Erholung im Sommer, Absturz im Herbst: Der Kalender, um den an der Börse gespielt wird
Seit Monaten kursiert unter Anlegern eine These, die mit jeder grünen Kerze Anhänger gewinnt: Der US-Markt wird im Sommer eine lehrbuchmäßige Erholung zeichnen und danach abstürzen. Der S&P erholte sich von seinen Tiefs, der DXY scheint seinen Höhepunkt erreicht zu haben, und die Insiders —die Manager, die Aktien ihrer eigenen Unternehmen kaufen und verkaufen— kaufen wieder. Alles deutet auf eine Verschnaufpause hin. Und diese Pause ist, so die Lesart, die perfekte Falle: Wer jetzt einsteigt, wird zur Exit-Liquidität für diejenigen, die seit Monaten verkaufen.
Die Zahl, die die These stützt, ist kein Chart aus der technischen Analyse und keine Bauchgefühl. Es sind die Eurodollar-Optionen, der Markt, in dem der Zinspfad der Federal Reserve eingepreist wird. Dieser Markt deutet auf eine Rückkehr zum billigen Geld bis Juni 2023 hin, plus or minus einen Monat. Wenn die Notenbank einknickt, ist die logische Folge eine Fortsetzung des bereits spürbaren Inflationsprozesses und später ein Zusammenbruch des Geldsystems, wie wir es kennen.
Was Eurodollar-Optionen über die Fed-Zinsen sagen
Das zentrale Argument lautet, dass der Zinsmarkt eine Rückkehr zum QE Mitte 2023 einpreist. Das ist keine isolierte Vorhersage: Sie deckt sich mit dem für den S&P zwischen Dezember und April erwarteten Boden und mit der Idee, dass die für Oktober 2022 erwartete harte Rezession an der Börse viel früher eingepreist wird, schon ab Juni. Das Ergebnis wäre eine klassische Bull Trap: Erholungshochs, Sommer-Euphorie und danach die Realität.
Wer diese Lesart vertritt, ist nicht allein. Manche argumentieren, dass eine Rezession bei 10 % Inflation noch nie bewältigt wurde —in den 70ern gab es Rezession und Inflation, aber keine Nullzinsen— und dass der Berg von Geld, der in Anleihen geparkt ist, irgendwo Zuflucht suchen muss. Dieses Geld, so das Argument, könnte zurück an die Börse fließen und die Erholung vor der finalen Kapitulation befeuern.
Das QT startet und die Anleihen zittern
Am 1. Juni begann die Bilanzverkürzung der Fed, das sogenannte QT, und die Anleihen spürten es sofort. Die Futures fielen ab Montag, und die Renditen britischer Anleihen, die empfindlicher auf Schocks reagieren, bewegten sich früher als die amerikanischen. Die Erholungsthese wackelt, sobald der Rentenmarkt höhere Zinsen für länger als erwartet einpreist.
Dazu kommt das Verhalten der Insiders, das die Kapitulation nicht bestätigt. Beim Elbichito-Crash hörten sie auf zu verkaufen und begannen zu kaufen. Diesmal sind die Käufe auf die Hälfte geschrumpft, während die Verkäufe reichlich ausfielen. Ohne Kapitulation gibt es keinen soliden Boden, und ohne soliden Boden ist die Erholung schwach. Der VIX hat keinen Höhepunkt über 35 markiert, ein Zeichen, dass die Panik noch nicht angekommen ist.
Die Warnung der Anleihen: Sri Lanka, Japan und der Dominoeffekt
Das unbequemste Argument hat einen Namen: Sri Lanka. Dem Land sind die Dollars ausgegangen, es kann nichts kaufen, nicht einmal Lebensmittel. Japan kann die Zinsen nicht anheben, und der Yen zahlt den Preis: Es löst Reserven in US-Anleihen auf, um seine Währung zu stützen. Wenn sich dieser Trend ausbreitet, werden Institutionen aus der halben Welt Anleihen abstoßen, um ihre Volkswirtschaften zu retten, und die Unternehmensanleihen gehen den Bach runter. Das ist kein Science-Fiction-Szenario: Es ist genau das, was bereits in den Schwellenländern passiert.
Die Rechnung, die der Erholung Tür und Tor öffnet
Eine Zahl stimmt gemäßigt optimistisch: 5 Billionen Dollar haben seit November den US-Aktienmarkt verlassen. Das KGV des S&P liegt bei 16,6, unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Wenn diese Liquidität mit der Erzählung zurückkommt, dass Aktien ein Schutz vor Inflation sind, kann die Erholung beträchtlich ausfallen. Das Problem: Dasselbe Geld könnte der Köder sein, den die Großen brauchen, um ihre Positionen vor dem endgültigen Absturz loszuwerden.
Überraschenderweise taucht auch die Astrologie in der Diskussion auf. Ein Artikel von 2019, der in Finanzklatsch-Kreisen kursiert, antizipiert ein Muster, das zum Kalender passt: Das Schlimmste endet in der ersten Maiwoche, Ruhe bis zum Sommer, danach der Schlag. Dass jemand es als Argument benutzt, macht es nicht zur Wissenschaft, veranschaulicht aber die Verzweiflung, überall nach Signalen zu suchen.
Was tun mit der Liquidität: Die Debatte, die Anleger spaltet
Die eigentliche Diskussion ist nicht, wann der Markt sich erholt, sondern was man in der Zwischenzeit tut. Da sind diejenigen, die seit Monaten in Cash auf die große Korrektur warten, und diejenigen, die warnen, dass der Ausstieg aus dem Markt einen versteckten Kosten hat: Die Inflation frisst das Bargeld auf, und das Finanzamt nimmt seinen Anteil an den Kursgewinnen, wenn man verkauft. 10 % Inflation plus 21 % Steuern auf Gewinne machen Vorsicht zu einem stillen Verlust.
Das Gegenargument ist genauso stichhaltig: Wenn man 30 % günstiger kauft, gleichen die verpassten Dividenden den Unterschied nicht aus. Die Frage ist, ob dieser 30-%-Absturz tatsächlich kommt oder ob der Markt monatelang nur seitwärts läuft, während die Inflation die Drecksarbeit erledigt. Niemand hat eine Glaskugel, und wer damit prahlt, eine zu haben, vergisst meist seine früheren Fehler.
Mit laufendem QT, angespannten Anleihen und Insiders ohne klaufes Kaufsignal ist die Sommererholung eine Wette mit Substanz, aber ohne Garantie. Die Frage, die in der Luft bleibt, ist die alte: Ist das der Boden oder nur die Pause vor der nächsten Stufe nach unten?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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