Nord Stream 2 und die deutsche Vormundschaft: Das Gas, das Europa neu ordnet
Die These, die sich durch diese Diskussion zieht, ist unbequem für die offizielle Erzählung: Der Ukraine-Krieg sei der Vorwand, und Deutschland das eigentliche Ziel. Der Ausgangspunkt lautet, dass eine eurasiatische Allianz – mit Deutschland und Russland als Energie- und Industriepartnern – das Ende der angelsächsischen Hegemonie bedeuten würde, jenes Blocks aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Von dort aus verlagert sich der Austausch auf die Pipeline Nord Stream 2, die deutsche Souveränität und die Rolle der NATO.
Warum verzichtet Deutschland nicht auf russisches Gas?
Das am häufigsten wiederholte Argument ist reine industrielle Arithmetik. Deutschland braucht russisches Gas, um seine Produktionsbasis am Laufen zu halten, und ein Verzicht käme einem Schuss ins eigene Knie gleich. Der Vergleich ist ein häuslicher: Niemand lehnt den Strom seines Energieversorgers wegen „Abhängigkeit“ ab, weil er ihn zum Leben braucht. Es wird argumentiert, dass die Ablehnung von Nord Stream 2 nur aus einer Sichtweise Sinn ergebe, in der Deutschland nicht souverän sei.
Die Kehrseite der Medaille ist der politische Einfluss. Man erinnert daran, dass Altkanzler Gerhard Schröder schließlich den Aufsichtsrat von Gazprom leitete – ein Schritt, der als Beweis dafür gelesen wird, dass das Geschäft beiden Seiten nützte und dass Moskau seine Kontakte in Berlin pflegte. Hinzu kommt die unbequeme Tatsache: Deutschland besitzt keine Atomwaffen, anders als die USA, Großbritannien, China, Russland und Frankreich, was sein tatsächliches Handlungsspielraum gegenüber seinem Schutzherrn begrenzt.
Die Achse Madrid-Paris-Berlin-Moskau und die angelsächsische Angst
Die geopolitische Hypothese, die einen Großteil des Austauschs zusammenhält, ist die einer natürlichen kontinentalen Linie, die Madrid, Paris, Berlin und Moskau verbinden würde. Sie würde Europa wirtschaftlich, energetisch und industriell nützen – und deshalb würde die Anglosphäre alles daran setzen, eine Interessengemeinschaft zu verhindern, die sie an den Rand drängen würde. Der Albtraum, so wird angemerkt, reicht weit zurück: fast bis in die Zeiten Napoleons.
In dieser Logik würden die USA und China daran arbeiten, Europa von Russland zu trennen, weil es beiden nützt. Washington, weil Europa sein natürlicher industrieller Konkurrent ist und keinen Zugang zu natürlichen Ressourcen und billiger Energie bekommen soll; Peking, weil Russland lieber nach Europa verkauft als an einen Partner auf Zeit, mit dem es territoriale, ethnische und historische Streitigkeiten austrägt. Die Diagnose wird durch eine Klage ergänzt: Europa tritt nicht entschieden genug auf.
Welche Rolle spielt die NATO dabei?
Die offizielle Erzählung bekommt Prügel aus mehreren Richtungen. Manche bezeichnen die Artikel, die die atlantische Version stützen, als Propaganda, andere erinnern daran, dass die NATO und andere Organisationen, die den angelsächsischen Interessen nützen, keineswegs ein starkes und geeintes Spanien geschützt haben. Der Europäische Haftbefehl und der Fall der belgischen Justiz werden als Beispiele dafür zitiert, dass die Regeln nach Belieben angewendet werden.
Demgegenüber vertritt eine andere Strömung das Gegenteil: Die europäischen Nationalstaaten sind zu unbedeutenden Zwergen geschrumpft, und nur die EU verleiht ihnen Gewicht gegenüber China, Indien oder den USA. Eine einheitliche europäische Armee, so das Argument, würde verhindern, dass Washington weitere Kriege auf dem Kontinent entfesselt, und würde Handelsgeschäfte mit jedem ermöglichen, mit dem es passt – Iran eingeschlossen. Die Spaltung ist total.
Der deutsche Winter und die Verachtung der Industriemacht
Der Ton wird schärfer, wenn es um die unmittelbare Zukunft geht. Es wird gewarnt, dass Deutschland ohne russisches Gas einen sehr schwierigen Winter bevorsteht, während Frankreich, Großbritannien oder Spanien die Unterbrechung kalt ließe. Den Deutschen wird vorgeworfen, sich für schlauer zu halten, als sie sind – in einem Land, das, so heißt es, diplomatisch wie militärisch nichts bedeutet.
Die Verteidigung Deutschlands fällt nicht minder deutlich aus: Dass die EU noch Gewicht in der Welt hat, liegt daran, dass sie industrielle und finanzielle Prozesse kontrolliert, ohne die der Rest nicht mehr funktionieren würde. Spitzentechnologie in Pharma, Luft- und Raumfahrt und jedem anderen Bereich. Sie zu verachten, so das Fazit, zeuge von völliger Unwissenheit.
Bleibt die Grundfrage, die niemand beantwortet: Wenn die kontinentale Achse Europa so viel nützen würde, warum ist Deutschland weiterhin an Washington gebunden? Die plausibelste Antwort des Materials lautet, dass die Abhängigkeit nicht wirtschaftlicher, sondern sicherheitspolitischer Natur ist. Und dort bleibt – mit oder ohne Nord Stream 2 – der Spielraum eng.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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