Gowex: Aktionäre kauften zu 15,55 Euro und verloren binnen Tagen alles

Aktionäre der spanischen Firma Gowex kauften weiter zu 15,55, 8,30 und 7,90 Euro, während die Aktie abstürzte. Tage später gab der Gründer den Betrug zu, der Handel wurde ausgesetzt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Von der Euphorie zur Panik bei Gowex: Chronik eines Betrugs

Ein Anleger kaufte zu 15,55 Euro. Er kaufte erneut zu 8,30. Und wieder zu 7,90. Als ein Bericht eines ausländischen Fonds die Zahlen von Gowex in Zweifel zog, bestand die Reaktion vieler Kleinaktionäre nicht darin zu verkaufen, sondern nachzukaufen. „Die Börse belohnt die Mutigen und bestraft die Feigen“, schrieb einer von ihnen. Tage später gab der Firmengründer den Betrug zu, und die Aktie wurde ausgesetzt. Die Geschichte jener Woche, rekonstruiert aus den Nachrichten, die die Anleger selbst hinterlassen hatten, ist eines der deutlichsten Porträts des Bestätigungsfehlers, angewandt auf fremdes und auf eigenes Geld.

Was in dem Bericht stand, der die Panik auslöste

Auslöser war ein Bericht einer Analysefirma, der die Buchhaltung von Gowex in Frage stellte. Gowex war ein im Mercado Alternativo Bursátil (spanischer Börsensegment für kleinere Unternehmen) gelistetes Unternehmen, das in Städten WLAN-Netze betrieb. Das Dokument behauptete, das Unternehmen habe seine Umsätze aufgebläht, und wies darauf hin, dass die erstellende Firma möglicherweise Short-Positionen in der Aktie halten könnte. Für viele Aktionäre wurde genau dieser letzte Punkt zum Beweis, dass alles eine Manipulation war.

Die Mehrheitsverteidigung wiederholte drei Argumente. Erstens, Gowex sei seit mehr als 20 Jahren tätig und habe 2013 zehn Millionen an Steuern gezahlt, was aus ihrer Sicht Betrug ausschloss. Zweitens, die Präsenz in den Städten sei real und überprüfbar. Drittens, der Bericht sei schlampig, ohne Quellenprüfung und mit lächerlichem Logo. „In dem Moment, als ich las, dass sie may have Short-Positionen haben, war mir klar: Heute wird massiv gekauft“, fasste eine Nachricht zusammen. Die Logik war tadellos, wenn der Bericht gefälscht war. Das Problem war, dies einfach vorauszusetzen.

Das Argument, das niemand überprüfen wollte

Manche rechneten tatsächlich nach. Das Geschäftsmodell bestand darin, werbefinanziertes kostenloses WLAN anzubieten, was den Einkauf von Bandbreite bei den Netzbetreibern, die Wartung der Infrastruktur und den Wettbewerb mit Riesen erforderte, die sich aus diesem Geschäft heraushalten, weil es sich nicht rechnet. Nur ein einziges Unternehmen könnte sich so etwas leisten – und es baut keine Netze. Diese Überlegung, in mehreren Nachrichten klar dargelegt, prallte frontal auf die Euphorie.

Die übliche Antwort war, dass die Kritiker das Modell nicht verständen. „Bedauerlicherweise prophezeite dieser Herr Kursverluste ohne anderes Argument, als dass er das Geschäftsmodell nicht versteht“, stand über einem Skeptiker zu lesen. Die Investition stützte sich auf das Vertrauen in den Gründer, Jenaro García, von dem man verlangte, er solle sich stellen und den Verfasser des Berichts vernichten. Einer bot sich sogar an: „Jenaro, als dein Aktionär: Stell mich ein, wenn du willst.“

Käufe im freien Fall: 18.000 Euro und alles auf eine Karte

Das Orderbuch jener Tage ist ein Katalog von absturzresister Überzeugung. Käufe zu 15,55, zu 8,30, zu 7,90, zu 9,70, zu 10,45. Eine Nachricht gesteht: „Ich habe heute 5 Käufe getätigt, insgesamt investiert: 18.000 Euro. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, ehrlich gesagt ist es mir egal, was in diesem Bericht steht.“ Ein anderer versichert, Gowex sei 30 Euro wert, und er würde in einer solchen Lage niemals verkaufen. Das Wort Stop-Loss taucht selten auf, und wenn, dann um es zu verwerfen: Wenn das Unternehmen so gut sei, gebe es keinen Grund auszusteigen.

Das Ergebnis, als der Handel ausgesetzt wurde und es keine Möglichkeit mehr zu verkaufen gab, war eine Litanei vernichteter Vermögen. Ein Anleger erzählte, er habe sein Geld und das seiner Mutter verloren, insgesamt 100.000 Euro. Ein anderer sprach von 600.000 Euro, sein und das gesamte Vermögen seiner Familie. Auch diejenigen, die rechtzeitig verkauft hatten, kamen nicht glücklich aus dem Albtraum: Einer erzählte, er habe 2.000 Euro gewonnen und fühle sich „ungefähr so, als hätte ich meine ursprüngliche Investition verloren“, wegen der 4.000, die er verpasst hatte.

Die Wirtschaftsprüfung, die vor der Investition niemand ansah

Als die Aktie schon am Boden lag, tauchten die elementaren Fragen auf. Ein Berufsprüfer gab zu, die Firma gesucht zu haben, die die Bücher testierte, und keine Daten zu ihr gefunden zu haben: „Ich bin Wirtschaftsprüfer und kann sagen: Das ist eine unseriöse Prüffirma.“ Die Frage kam Tage zu spät. Die Information darüber, wer die Bücher eines börsennotierten Unternehmens testierte, war vor dem Kauf verfügbar, nicht nach dem Absturz.

Der andere Klassiker war der Stop-Loss, der nicht ausgelöst wurde. Manche wollten die Bank verklagen, weil die Schutzorder nicht ausgeführt worden war. Die technische Erklärung ist einfach und vernichtend: Wird der Handel ausgesetzt und die Aktie öffnet nie wieder, ist der Stop nutzlos. Man bleibt auf den Aktien sitzen.

Zwölf Jahre später steht der Prozess noch aus

Gowex meldete ein Jahr nach dem Platzen der Blase Insolvenz an. Der Gründer kam auf freien Fuß. Und der Prozess, so die Informationen der Betroffenen selbst, beginnt frühestens im Dezember, zwölf Jahre nach Ausbruch des Skandals. Die spanische Justiz hat ein Tempo, das jede Warnung zur Archäologie werden lässt.

Inzwischen ist der Gründer wieder unternehmerisch aktiv, diesmal im Solargeschäft. Die Nachricht macht unter den ehemaligen Aktionären die Runde, begleitet von einer Mischung aus Unglauben und schwarzem Humor. Manche schlagen vor, ihn in „Jenaro Musk“ umzutaufen.



Das Verstörende ist nicht der Betrug selbst. Sondern dass Jahre zuvor, 2010, ein anonymer Kommentar in einem Blog das Geschäftsmodell Punkt für Punkt seziert und den Ausgang vorhergesagt hatte. Er war da, gratis, bevor irgendjemand kaufte. Niemand hat ihn gelesen.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (92 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

-
Volver