Finanzielle Unabhängigkeit: Illusion oder machbar mit 500 Euro?

Mit 800 Euro monatlich über 15 Jahre bei 8% Rendite lassen sich 278.000 Euro ansparen. Die Debatte um finanzielle Freiheit spaltet die Gemüter.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Finanzielle Unabhängigkeit: Illusion oder machbar mit 500 Euro?
Finanzielle Unabhängigkeit: Der unmögliche Traum, der in 500 Euro passt

Von 550 Euro im Monat leben, zum Zahnarzt gehen ohne Sorgen und das Übrige sparen. Diese Zahl klingt nach einer Provokation beim Mittagessen, ist aber der Ausgangspunkt einer seit Jahren geführten Diskussion unter denen, die nicht von einem Gehalt abhängig sein wollen: Ist finanzielle Unabhängigkeit ein reales Ziel oder nur eine Geschichte, um Kurse zu verkaufen? Manche behaupten, sie sei nur für Kinder wohlhabender Familien oder Tech-Mitarbeiter erreichbar, die bereits vor Beginn Millionäre waren. Dagegen steht die These: Aufzuhören, vom Lohn abhängig zu sein, ist keine Fantasie, sondern eine Entscheidung. Die Zahlen sind, ob positiv oder negativ, nicht das, was beide Seiten erwarten.

Der Bericht, der finanzielle Unabhängigkeit ins Rampenlicht rückte

Auslöser war ein Artikel von El País über die FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early – Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand), in dem Josán Jarque erwähnt wurde, einer der bekanntesten Namen dieser Community in Spanien, der von den Dividenden seiner Aktien lebt. Der Text löste zwei Hauptreaktionen aus. Die eine tut das Thema als „Betrug“, „Lüge“ oder „Traum von Träumern“ ab. Die andere führt es auf Erbschaften oder sehr hohe Gehälter zurück: Das stimmt nicht ganz falsch, dient aber auch nicht als Ausrede, nichts zu tun.

Der Fall selbst lädt zur Differenzierung ein. Berichten innerhalb dieser Community zufolge hätte Jarque den Sprung nicht aus Berufung gewagt, sondern hätte bei hoher Bezahlung im Bankwesen gearbeitet, die Entlassung gesucht – mit einer Abfindung von mehr als 110.000 Euro – und eine Wohnung verkauft, als der Markt auf dem Höhepunkt war. Es geht also um Hebelwirkung, nicht um ein Wunder. Wer glaubt, es reiche, 300 Euro im Monat zu sparen und zu warten, liegt mit der Erzählung falsch.

Wie viel Geld braucht man, um von Erträgen zu leben?

Die Frage, die die Sache in zwei Teile spaltet, lautet: Wie viel Kapital wird benötigt? Ein Teil hat es klar: Von Dividenden mit wenig Kapital zu leben ist absurd. Mit 500 Euro jährlicher Dividende sollte man sich lieber einen Job suchen und aufhören, sich als Investor zu bezeichnen. Die oft als seriös genannte Schwelle beginnt bei etwa 100.000 Euro.

Mit Zinseszins ändern sich die Vorzeichen. Bei einer Einzahlung von 800 Euro pro Monat über 15 Jahre bei durchschnittlich 8% p.a. kommt man auf etwa 278.000 Euro. Bei 500 Euro pro Monat über 20 Jahre bei 6% sind es rund 230.000 Euro. Reines Sparen ohne Rendite würde erfordern, 1.800 Euro monatlich über 15 Jahre zu legen, um 300.000 Euro anzusparen. Hier liegt die Falle der Erzählung: Der Aufwand ist unterschiedlich, je nachdem, wann man anfängt und wie lange man das Geld unangetastet lässt.

Der Glücksfall, den kaum jemand anerkennt

Die andere Seite sind die einmaligen Fälle. Manche haben 2006 während der Blase ein verfallenes Grundstück für eine Million Euro verkauft, behielten netto 850.000 Euro, legten diese in einer Einlage mit 5,25% an, kauften später spanische Staatsanleihen mit 6,5% Rendite und erwarben fünf Wohnungen in Madrid. Heute sprechen sie von Mieteinnahmen von 10.000 Euro im Monat. Das ist kein Investieren: Das bedeutet, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

Vom Kunstwerk leben oder in der Firma aufsteigen: Noch riskantere Wetten

Der Vergleich, der das Argument stärkt, ist folgender: Tausende versuchen, von Musik, Film oder Sport zu leben, ohne zur Elite zu gehören, studieren Philosophie oder Bildende Kunst, gründen eine Bar oder ein Bekleidungsgeschäft, und niemand nennt sie Träumer. Und doch hängt all dies von Faktoren ab, die sie nicht kontrollieren können. Sparen und Investieren hingegen liegt in ihrer Hand. Die unbequeme Frage, die ein Teil der Sparer stellt, lautet: Warum sich für eine Bruttoerhöhung von 100 Euro kaputt arbeiten, die netto nur 50 Euro ausmachen?

Die bescheidene Version, die fast alle akzeptieren

Breiter Konsens herrscht bei der teilweisen Unabhängigkeit. 200 Euro Einkommen sind besser als 100. Auch wenn man nicht davon leben kann, verändert ein Polster das Verhältnis zum Chef: Manche decken nach 12 Jahren Sparzeit ihre Ausgaben für ein Jahrzehnt ab, falls ihr Unternehmen schließt, ohne Eile, einen neuen Job zu finden. Und wer 2007 arbeitslos mit 4.000 Euro auf dem Konto begann, lebt heute von seinen Erträgen, ohne jemals aus der Mietwohnung ausgezogen zu sein.

Dagegen steht das logische Gegenargument: Für den Durchschnittsverdiener mit Hypothek und Familie erscheint das Ziel als Hirngespinst. 300.000 Euro in 15 Jahren anzusparen entspricht dem gesamten Durchschnittsgehalt eines Spaniers, Monat für Monat, anderthalb Jahre lang. Die totale Unabhängigkeit bleibt für die meisten partiell. Und dennoch ist das besser als nichts.

Verwirrend wirkt eine einfache Zahl. Ein Indexfonds auf den S&P 500 erzielte über zehn Jahre eine annualisierte Rendite von 14,65%. Man muss kein Börsengenie sein oder den nächsten Jackpot vorhersagen: Nur Zeit, Disziplin und die Fähigkeit, das Geld unterwegs nicht auszugeben. Das Problem war nie die Strategie.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (434 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver