Bundesgerichtshof: Papierknäuel an Soldat in Melilla kein Verbrechen

Der spanische Oberste Gerichtshof bestätigt die Einstellung des Verfahrens gegen einen Unteroffizier, der einem Soldaten in Melilla ein Papierknäuel warf: Disziplinarverstoß, aber keine Straftat.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Bundesgerichtshof: Papierknäuel an Soldat in Melilla kein Verbrechen
Ein Papierknäuel, Angstzustände und ein Gericht, das keine Straftat sieht

Wie viel ist nötig, damit ein Vorgesetzter wegen Demütigung eines Untergebenen vor Gericht gestellt wird? Im Heer (Ejército de Tierra), laut dem Obersten Gerichtshof (Tribunal Supremo), mehr als ein Papierknäuel. Die Ereignisse spielten sich im Oktober 2022 in der Dienststelle einer Militärbasis in Melilla ab. Ein Hauptgefreiter (cabo primero) kam herein, um Urlaub für private Angelegenheiten zu beantragen. Der Soldat am Schalter erklärte ihm, dass die Sprechzeiten für Verwaltungsangelegenheiten um 10:30 Uhr endeten und persönliche Anliegen nach dieser Zeit nicht bearbeitet würden. Der Vorgesetzte nahm dies übel: Er rief „Unterschreiben Sie das, um eins, um zwei und um drei“, zerknüllte den Antrag, formte eine Kugel und warf sie in Richtung des Soldaten.

Eine Entschuldigung, eine Panikattacke und die Warnung vom Fenster

Wenige Minuten später kehrte der Hauptgefreite ins Büro zurück. Er entschuldigte sich für sein selbst als unangemessen bezeichnetes Verhalten und zeigte Reue. Der Soldat akzeptierte die Entschuldigung nicht: Er bat ihn, Abstand zu halten, und drohte damit, aus dem Fenster zu springen. Noch am selben Tag ging er laut eigener Aussage wegen einer Panikattacke in die Notaufnahme einer Klinik in Melilla.

Der Vorfall hatte drei Zeugen – zwei Gefreite und ein Soldat –, die aussagten, sie hätten den Hauptgefreiten weder bedrohen, beleidigen noch körperlich angreifen sehen. Auch konnten sie nicht bestätigen, ob das Papierknäuel tatsächlich sein Gesicht traf. Dieses Detail, das geringfügig erscheint, ist der Kern des gesamten darauffolgenden Konflikts.

Warum der Oberste Gerichtshof das Papierknäuel nicht als Straftat ansieht

Die Fünfte Kammer (Militärstrafrecht) des Tribunal Supremo wies die Beschwerde gegen den Beschluss des Zweiten Territorialen Militärgerichts vom 16. Januar 2023 ab, der die endgültige Einstellung des Ermittlungsverfahrens aus dem Jahr 2022 wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch angeordnet hatte.

Die Begründung des erstinstanzlichen Gerichts, die der Supreme Court bestätigte, lautet, dass dem Verhalten ein Tatbestandsmerkmal fehlt: die Schwere der Verletzung der Würde, verstanden als Demütigung oder Herabwürdigung des Untergebenen. Artikel 46 des Militärstrafgesetzbuchs (Código Penal Militar) verlangt implizit diese Schwere, so die Entscheidung, da andernfalls eine „maßlose Ausweitung des Straftatbestands“ entstehen würde, in die auch Bagatelldelikte fallen könnten. Das Knäuel verursachte keine Verletzung.

Disziplinarverstoß ja, Straftat nein: Wo liegt die Grenze?

Der Tribunal Supremo befand es für richtig, dass das Militärgericht darauf hinwies, dass die Handlungen unter das Organgesetz 8/2014 über das Disziplinarsystem der Streitkräfte (Ley Orgánica 8/2014, de Régimen Disciplinario de las Fuerzas Armadas) fallen könnten. Sein Artikel 6.9 bestraft als leichte Verfehlung, Untergebene respektlos zu behandeln. Die Grenze trennt also nicht das Tolerable vom Intolerablen, sondern das administrativ Ahndbare vom strafrechtlich Verfolgbaren.

Die Version des Soldaten: Treffer im Gesicht und psychologische Behandlung

Der Soldat akzeptierte die Einstellung nicht und legte Beschwerde ein. Er machte Fehler bei der Beweiswürdigung und Widersprüche in den indiziellen Fakten geltend. Er behauptete, das Knäuel habe ihn tatsächlich links im Gesicht getroffen, was durch seine eigene Aussage und die eines Gefreiten belegt sei; zudem sei dies die Version, die das Territoriale Militärgericht Nr. 26 von Melilla erfasst habe. Er fügte hinzu, dass die Aggression bewiesen sei, auch wenn der Aufprall keine Verletzung verursacht habe; er habe sich „bedroht und gedemütigt“ gefühlt; und seitdem nehme er psychologische und psychiatrische Behandlungen wahr und sei dienstunfähig geschrieben worden.

Der Tribunal Supremo gab ihm nicht recht. Er hielt den angefochtenen Beschluss für begründet und vernünftig gerechtfertigt und kam zu dem Schluss, dass das Verhalten nicht die erforderliche Schwere aufweist, um den Tatbestand der Misshandlung eines Untergebenen zu erfüllen.

Das Heer diskutiert, ob dies Krieg oder Bürokratie ist

Der Fall löste eine breitere Debatte darüber aus, wie Autorität in den Streitkräften ausgeübt wird. Manche erinnern daran, dass in militärischen Büros immer alles bearbeitet wurde, wann immer es einging, und dass die Schließung der Sprechzeiten um 10:30 Uhr eine Neuerung ist, die den Ärger des Hauptgefreiten erklärt – aber nicht rechtfertigt. Andere argumentieren, dass ein Vorgesetztes Vorbild sein muss und sich den Respekt seiner Untergebenen verdienen sollte, da davon abhängt, ob man ihm auf dem Schlachtfeld folgt. Und andere verteidigen von der Gegenseite her eine Härte, die sie für verloren hält, und betrachten jede psychologische Krankschreibung mit Skepsis.

Alle drei Positionen teilen einen blinden Fleck: Kaum jemand diskutiert die Öffnungszeiten, die der eigentliche Auslöser des Konflikts waren. Die Regel existierte, der Soldat wandte sie an, und der Hauptgefreite reagierte schlecht. Alles andere – das Verfahren, die Beschwerde, die Angstzustände – kam danach.



Das Ermittlungsverfahren ist abgeschlossen und die Sache ist strafrechtlich erledigt. Bleibt der disziplinarische Weg, der es erlaubt, respektloses Verhalten gegenüber Untergebenen zu ahnden, sofern jemand die Mühe macht, ein Verfahren einzuleiten. Das Papierknäuel hingegen bleibt weiterhin verschwunden.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (171 Antworten).

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