Der kastilische Aufstand: Volksheldentum oder Elitenkrieg?
Eine Sendung über den „kastilischen Aufstand“ hat in Spanien die Debatte neu entfacht, was Kastilien war und wie mit ihm verfahren wurde. Die verbreitete These lautet: Kastilien war ein historisches Subjekt mit einem eigenen Projekt, dessen letzter organischer Akt erstickt wurde. Die ebenso schnelle Gegenreaktion: Das sei nur wiederaufbereitete Epik, um einen Konflikt zwischen Eliten zu verschleiern.
Der Startschuss fiel mit einer Nachricht, die Hunderte von Erwähnungen auslöste, um die Reichweite zu maximieren. Vorwürfe kamen vor Argumenten. Manche kritisierten, dass man Publikum als Füllmaterial nutzte, um den Saal zu füllen, andere wiesen auf unvollständige Anträge hin. Ein klassisches Kabinettsgespräch. Der eigentliche Vorwurf ist anderer Natur: Einige behaupten, der Autor Cruz Sequera verteidige oder kritisiere nichts von dem, was er darlege, während andere ihn ohne Nuancen im kastilischen Regionalismus verorten. Auch Gerüchte über externe Finanzierung kursieren, ohne dass ein einziger Beleg vorgelegt wird. Dieser Abschnitt steht auf wackeligen Füßen.
Die Comunidades: Volksrevolution oder adeliger Ausgleich?
Der Punkt, an dem die epische Erzählung bröckelt, liegt im 16. Jahrhundert. Die schulische Version spricht von einem Volksaufstand gegen einen ausländischen König und seinen flämischen Hof. Hier wird das Gegenteil vertreten: Es war keine Revolution des gemeinen Volkes, sondern eine Operation der kastilischen Eliten, die ihre Privilegien durch einen neuen Monarchen gefährdet sahen. Der gezogene Parallelenzug führt zur englischen Magna Carta von 1215, Ergebnis eines Machtkampfes der Barone gegen Johann Ohneland.
Daraus ergibt sich eine längere und recht unbequeme These: Der Feudalismus verschwand in England seit der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert nie ganz, während er sich in Kastilien aufgrund konkreter historischer Umstände nie vollständig konsolidierte. In dieser Lesart ist die Epik nur eine spätere Hülle. Und wer sie nutzt, will selten darüber sprechen, wer die Truppen bezahlte.
Kastilien siegte auch auf See gegen England
Gegen die entmythologisierende Lesart bringt das andere Lager dokumentarische Artillerie ins Spiel: Kastilien hatte im Spätmittelalter eine starke Flotte und besiegte England mehrfach im 14. Jahrhundert. Der Grund war nicht romantisch. Beide Mächte konkurrierten um die nordatlantischen Handelsrouten und das Textilgeschäft, wobei kastilische Wolle nach Flandern exportiert und flämische Tuche zurückgebracht wurden. Es wird argumentiert, dass Kastilien mehr leistete als jede andere Region und dieses Gewicht später verwässert wurde, ohne dass es jemand richtig erzählt hätte.
Alte DNA betritt das Schlachtfeld
Wo die Angelegenheit technisch wird – oder zumindest so tun soll –, geht es um Genetik. Es werden zwei westgotische Proben analysiert. Die aus Madrid, datiert auf 478, weist einen Anteil von 61,2 % alter baskischer Komponente, 17,8 % israelitischer und 16,2 % britischer Hochland-Komponente auf. Die aus Granada, von 482, verteilt sich auf 34,6 % alte baskische, 26,4 % maghrebinische und 16,2 % sardische Komponenten. Mit diesen Zahlen soll geklärt werden, wer wer ist und wer zuerst ankam.
Das Experiment hat einen Haken. Eine Probe ist kein Volk. Und im Thread selbst wird diskutiert, ob die aschkenasische Bevölkerung, die laut den dort genannten Daten nur etwa 30 % jüdische Abstammung aufweist, als jüdisch eingestuft werden kann. Wendet man denselben Maßstab an, müsste ein halber Kontinent seine Ausweiskarten zurückgeben.
Von Alfons VI. bis Olivares: Wo begann die Verwässerung Kastiliens?
Die Chronologie der Benachteiligung beginnt vor den Comuneros. Alfons VI. wird als erster „frankophil“ geprägter Herrscher dargestellt: Er holte die Burgunder in das Königshaus und französische Bischöfe und Adlige durch die breite Tür herein. Bereits im 13. Jahrhundert handelte der kastilische Adel auf eigene Faust und häufte Land an. Mit der Ankunft Karls von Habsburg, gebürtiger Flame, reichte es kaum noch, die Granden zu kaufen.
Danach folgte die Anpassung. Es wird behauptet, die Niederlage der Comuneros habe das kastilische Gleichgewichtssystem der königlichen Autorität untergeordnet, Jahrhunderte vor den Decretos de Nueva Planta (Neue Pflanzen Dekrete). Man erinnert daran, dass der Conde-Duque de Olivares versuchte, Katalonien das abzunehmen, was er bereits in Kastilien ohne Hindernisse erhielt, und fragt offen, woher es kommt, dass im 15. Jahrhundert das Drucken von Büchern auf Katalanisch verboten war. Diese Fragen sind unbequem für die Erzählung eines harmonischen Spaniens.
Fiskalisches Defizit, Autonomien und der letzte Pfeiler
Der Sprung in die Gegenwart vollzieht sich über die Steuerpolitik. Es wird argumentiert, dass eine durchschnittliche Familie in Valencia nach Steuern und öffentlichen Investitionen schlechter gestellt ist als eine durchschnittliche Familie in Extremadura, obwohl beide im Durchschnitt liegen sollten. Das katalanische Defizit wird, je nach Quelle, auf ein fiskalisches Defizit von 10 % geschätzt, verglichen mit den 4 %, die im deutschen Fall als ungerecht gelten. Dass es in Madrid ein Korruptionsproblem gibt, das in Bilanzen nicht auftaucht, wird ebenfalls behauptet, wenn auch weniger ausgearbeitet.
Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Staatsarchitektur. Man erinnert daran, dass Frankreich seine regionale Karte durch Départements neu gestaltete, historische Provinzen mischte, um zentrifugale Tendenzen zu verwässern, und dass dies erfolgreich war. Und eine These schwebt im Raum: Die Monarchie wäre der letzte Pfeiler, der diesen plurinationalen Staat stützt, und wenn sie fällt, reißt sie den Rest mit. La Rioja taucht beiläufig auf, von einigen als kastilisiertes Baskenland gesehen, von anderen als seit tausend Jahren Teil Kastiliens.
Mit diesen Bausteinen wäre es vernünftig anzunehmen, dass die kastilische Erzählung ein Nischen-Podcast und eine Tischdebatte bleibt. Vorsichtiger ist es, etwas anderes anzudeuten: Solche Erzählungen werden nicht nach unmittelbarer Hörerschaft gemessen, sondern danach, wie lange sie brauchen, um sich festzusetzen. Wenn sie sich festsetzen, wird niemand Buch geführt haben. Wenn nicht, bleiben die Daten. 61,2 % alte baskische DNA und eine Flotte, die einmal England besiegt hat.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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