Madrid: 60-Jähriger ersticht seine 29-jährige Ex-Partnerin in Carabanchel

Ein 60-jähriger Mann hat seine 29-jährige Ex-Partnerin in Carabanchel, Madrid, erstochen. Eine Kontaktsperre bestand, doch ersten Erkenntnissen zufolge suchte sie seine Wohnung auf.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Madrid: 60-Jähriger ersticht seine 29-jährige Ex-Partnerin in Carabanchel
Ein 60-Jähriger ersticht seine 29-jährige Ex-Partnerin in Carabanchel

Die Kontaktsperre bestand. Sie nützte nichts. Ein dominikanischer Staatsangehöriger, Augusto M. A., 60 Jahre alt, erstach seine Ex-Partnerin, eine 29-jährige paraguayische Frau, gegen 2.30 Uhr nachts in der Travesía de Santoña 1 im Madrider Stadtbezirk Carabanchel. Ersten Erkenntnissen zufolge war es sie, die zu seiner Wohnung kam und damit die eigene Schutzanordnung verletzte, die gegen den Mann bestand. Der Täter wurde festgenommen.

Der Fall passt also nicht in das übliche Muster. Weder war das Opfer in ihrer Wohnung, noch begab sich der Täter zu ihr, noch ist eine frühere Anzeige der Frau bekannt, die die Schutzmechanismen ausgelöst hätte. Die Kontaktsperre hat nach ersten Darstellungen die Getötete selbst gebrochen. Dieses Detail schließt den Fall nicht, sondern öffnet ihn erst: Was nützt eine Schutzanordnung, die den Kontakt nicht verhindert, wenn die geschützte Person selbst danach sucht?

Was das Polizeiprotokoll sagt – und was nicht

Die Fakten sind knapp und minutös erfasst. 2.30 Uhr, ein Hauseingang in Carabanchel, mehrere Stiche, ein Festgenommener. Was fehlt, ist eine offizielle Darstellung des Motivs, der bisherigen Lebenssituation des Paares oder wie lange die Kontaktsperre bereits galt. Auch ist nicht bestätigt, ob die Frau legal in Spanien lebte oder ob sie Kinder hatte.

Dieses Fehlen von Kontext hat die Deutungen befeuert. Manche sehen einen klassischen Fall von Gewalt gegen Frauen, mit dem erschwerenden Umstand, dass das Schutzsystem versagt hat. Andere halten dagegen, dass das Schutzsystem niemanden schützen kann, der freiwillig die Wohnung der Person aufsucht, von der er oder sie gerichtlich ferngehalten werden soll.

Beides kann gleichzeitig wahr sein. Der erste Satz des Protokolls klärt nichts.

Der Altersunterschied als Fakt und als Ausrede

Der Altersunterschied – 31 Jahre – war das Erste, was die Aufmerksamkeit erregte. Ein 60-jähriger Mann, eine 29-jährige Frau. Im kollektiven Bewusstsein löst das eine Reihe bekannter Erzählungen aus: wirtschaftliche Abhängigkeit, ein Machtungleichgewicht, die junge Frau, die nach Spanien kommt und in einer Beziehung mit einem Mann gefangen ist, der drei Jahrzehnte älter ist.

Es ist eine plausible Erzählung. Es ist aber auch eine Erzählung, die ohne Daten konstruiert wird. Das Protokoll enthält keinen Hinweis auf wirtschaftliche Abhängigkeit, kein Fehlen eines Unterstützungsnetzwerks und keine erzwungene Beziehung. Das Einzige, was feststeht: Sie war 29, er war 60.

Die Versuchung, aus diesem Unterschied eine Erklärung zu machen, ist groß. Und genau das sollte man vermeiden.

Die Herkunft als Hintergrundrauschen

Das zweite Detail, das die Debatte polarisiert hat, ist die Staatsangehörigkeit. Er ist Dominikaner. Sie war Paraguayerin. In einem Klima politischer Spannungen rund um Migration wirkte dieses Detail als Zündfunke zweier gegensätzlicher Diskurse: der eine behauptet, die Nationalität sei irrelevant, der andere, sie sei der Schlüssel zu allem.

Keiner von beiden hält dem stand, was auf dem Tisch liegt. Eine Nationalität erklärt keinen Totschlag. Und zu leugnen, dass die Herkunft die Dynamik einer Beziehung prägen kann – durch Isolation, Prekarität oder das Fehlen eines familiären Netzwerks – ist ebenso unehrlich.

Fakt ist, dass die Geschichte je nach Medium unterschiedlich erzählt wurde. Manche haben die spanische Staatsangehörigkeit des Festgenommenen hervorgehoben – sie ist belegt – und seine Herkunft verschwiegen. Andere haben es umgekehrt gemacht. Dieses Jonglieren mit Etiketten sagt mehr über das Mediensystem aus als über den Fall.

Das Problem mit Kontaktsperren, die nicht schützen

Eine Kontaktsperre ist ein Blatt Papier. Ein Blatt, das eine Person theoretisch dazu verpflichtet, sich einer anderen nicht zu nähern. In der Praxis verhindert es nicht, dass sich die andere Person der ersten nähert. Und genau das ist, den ersten Erkenntnissen zufolge, hier geschehen.

Das Schutzsystem ist darauf ausgelegt, das Opfer vor dem Täter zu schützen. Nicht darauf, den Täter vor dem Opfer zu schützen. Wenn das Opfer freiwillig beschließt, die Wohnung des Täters aufzusuchen, hat das System keine Antwort. Vor jedem Hauseingang steht kein Polizist.

Das bedeutet nicht, dass die Frau irgendetwas zur Last gelegt wird. Es bedeutet, dass der Mechanismus ein Loch hat. Ein Loch, das in diesem Fall mit einer toten Frau und einem festgenommenen Mann endete.

Was noch offen ist

Der Fall ist offen. Es gibt kein Verfahren, kein Urteil, keine gerichtliche Darstellung der Ereignisse. Es gibt einen Festgenommenen, eine Tote und eine Kontaktsperre, die den Ausgang nicht verhindern konnte.

Offen ist, ob die Frau aus eigenem Antrieb oder unter irgendeinem Druck die Wohnung aufsuchte. Ob es früher gegenseitige Anzeigen gab. Ob das Schutzsystem den Fall begleitet hatte. Und vor allem, ob dies ein Ausnahmefall ist oder ein Muster, das sich mit Variationen wiederholt.

Tausende Kontaktsperren werden jedes Jahr verhängt. Die meisten enden nicht so. Aber manche doch. Und wenn sie so enden, lautet die Frage nicht nur, was versagt hat. Sondern ob das System auch auf eine andere Weise versagen kann.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (99 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver