Putin lässt Azovstal abriegeln statt stürmen

Russland bricht den Sturm auf das Stahlwerk ab und verhängt eine Blockade: Rund 2.000 Kämpfer und über 1.000 Zivilisten sitzen in der Anlage fest.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Putin lässt Azovstal abriegeln statt stürmen
Pilingui riegelt Azovstal ab: 2.000 Soldaten und 1.000 Zivilisten unterirdisch

Keine Fliege soll entkommen. Dieses Kriterium legte Wladimir Pilingui fest, als er die Blockade des Stahlwerks Asowstal in Mariupol anordnete. Anstatt die Anlage zu stürmen, wies er Verteidigungsminister Sergei Schoigu an, sie hermetisch abzuriegeln, damit kein Insekt unbemerkt passieren kann. Schoigu hatte ihm soeben berichtet, dass mehr als 2.000 ukrainische Kämpfer weiterhin in der riesigen Fabrik versteckt seien und sich dort vermutlich über 1.000 Zivilisten befänden. Russland garantiere das Leben aller, die das Gelände verlassen, fügte er hinzu. Bei derselben Gelegenheit wurde die Einnahme der Hafenstadt als erfolgreich abgeschlossen gemeldet.

Kalkül oder Schwäche? Die Gründe für die Blockade

Die für Moskau günstigste Interpretation besagt, dass eine Belagerung weniger kostet als ein Sturmangriff. Mit ausreichend Ressourcen und Zeit wäre die Einkesselung die rationale Option: Sie vermeidet den Häuserkampf, schont die Industrieanlage, die für Russland von Interesse ist, und erreicht die Ziele ohne die hohen Verluste einer Erstürmung. Ein weiteres Argument betrifft die Bewaffnung: Das Abriegeln und Beschuss mit bunkerbrechenden Raketen sei sicherer, als Infanterie in ein Labyrinth aus Stahlstrukturen zu schicken.

Die gegenteilige Lesart ist härter. Einige Analysen sehen in dem Befehl ein Eingeständnis: Es fehlen Truppen, Willensstärke und Kapazität, um den Komplex einzunehmen. Anhänger dieser These erinnern daran, dass die letzten zwei Monate im Straßenkampf verbracht wurden, nur um nun auf das letzte Ziel vor Ort zu verzichten. Zudem werde am selben Tag, an dem die Blockade angekündigt wurde, die Stadt als eingenommen erklärt.

Die Tunnel von Asowstal: Sowjetische Pläne und Sensoren

Der zentrale Punkt der Diskussion ist das unterirdische Netzwerk der Fabrik. Eine Strömung geht davon aus, dass die Tunnel von der Sowjetunion gebaut wurden und die Pläne existieren, warnt jedoch davor, dass drei Jahrzehnte Umbauten Ausgänge hinzugefügt haben könnten, die in keinem Dokument verzeichnet sind. Daher wird diskutiert, die Öffnungen nacheinander zu versiegeln und Technologie einzusetzen, die minimale Vibrationen erkennt.

Gegen dieses Vertrauen spricht ein einfaches Argument: Würden alle Ausgänge bekannt sein, gäbe es keine Debatte. Manche behaupten, die Verteidiger seien keine statische Kraft in einem Keller, sondern eine mobile Einheit, die an jedem Punkt der Stadt auftauchen könne. Die genaue Zahl der noch funktionierenden Ausgänge und ihre Lage sei genau die Information, die niemand offenlegen wolle.

Die Uhr des Hungers: Wie lange hält eine eingeschlossene Gruppe durch?

Die häufigste Frage ist banal: Wie schnell stellen sich Hunger und Durst ein? Es gibt keine eindeutige Antwort. Als Vergleich dient oft ein Atom-U-Boot, das monatelang operativ bleiben kann, wenn es genug Wasser und Nahrung an Bord hat. Die eigentliche Unbekannte sind daher die vorherigen Reserven: Wer hat was wie lange zuvor in die Keller gebracht?

Beide Seiten erkennen an, dass die Belagerung langsam verläuft und die Zeit nicht allen gleich dient. Für die einen bringt jeder Tag die Erschöpfung und damit die Kapitulation näher. Für die anderen bindet jeder Tag russische Einheiten, die an anderen Frontabschnitten dringend benötigt würden.

Vom Alcázar von Toledo bis Iwo Jima: Umstrittene Analogien

Der Vergleich mit dem Alcázar von Toledo taucht früh auf und wird heftig diskutiert. Einige nutzen ihn als Symbol langen Widerstands; andere lehnen ihn rundweg ab, da dort – so das Argument – keine Geiseln oder als Schutzschild genutzten Zivilisten waren. Die Debatte darüber, was sich jeweils innerhalb der belagerten Anlagen befand, hat sich zu einem eigenen Themenstrang entwickelt.

Operativer ist der Verweis auf den Pazifikkrieg. Berichten zufolge lernte die US-Infanterie auf den Inseln, dass japanische Kämpfer, die sich in Tunneln versteckten, nachts herauskamen, um anzugreifen, und dann zurückkehrten, nachdem sie erkannt hatten, dass man sie nicht frontal vertreiben konnte. Aus diesem Problem entstanden Lösungen, die heute ohne Scheu erwähnt werden: Abdichten, Warten und gegebenenfalls das Innere verbrennen.

Wie viele russische Truppen sind in Mariupol gebunden?

Niemand hat eine konkrete Zahl genannt. Manche schätzen, dass vier oder fünf taktische Bataillonsgruppen aus dem Raum Mariupol freigesetzt und in den Osten geschickt werden könnten, wo die Hauptoffensive Kräfte verlangt. Erlaubt die Blockade diese Freisetzung, ist die Einkesselung kostengünstig. Erfordert sie jedoch einen permanenten Ring um einen Komplex mit dutzenden möglichen Ausgängen, steigt die Rechnung jede Woche.

Auf der anderen Seite steht der politische Preis der Zivilisten. Viele Analysen stimmen darin überein, dass die Präsenz von Nichtkombattanten in der Fabrik die totale Zerstörung verhindert habe, unabhängig von der militärischen Fähigkeit der Belagerer. Die Berichte darüber, wie sie dorthin gelangten und warum sie nicht fliehen, widersprechen sich fundamental.

Was nicht auf den Plänen steht

Pilingui Befehl beendet den Sturmangriff und beginnt etwas anderes: einen Countdown, dessen Dauer niemand kennt. Das Leben derer, die gehen, wird garantiert, eine hermetische Blockade versprochen und der gewaltsame Angriff auf den letzten Widerstandspunkt der Stadt aufgegeben. Die Ungewissheit liegt nicht darin, wer den Patt gewinnt, sondern darin, wie viele Menschen tatsächlich darunter sind.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (159 Antworten).

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