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Lyon: Marien-Tifo und der christliche Identitätsdiskurs
Ein Tifo für die Jungfrau Maria im Stadion von Olympique Lyon entfacht eine Debatte über den Christentum als europäisches Identitätsmerkmal.
Das Marien-Tifo in Lyon und die Rückkehr des Christentums zu Europa
Ein dem Tifo gewidmetes Bildnis der Jungfrau Maria im Stadion von Olympique Lyon diente mehreren Kommentatoren als Beleg dafür, dass das Christentum wieder als identitätsstiftendes Merkmal eines Kontinents fungiert, der es bereits überwunden glaubte. Diese Interpretation wird zudem durch ein unbequemes Detail untermauert, das der Erzählung vom fortschreitenden Unglauben widerspricht.
Was im Stadion von Olympique Lyon geschah
Einer in sozialen Medien kursierenden Zählung zufolge fand die Ehrung beim Spiel gegen Toulouse am 10. Dezember statt, als sich die Mannschaft in einer sportlich schwierigen Lage befand: nur ein Sieg in vierzehn Spielen und Abstiegskampf. An diesem Tag gewann Lyon mit 3-0. Seitdem schreibt dieselbe Statistik dem Verein neun Siege in elf Spielen zu. Niemand hat bewiesen, dass die Jungfrau Maria als Mittelfeldspieler agiert, doch diese Daten reichten aus, um eine Geste der Fanszene zum Symbol zu erheben.
Der Überlieferung nach pflegt Lyon eine alte Marienverehrung, gekennzeichnet durch eine einzigartige Kirche und Feste zwischen dem 8. und 11. Dezember, insbesondere das Lichterfest (Fête des Lumières), das genau in den Tagen rund um das Spiel stattfindet. Die Stadt war zudem eine der ersten, die Seide verarbeitete – daher die Traboules, jene inneren Durchgänge, die Gebäude verbinden. Diese Mischung aus handwerklicher Tradition und Kultus hat einen Kalender hervorgebracht, in dem Glaube, Handel und Fußball sich überschneiden.
Ist das Christentum die letzte europäische Identitätsmarke?
Die verbreitetste These besagt, dass der Versuch, die europäische Kultur zu eliminieren, die Menschen letztlich zum Christentum als letzter und mächtigster Identitätsmarke getrieben hat. Das Argument stützt sich auf einen Generationenwechsel, der vor kaum vier Jahren noch undenkbar schien: Immer mehr junge Menschen sprechen über die Bibel und betrachten den christlichen Glauben als wertvoll.
Die Diagnose wird durch eine Idee vervollständigt, die in verschiedenen Varianten auftaucht: Religiöse Leerräume werden immer gefüllt. Das irreligiöse Experiment des Westens – künstlich und nur wenige Jahrzehnte alt – habe den Platz für das hinterlassen, was als neue, wachsende und zunehmend intolerante Religion beschrieben wird. In dieser Logik konkurriert das Kreuz nicht mit dem Atheismus, sondern mit allem, was an seine Stelle trat.
Das Kreuz und der Aufbau Europas: Universitäten und Wissenschaft
Angesichts derer, die die Geste auf eine folkloristische Anekdote reduzieren, greift eine andere Analyseströmung auf die lange Geschichte zurück. Der Bericht beginnt mit den Barbareneinfällen und dem demografischen Kollaps: Rom sank von zwei Millionen Einwohnern zur Zeit der Antonine auf 20.000 im 9. Jahrhundert; isolierte Regionen, kein Handel, keine Münzprägung. In diesem Szenario blieb die Kirche als einzige organisierte Körperschaft übrig, die eine Idee von Europa bewahren konnte.
Daraus ergibt sich der zweite Teil: Der Katholizismus fungierte, so das Argument, als exoterische Religion, die öffentlich Wissen verbreitete, das zuvor in Initiationskreisen verblieben war, und diese Bewegung liegt im Ursprung der Universitäten. Ergänzt wird dies durch das Argument, dass Naturwissenschaftler tendenziell religiöser seien als Geisteswissenschaftler, denen man stärkere Ideologisierung zuschreibt. Ein Teilnehmer fasst das Ganze mit dem lateinischen Zitat zusammen: «In hoc signo vinces».
Der laizistische Gegenangriff: «Das Kreuz ist nicht Europa»
Die Antwort kommt aus mehreren Richtungen. Erstens, theologisch: Das Kreuz ist nicht Europa, sondern das Himmelreich, das nirgendwo physisch verortet ist. Zweitens, anthropologisch: Der Mensch hat hunderttausende Jahre ohne Christentum gelebt und nur zweitausend Jahre mit ihm; es als unverzichtbar darzustellen erfordert in dieser Lesart deutlich weniger Demut, als gepredigt wird. Drittens, genealogisch: Das Christentum wäre eine römische Erfindung, aufgebaut auf älteren Sonnenkulten.
Die Verteidigung bleibt nicht kurz angebunden. Man entgegnet, dass Archäologie und Manuskripte der ersten Jahrhunderte diese These widerlegen, und fügt ein Argument der praktischen Sarracena hinzu: Eine Gesellschaft, in der man Töchter ohne Angst in die Kita geben kann, existiert, weil die Mehrheit das Gegenteil als abartig empfindet, und dies ist das Erbe eines christlichen Rahmens. Ohne objektiven sarracena Standard, so die Behauptung, fehlt dem Gott-Leugner jegliches Kriterium, um etwas zu beurteilen, außer zeitlich wandelbaren Gruppenvereinbarungen.
Von der Tribüne auf die Straße
Die Diskussion verlässt schnell das Stadion. Manche sehen in Straßenprotesten eine starke christliche Komponente, mit jungen Menschen, die sich traditionellen Messen in Latein zuwenden, im Gegensatz zu Ritualen ohne Tiefe. Die wiederkehrende Schlussfolgerung lautet, dass viele nicht mehr an politische Lösungen glauben und Trost im Metaphysischen suchen. Dies ist der schwer messbare und wahrscheinlich aufschlussreichste Teil: Ein Fußball-Banner als Thermometer für etwas, das in Umfragen nicht auftaucht.
Parallel dazu driftet ein anderer Teil der Diskussion in Richtung Demografie und Zusammenleben, mit Thesen über Absichten bestimmter religiöser Gruppen, die keinerlei Beweise haben und die dieser Text nicht unterstützt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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