt sich nicht um einen kontextlosen Screenshot oder eine anonyme Leckage, sondern um ein Dokument, das auf unabhängigen Archivservern liegt, welche die Spuren der ursprünglichen Veröffentlichung bewahren. Dies ermöglicht es, den Artikel zeitlich einzuordnen und seinen Inhalt mit dem weiteren Verlauf des Krieges abzugleichen.
Die „Finte“ um Kiew und die spätere Erzählung
Der archivierte Artikel widerspricht der offiziellen Erklärung, die Moskau später zur Rechtfertigung seines Rückzugs aus dem Umland von Kiew gab. Die von Staatsmedien verbreitete Version beschrieb das Vorrücken auf die Hauptstadt als „Ablenkungsmanöver“, um ukrainische Truppen zu binden, während Russland seine Kräfte im Donbas konzentrierte. Der Text von RIA Novosti sprach jedoch nicht von einem solchen Manöver: Er kündigte die Eroberung von Kiew und das Ende der Operation an.
Diese Diskrepanz hat Skepsis genährt. Wenn das Ziel nur eine Finte war, warum veröffentlichte die Staatsagentur dann einen Artikel, der die Eroberung der Hauptstadt feierte? Die unter kritischen Analysten weit verbreitete Erklärung besagt, dass der Artikel vorbereitet wurde, um sofort nach dem Fall von Kiew publiziert zu werden, und dass der ukrainische Widerstand sowie das Scheitern des Vormarsches ihn dazu zwangen, ihn zurückzuziehen. Der Text blieb als unfreiwilliges Dokument der Kreml-Erwartungen in den ersten Kriegswochen bestehen.
Militärische Kosten des Rückzugs und Wandel der Narrativik
Der russische Rückzug aus dem Umland von Kiew verlief nicht unblutig. Er bedeutete den Verlust eines erheblichen Teils des im Norden der Ukraine eingesetzten Kontingents, mit viel zerstörter oder zurückgelassener Ausrüstung, und war ein schwerer Schlag für das internationale Ansehen der russischen Streitkräfte. Die „Finten“-Erzählung versuchte, diese Verluste als Teil eines kalkulierten Plans darzustellen, aber der archivierte Artikel deutet darauf hin, dass der ursprüngliche Plan ein anderer war: die Eroberung der Hauptstadt und die Erzwingung eines Regimewechsels.
Der Vorfall beeinträchtigte auch die Glaubwürdigkeit russischer Staatsmedien. Die Veröffentlichung und anschließende Löschung eines triumphalistischen Artikels, bevor sich seine Prognosen erfüllten, legte die Kluft zwischen der offiziellen Darstellung und den Tatsachen vor Ort offen. Für kritische Kreise gegenüber der Kreml-Version wurde das archivierte Dokument zu einem kaum widerlegbaren Beweis.
Entwicklung der russischen Narrative seitdem
Der Krieg trat in eine neue Phase ein, die sich auf den Donbas und den Süden der Ukraine konzentrierte, mit langsameren und kostspieligeren russischen Fortschritten als erwartet. Die offizielle Erzählung passte sich an: Die „militärische Spezialoperation“ wurde nun als Verteidigung der separatistischen Republiken und Antwort auf die NATO-Osterweiterung dargestellt, statt als Blitzaktion zum Sturz der Regierung in Kiew. Der archivierte Artikel blieb als Relikt der früheren Phase bestehen.
Die Kontroverse um den Text von RIA Novosti illustriert ein breiteres Problem: die Schwierigkeit, eine Siegeserzählung aufrechtzuerhalten, wenn die Fakten nicht mitspielen. Das wiederhergestellte Dokument widerlegt nicht nur eine konkrete Version, sondern zeigt auch, wie Narrative vorbereitet werden, bevor Ereignisse sie bestätigen. Und wenn sie sich nicht bestätigen, muss gelöscht und umgeschrieben werden.
Letztendlich entpuppte sich die „Finte“ als ein Artikel, der in einer digitalen Schublade lag. Die Magie der Web-Archive erledigte den Rest.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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