Salt: Wenn eine besetzte Wohnung das einzige Dach über dem Kopf ist
Was passiert, wenn in einer Gemeinde mehr leerstehende Wohnungen im Besitz großer Vermieter stehen als Familien, die ein Zuhause suchen? In Salt, einer Stadt mit 35.000 Einwohnern nahe Girona, wurde die Antwort mit Steinen geschrieben. Die Räumung von Kalilou Diawara, einem 70-jährigen Imam, seiner Frau und vier minderjährigen Kindern nach fünf Jahren unbezahlter Hypothek löste zwei Nächte voller Unruhen aus: Fünfzig Menschen griffen die Polizeistation an, und hundert meist vermummte Personen brannten Container vor dem Rathaus nieder. Die Familie hatte fünf Jahre lang keine Hypothekenzahlungen für eine Bankwohnung geleistet. Der Auslöser war nicht nur die Zwangsräumung. Es war die Erkenntnis, dass in Salt 37 % der Einwohner Ausländer sind und der Zugang zum Wohnraum zu einem Labyrinth ohne Ausgang geworden ist.
Das Problem ist nicht die Hausbesetzung: Es fehlt der Mietmarkt
Die Gleichung ist einfach und brutal. Laut der Gewerkschaft für Wohnraum in Salt gibt es mehr als 1.800 Wohnungen im Besitz großer Vermieter, die auf Käufer warten. Die Sareb, die staatliche „Bad Bank“, hält 135 Immobilienassets in der Gemeinde. Viele dieser Wohnungen stehen leer, sind mit Alarmanlagen gegen Besetzungen gesichert und werden nicht vermietet. Àlex Barceló, stellvertretender Bürgermeister für Territorium und Wohnraum, fasst zusammen: Das große Problem sei «der Leerstand in den Händen von Heuschrecken-Fonds, was den höchsten Anteil der Räumungen ausmacht».
Für die Verwundbarsten werden diese leeren Wohnungen zur einzigen Option. Hier wird nicht debattiert, ob Besetzen richtig oder falsch ist. Priorität hat Schutz. «Wenn eine Familie mit Kindern in eine Bankwohnung einzieht, die die Bank nicht vermietet, muss man sie dort lassen. Es tut mir leid, aber die Leute können nicht so auf der Straße leben», sagt Yassin, 19, geboren in Nador und in Katalonien aufgewachsen, der in einem Friseursalon arbeitet und auf die geschlossenen Rollläden in der Àngel-Guimerà-Straße zeigt. Seine Schwester, schwanger mit Zwillingen, schloss es aus, ein Studio ohne Zimmer für 550 Euro zu mieten, weil sie nicht wusste, «wo sie die Kinder unterbringen soll».
Die Spannung ist kein isoliertes Phänomen. Die Räumung von Diawara – bekannt als Papa Diawara – zündete den Zündstoff für wachsenden Unmut. Nach der Räumung versuchte der Mann, erneut in die Wohnung einzudringen, der Alarm ging los, die Mossos d'Esquadra (katalanische Regionalpolizei) rückten an und führten eine schnelle Räumung durch, bei der er laut Angaben der Familie geschlagen und gestoßen wurde. Diese Version wurde offiziell nicht bestätigt. Fakt ist jedoch, dass Diawara vor der zweiten Nacht der Ausschreitungen eine Sprachnachricht an seine Kontakte sandte und um Ruhe bat: «Lasst die Jugendlichen nichts tun; wenn sie demonstrieren wollen, dann friedlich». Es half nichts. Eine seiner neun Töchter, Henda, sagte spöttisch: «Wenn sich jemand wie Idioten benommen hat, dann freiwillig. Lasst meinen Vater da raus».
Warum waren die Krawalle kein Zeichen der Solidarität?
Die meisten, die auf die Straße gingen, besuchen weder die Moschee, in der Diawara das Gebet leitet, noch kennen sie ihn wirklich. Die Unruhen waren ein Ausdruck von Wut, nicht von Unterstützung für einen Gemeinschaftsführer. Die Informationen, die in den Straßen von Salt kursieren, sind von schlechter Qualität und schüren das Durcheinander. Aber unter dem Lärm liegt eine gemeinsame Diagnose: Der Wohnraum ist das Ziel aller Übel. «Die Leute kommen hierher, um zu arbeiten, um Spanien aufzubauen. Aber sie brauchen ein Dach über dem Kopf. Die meisten haben kein Geld zum Kaufen, weil sie keine Ersparnisse haben. Und Mieten können sie nicht, weil es keinen Mietwohnraum gibt», sagt Yassin.
Die Rückkehr in die Heimat ist kein Tabuthema. Salimata Frakone, 60, lebt seit einem Drittel ihres Lebens in der Stadt und erwägt nun die Rückkehr nach Mali. «Die jungen Männer gehen nach Frankreich, England... Nur die Alten bleiben», erzählt sie in einem afrikanischen Modegeschäft. Mutter von acht Kindern, kaufte sie mit ihrem Mann eine Wohnung, doch sie stellten die Zahlungen ein. Der europäische Traum ist in Salt zerbrochen, und zwar nicht nur für Migranten.
Die offizielle Darstellung und der anhaltende Unmut
Der Stadtrat, geführt von Esquerra Republicana (ERC), teilt die Diagnose bezüglich des Leerstands in Fondsbesitz. Aber das Management überzeugt nicht alle. Manche behaupten, der Stadtrat sei Teil des Problems, nicht der Lösung. Andere gehen weiter und sprechen von Rechtsbeugung. Die öffentliche Debatte ist voller gegenseitiger Vorwürfe, während die Räumungen weitergehen und die Wartelisten für sozialen Wohnraum nicht kürzer werden.
Der Unmut über den Wohnraum ist nicht auf Salt beschränkt. Er ist die Spitze des Eisbergs eines Modells, das junge Menschen und Arbeiter aus den Städten verdrängt. In Salt sind 37 % der Einwohner Ausländer, laut dem Statistischen Institut von Katalonien. Das Zusammenleben spannt sich an, wenn der Markt nicht funktioniert. Und wenn der Markt nicht funktioniert, reichen Flickschustereien nicht aus. Das Problem ist nicht, wer besetzt, sondern warum tausende Wohnungen leer stehen, während Familien auf der Straße schlafen. Die Antwort wird vorerst mit Steinen geschrieben. Und so geht es uns.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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