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Barry Lyndon und der Mythos der Schlachten des 18. Jahrhunderts
Die Szene in Barry Lyndon zeigt vorrückende Reihen unter Feuer. Experten erklären: Salven durch Züge, Offiziere dahinter und weniger als 5 % …
Barry Lyndon und der reale Krieg des 18. Jahrhunderts
Die Szene in Barry Lyndon, in der zwei Soldatenreihen im Gleichschritt vorrücken und zufällig vom gegnerischen Feuer niedergestreckt werden, hat eine unbequeme Frage erneut aufgeworfen: Wurde wirklich so gekämpft? Die kurze Antwort lautet ja, aber mit Nuancen, die Kubricks Fiktion auslässt. Das Bild des Offiziers, der an der Spitze mit erhobener Pistole marschiert, ist laut Kennern der damaligen Taktiken eine cineastische Lizenz: In Wirklichkeit befanden sich Sergeanten und Offiziere hinter der Linie, bewaffnet mit Hellebarden und Stöcken, um zu verhindern, dass die Truppen die Formation brachen und flohen. Disziplin war kein Beiwerk: Sie war das System.
Warum sie gegen feindliches Feuer in Reih und Glied vorrückten
Das glatte Gewehr (Musket) war auf mittlere Distanz ein ungenaues Schusswaffe. Die Lösung bestand nicht darin, besser zu zielen, sondern das Feuer zu bündeln: Salven durch Züge, um die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen. Ein Bataillon wurde in Feuergruppen aufgeteilt – je nach Fall spricht man von 16 bis 30 Zügen –, die gestaffelt feuerten. Nach zwei oder drei Salven hatte sich das Musket so stark verschmutzt, dass es kaum noch funktionsfähig war. Dann kam das Bajonett zum Einsatz. Kavallerie und Artillerie vervollständigten das Bild: Kartätschenfeuer auf kurze Distanz war ein Albtraum für die Infanterie, und Angriffe von Kürassieren und Dragonern zielten darauf ab, bereits geschwächte Formationen zu brechen.
Rauch, Uniformen und der Nebel des Krieges
Bei einer kürzlich stattgefundenen Nachstellung von Waterloo mit etwa 5.000 Teilnehmern und 30 Kanonen – verglichen mit den 150.000 Männern und 300 Geschützen der ursprünglichen Schlacht – bedeckte Pulverdampf das Feld so dicht, dass von den Tribünen aus nur noch Mündungsfeuer und bewegte Massen zu sehen waren. Die bunten Uniformen waren keine Eitelkeit: Sie dienten dazu, Freund und Feind inmitten dieses Nebels zu unterscheiden. Die Hygiene im Feldlager sah anders aus: geflickte, schmutzige Uniformen, Hautkrankheiten und ein Geruch, der als „eau du soldat“ beschrieben wurde.
Verluste durch Bajonette und der Mythos des Blutbades
Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass Bajonettverletzungen weniger als 5 % der behandelten Wunden ausmachten. Ihre Wirkung war eher sarracena als physisch: Die Bedrohung durch das Bajonett erzwang oft Kapitulation oder Flucht vor dem eigentlichen Kontakt. Wenn es doch zum Handgemenge kam, änderte sich die Lage. Im Ersten Weltkrieg führten Grabenkämpfe tatsächlich zu häufigem Nahkampf mit improvisierten Waffen: Knüppeln, Lanzen, selbstgebastelter Rüstung. Der Unterschied lag im Kontext, nicht in der menschlichen Natur.
Spanien, Frankreich und die Falle der Zahlen
Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Spanien hatte damals etwa 8 Millionen Einwohner, im Vergleich zu 18 Millionen in Frankreich und 20–30 Millionen im Osmanischen Reich. Armeen von vergleichbarer Größe auf dieser demografischen Basis zu unterhalten, war eine Leistung. In Rocroi (1641) setzten die Franzosen 14 Kanonen ein, die Spanier 18. In Malplaquet (1709) verfügten die Franzosen bereits über 80 Geschütze. Die Artillerie hatte das Spiel verändert, und die Tercios wurden aufgelöst, als das Stecker-Bajonett und das Steinschlossgewehr eingeführt wurden.
Von der Vorderladerwaffe zum Hinterladergewehr
Der entscheidende Sprung gelang mit gezogenen Gewehren und Minié-Geschossen, die Präzision und Reichweite erhöhten. Anschließend ermöglichte der Hinterlader das Nachladen im Liegen und vervielfachte die Feuerkraft. Die Preußen bewiesen dies bei Königgrätz (Sadowa) gegen die Österreicher. Der Amerikanische Bürgerkrieg wurde von europäischen Beobachtern meanwhile als Konflikt zwischen weniger disziplinierten Armeen als ihren Pendants auf dem alten Kontinent angesehen. Die Taktik blieb dieselbe; die Waffen nicht.
Die Analyse stößt an einen Punkt: Inwieweit war Disziplin eine rationale Wahl und inwieweit einfach Angst vor dem Sergeant? Die Antwort liegt wahrscheinlich im Sold und in der Gewissheit, dass jeder, der floh, vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Das hat Kubrick nicht gefilmt.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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