Iustitia Europa plant zwei Referenden zum Verlassen der EU und der NATO
Der Auftritt von Iustitia Europa auf dem Wahlbrett hat ein Programm hinterlassen, das in außenpolitischen Fragen mit dem Konsens der letzten vierzig Jahre bricht: Die Formation schlägt vor, zwei bindende Referenden abzuhalten, um zu entscheiden, ob Spanien die Europäische Union und die NATO verlässt. Die Partei, die nur in Madrid antritt, stellt die Wiederherstellung der nationalen Souveränität in den Mittelpunkt ihrer Rede und behauptet, Brüssel sei zum «Diktat» der Lobbyisten geworden. Der Vorschlag hat eine Debatte wiederbelebt, die jahrelang auf Eis lag: Kann sich ein Euro-Land leisten, seinen Austritt in Betracht zu ziehen?
Was genau schlägt das Programm von Iustitia Europa vor?
Das Wahlprogramm der Formation, das in sozialen Medien verbreitet wurde, enthält fünf Punkte unter der Überschrift „Mehr Spanien und weniger Europäische Union“. Der erste fordert die Wiederherstellung der nationalen Souveränität und die Aufgabe strategischer Bündnisse, die laut ihrer These gegen Frieden und Neutralität gerichtet sind. Der zweite greift die Europäische Kommission wegen ihrer vermeintlichen Unterwerfung unter Lobbyisten an. Die beiden letzten sind die auffälligsten: jeweils bindende Konsultationen über die Zugehörigkeit zur EU und zur NATO.
Der Vorschlag ist im spanischen politischen Ökosystem nicht neu, aber beispiellos für eine Partei, die ins Parlament will. Bislang war die Infragestellung des europäischen Rahmens marginalen Formationen oder isolierten Erklärungen vorbehalten. Iustitia Europa rückt dies in den Mittelpunkt ihres Wahlangebots.
Das wirtschaftliche Argument: Gibt es ein Leben außerhalb der EU?
Im Kern der Debatte steht die Frage, ob Spanien es sich leisten kann, mit Brüssel zu brechen. Ein Teil der Analyse behauptet, dass die EU-Mitgliedschaft eine ständige Abtretung von Souveränität in fiskalischen, energetischen und regulatorischen Angelegenheiten bedeutet habe und dass das Land außerhalb des Klubs Handlungsspielraum zurückgewinnen könnte. Man nennt die Beispiele Schweiz und Norwegen, die nicht Teil der Union sind, aber hohe Lebensstandards aufrechterhalten. Auch wird darauf hingewiesen, dass Marokko, obwohl kein Mitglied, vorteilhafte Bedingungen mit Brüssel verhandelt.
Dagegen spricht ein Faktum, das das Programm selbst nicht adressiert: Spanien ist eine Wirtschaft mit hoher öffentlicher Verschuldung und strukturellem Defizit, was sie von externer Finanzierung abhängig macht. Nach dieser Strömung hat ein Staat, der einen sehr hohen Anteil seines BIP schuldet, keinen realen Handlungsspielraum. Ein Austritt aus der EU würde bedeuten, auf den Zugang zum Binnenmarkt und zu Strukturfonds zu verzichten und alle Handelsabkommen von Grund auf neu zu verhandeln.
Die NATO und die Wende zur Neutralität
Das zweite Referendum betrifft die Atlantische Allianz. Das Programm von Iustitia Europa plädiert dafür, das zu verlassen, was sie als strategische Bündnisse beschreibt, die der Neutralität widersprechen. Die zugrunde liegende These lautet, dass Spanien in Konflikte hineingezogen wurde, die es nichts angehen, und dass seine Sicherheit fremden Interessen untergeordnet wurde.
Dieser Ansatz knüpft an eine Meinungsbewegung an, die seit Jahren eine autonomere Außenpolitik fordert. Ihre Befürworter argumentieren, dass die NATO-Mitgliedschaft das Land zu einem militärischen Ziel gemacht habe und dass Neutralität, wie im Fall der Schweiz oder Österreichs, größere Garantien bieten würde. Kritiker entgegnen, dass die europäische Sicherheit auf kollektiver Abschreckung beruht und dass ein Austritt aus der Allianz Spanien in einer Position der Verwundbarkeit gegenüber realen Bedrohungen hinterlassen würde.
Der Wahlkontext: Nur Madrid und keine staatliche Finanzierung
Iustitia Europa tritt ausschließlich im Wahlkreis Madrid an, was ihre Wahlobergrenze auf eine Handvoll Sitze begrenzt. Da sie zuvor keine Vertretung errungen hat, erhält sie weder Sitz- noch Stimmenzuschüsse vom Staat und finanziert ihren Wahlkampf durch Beiträge der Mitglieder. Dieses Detail ist keineswegs nebensächlich, sondern bestimmt ihre Strategie: Ohne territoriale Struktur oder Budget für einen nationalen Wahlkampf zielt sie darauf ab, Proteststimmen in einem einzigen Bezirk zu bündeln.
Die Partei präsentiert sich als Alternative zu dem, was sie als Partokratie bezeichnet, das System, das Wähler zwingt, ganze ideologische Pakete schluckweise einzunehmen. Ihre Rede richtet sich an jene, die sich bei Themen wie Hausbesetzungen, illegaler Einwanderung oder der Verteidigung der nationalen Einheit ohne Vertretung fühlen. Die Frage ist, ob diese Nische groß genug ist, um sich in einen Sitz umzumünzen.
Was sagen Kritiker und was sagen Sympathisanten?
Die Reaktionen auf das Programm waren gemischt. Manche behaupten, der Vorschlag sei Wunschdenken, da ein Land mit der aktuellen Lage der öffentlichen Finanzen nicht daran denken könne, den Euro zu verlassen. Andere argumentieren, dass das eigentliche Problem nicht Brüssel sei, sondern die nationale politische Klasse, und dass es verschwendete Stimmen seien, eine Formation ohne Vertretung zu wählen, wenn die Priorität darin bestehe, die Regierung abzuwählen.
Auf der anderen Seite verteidigen Sympathisanten, dass die Stimme für Iustitia Europa eine Art Botschaft an die übrigen Parteien sei, wohin die Reise gehen soll. Sie weisen darauf hin, dass die Formation eine kritische Haltung zum Management der Pandemie eingenommen habe und ihr Programm konkrete Maßnahmen in Bezug auf Grenzen, Seeverteidigung und Migrationskontrolle enthalte.
Mit diesen Voraussetzungen ist die vernünftigste Prognose, dass Iustitia Europa bei diesen Wahlen keine Vertretung erringen wird. Aber allein die Tatsache, dass eine Partei den Austritt aus der EU und der NATO vorschlägt und bei einem Teil der Wählerschaft Anklang findet, sagt etwas über die Stimmung im Lande aus. Ob dieser Anklang wächst oder verblasst, werden nur die Zeit – und die Urnen – zeigen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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