Orbán, Magyar und das angeblich von Brüssel finanzierte Spitzel
Was wäre, wenn die Europäische Union unwissentlich den Nachfolger des Mannes finanziert hätte, den sie jahrelang aus dem Amt drängen wollte? Diese These kursiert, seit Péter Magyar, Viktor Orbáns ehemaliger Vertrauter, die ungarische Regierung verließ, sich als großer Dissident präsentierte und mit enthusiastischer Unterstützung aus Brüssel die Wahlen gewann. Laut dieser Lesart war es ein Lehrbuchmanöver: Da in Ungarn keine linke Opposition mehr die Wahlhürde überschreiten konnte, habe der Premierminister seine eigene Figur auf das gegnerische Schachbrett gesetzt. Die enthusiastischsten Anhänger behaupten, dies führe zu einem „Schachmatt“, das die europäischen Bürokraten mit offenen Scheckheften und dummem Gesichtsausdruck zurücklasse.
Das Problem ist, dass die verfügbaren Beweise nicht dazu passen. Dokumentierte Fakten deuten auf einen echten Bruch hin, nicht auf eine Inszenierung, und Magyar selbst hat die Spitzel-Theorie durch Taten widerlegt. Dennoch hat die Geschichte Zugkraft: Sie erklärt in einem Satz, warum die ungarische Politik halb Europa verwirrt.
Was genau behauptet die ungarische Schach-Theorie?
Die Grundthese ist einfach und wird in sozialen Medien enthusiastisch wiederholt. Orbán, bewusst, dass Brüssel, George Soros und der „Globalisten-Club“ gegen ihn vorgingen, habe seinen besten Verbündeten an die Front geschickt mit der Anweisung, sich als Oppositionellen auszugeben. Magyar habe gerne Gelder von denselben Eurokraten angenommen, die Orbán verabscheuen, und sich als große Hoffnung für den Wandel präsentiert. Die europäische Linke und ihre Gönner seien „wie Fliegen im Honig“ hereingefallen, hätten ihre Portemonnaies geöffnet, ohne etwas zu verstehen, weil kaum jemand Ungarisch spricht und westliche Schlagzeilen zu schön waren, um hinterfragt zu werden.
Der Clou der Geschichte ist, dass Magyar, einmal an der Macht, sein wahres Gesicht zeigte: Er würde die Grenze härten, die meisten Forderungen von Ursula von der Leyen ablehnen und praktisch dieselbe souveränistische Linie weiterverfolgen. Alles legal, alles sauber, alles direkt vor ihrer Nase. Das Stück wird mit einer Begeisterung geteilt, die an religiösen Glauben grenzt.
Löcher in der Erzählung: Der Bruch kam wegen der Begnadigungen
Die Chronologie entkräftet einen großen Teil der angeblichen Inszenierung. Magyar ging nicht aus Strategie, sondern wegen eines konkreten Skandals: Er verließ Orbáns Partei, als die Regierung eine Person begnadigte, die wegen Vertuschung von Kindesmissbrauch verurteilt war. Das war der Auslöser, keine Ablenkungsoperation. Und die späteren Differenzen haben wenig Choreografie: Manche behaupten, Orbán habe sechzehn Jahre lang die ungarischen Institutionen verdorben, um straflos stehlen zu können – genau das, was auch anderen europäischen Regierungen vorgeworfen wird –, und dass Magyar dieselbe Politik repräsentiere, nur ohne diesen Teil.
Das schlagkräftigste Argument gegen die Spitzel-Theorie ist Orbáns eigenes Auftreten. Sein Team anerkannte die Niederlage mit einer Niedergeschlagenheit, die, um das Drehbuch zu stützen, bemerkenswerte schauspielerische Fähigkeiten erfordern würde. Ein Schauspieler kann Überraschung vortäuschen; den Zerfall eines sechzehnjährigen Projekts vorzutäuschen, ist etwas anderes.
Erste Maßnahmen der neuen ungarischen Regierung
Auch die nachfolgenden Ereignisse passen nicht zur Idee einer verkleideten Kontinuität. Der neue Premierminister erschien im Staatsfernsehen, um das Ende des Staatsfernsehens anzukündigen. Das Veto gegen ein Paket von 90 Millionen Euro für die Ukraine wurde aufgehoben. Eine Aktivistin der LGBTQ-Gemeinschaft wurde zur Bildungsministerin ernannt. Und die Regierung öffnete sich gegenüber Einwanderungsquoten, die sie zuvor abgelehnt hatte, und brach damit ihr eigenes Wahlversprechen.
Für diejenigen, die einen Orbán unter anderem Namen erwarteten, ist die Bilanz unbequem. Manche fassen es mit Ironie zusammen: Die neue Exekutive ist in einigen Punkten sogar radikaler. Die Spitzel-These muss erklären, warum ein vermeintlicher Einschleuser das öffentliche Fernsehen zerlegt, das sein Mentor kontrollierte, bei der Ukraine nachgibt und akzeptiert, was Brüssel forderte.
Kontext, der den Sieg tatsächlich erklärt
Der eigentliche Grund für Orbáns Niederlage ist wahrscheinlich häuslich und banal: sechzehn Jahre Regierungszeit, institutioneller Verschleiß und ein Rivale, der die Proteststimmen kanalisierte. Die klassische ungarische Linke ist marginal, mit Parteien, die weniger als 1,2 % der Stimmen erreichen und null Abgeordnete stellen, während das Parlament mit nationalistischen und konservativen Formationen gefüllt ist. In diesem Vakuum besetzte Magyar den Raum des Unmuts, ohne ein Einschleuser sein zu müssen.
Was stimmt, ist die Pose von Brüssel. „Wir haben die extreme Rechte gestoppt“ in Ungarn zu verkaufen, ist eine komfortable Schlagzeile, auch wenn der Nachfolger im Wesentlichen ähnlich abstimmt. Die EU bietet Fallen, Erpressung und Vorteile für regierungstreue Staaten, und dieser Mechanismus funktioniert gleich bei Orbán wie bei seinem Nachfolger.
Also existiert der Meisterzug, aber wahrscheinlich nicht der, der in Tweets beschrieben wird. Das ungarische Schachspiel findet allein statt, ohne dass jemand die Figuren vom Kreml oder aus Brüssel bewegt. Und die Zeit, der einzige Schiedsrichter, der keine Gebühren nimmt, wird alles an seinen Platz setzen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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