Barry Lyndon: Kubrick macht Händel zur Filmmusik

Badlands, Barry Lyndon oder Apocalypse Now: Filme, die untrennbar mit ihrer Musik verbunden sind. Ein Thread beklagt, dass das aktuelle Kino diese Qualität nicht mehr erreicht.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Barry Lyndon: Kubrick macht Händel zur Filmmusik
Barry Lyndon: Kubrick macht Händel zur Filmmusik

Was kommt zuerst, der Film oder seine Musik? Wenn das Adagio über den Bildern von Barry Lyndon erklingt, löst sich die Frage von selbst: Das eine existiert nicht mehr ohne das andere. Eine ausführliche Retrospektive auf Soundtracks, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, führt zu dieser Erkenntnis auf ganz unterschiedlichen Wegen. Und sie hinterlässt ein unbehagliches Gefühl: Es gab eine Zeit, in der die Musikauswahl eines Films eine künstlerische Hauptentscheidung war, kein bloßes Füllmaterial für Trailer.

Der Schlüssel liegt darin, dass manche Filme nicht trotz ihres Soundtracks in Erinnerung bleiben, sondern gerade wegen ihm. Badlands eröffnet die Liste im Jahr 1973. Terrence Malick schuf ein Meisterwerk der filmischen Poesie, in dem jedes Stück so perfekt zum Bild passt, als wären sie gemeinsam entstanden. Die Musik begleitet nicht nur: Sie bewohnt den Raum. Auch die Wahl der Darstellerin war nicht neutral – ihre exotische Schönheit haftete so stark an der Figur, dass man sie kaum ohne sie vorstellen kann.

Kubrick, der Regisseur, der Händel, Schubert und Beethoven ohne Dissonanzen einsetzte

Stanley Kubrick fand im klassischen Repertoire eine Sprache, die ihm kein Auftragskomponist hätte liefern können. Händel, Schubert und Beethoven hielten Einzug in sein Kino, nicht als Museumsdekoration, sondern als Struktur: Die Musik bestimmte den Rhythmus des Schnitts, das Tempo der Szene und wie lange der Blick eines Schauspielers ausharrte. Niemand, so argumentieren Teilnehmer des Threads, hat dies seitdem mit derselben Selbstverständlichkeit getan.

Dies ist die erste Lektion. Heute zahlt man einem Studio für einen eingängigen Song und hofft, dass der Algorithmus ihn pusht; damals wählte man eine Sarabande aus dem 18. Jahrhundert und ließ ihr sieben Minuten Raum zum Atmen. Kubricks Kino illustriert die Musik nicht: Es gehorcht ihr. Und aus dieser Gehorsamkeit entsteht der gegenteilige Effekt dessen, was Marketing anstrebt: mehr Kontrolle, mehr Emotion.

Von Apocalypse Now bis Patton: Rock und Militarismus

Wenn Klassizismus ein Weg ist, dann ist Rock’n’Roll der andere. Apocalypse Now beginnt mit Helikoptern, die den Dschungel verbrennen, und Captain Willard, der völlig betrunken in seinem Zimmer in Saigon liegt. Ein Detail verändert die Szene komplett: Was Martin Sheen betrifft, so war es laut Thread keine Schauspielerei, er war tatsächlich so drogen- und alkoholisiert. Die Musik erledigt den Rest.

Der Fall Patton funktioniert als militärisches Gegenstück. Ein General, der sich laut Beschreibung im Thread für die Reinkarnation eines Kreuzritters hielt, ein stählerner Anachronismus, der davon träumte, Rommel im Tankduell wie bei einem mittelalterlichen Turnier herauszufordern. Diese Soundtracks wissen genau, welche Charaktere sie porträtieren: Keine Epik ohne einen Hauch Farce.

Rocky Pavor, Jesus Christ Superstar und das widerständige Musical

Das andere große Terrain ist das Musical. The Rocky Pavor Picture Show und Jesus Christ Superstar teilen sich Epoche, Energie und eine heute seltsame Idee: Lied und Bühnenbild als eigenständige Figuren. Ihr Ruhm hielt jahrelang an, mit Aufführungen in Theatern mit unsicherer Zukunftsperspektive. Sie alterten nicht schlecht, weil sie sich nicht auf Tricks verließen, sondern auf die Musik.

Im selben Topf, aber mit weniger Prestige, hinterließ Streets of Fire bessere Songs als den Film selbst und einen jungen Willem Dafoe im Cast. Manche Filme existieren, um einen Soundtrack zu tragen, andere, um einen Schauspieler zu tragen. Dieser tat beides nur halbherzig und wird dennoch erinnert.

Von Forrest Gump bis Gladiator: Die Liste kennt keine Genregrenzen

Die Retrospektive durchquert Jahrzehnte und Genres ohne Scheu. Creedence und ihr Fortunate Son in Forrest Gump; Lisa Gerrard, die ein Teilnehmer auch als Stimme von Gladiator identifiziert, was den Kreis schließt; das Klavier in David Leans Breve encuentro (Begegnung) mit Rachmaninows Konzert Nr. 2; und sogar der spanische Beitrag El día de la bestia. Die Auswahl unterscheidet nicht zwischen Blockbuster und Kuriosität: Sie fragt nur, ob die Musik dem Bild standhält.

Dort taucht die am häufigsten wiederholte Zusammenfassung auf: Das aktuelle Kino spielt nicht in dieser Liga. Es ist keine Jammerei der Alten. Es ist ein ästhetisches Urteil, das sich auf konkrete Beispiele stützt, Film für Film, Szene für Szene.

Die sauer werdende Diagnose

Wenn das Gespräch von den Szenen zur Gesamtbilanz wechselt, verschärft sich der Ton. „Der Ekel, den mir alles bereitet, was in Museen, Kinos, im Fernsehen oder bei Konzerten gezeigt wird“, fasst einer der letzten Beiträge zusammen und fügt hinzu, dass nicht einmal mehr die Konzerte gerettet werden können. Es ist Nostalgie, ja. Aber die während des gesamten Threads wiederholte Nostalgie ist oft eine verkleidete Diagnose.

Das Bemerkenswerte ist nicht, dass man die Vergangenheit vermisst. Es ist, dass dieselbe Idee – dass die Zivilisation, die diese Werke hervorbrachte, aufgehört hat, solche zu produzieren – von Menschen getragen wird, die sonst nichts gemeinsam haben. Wenn diese Diagnose so oft wiederholt wird, hört sie auf, als Meinung gelesen zu werden. Zumindest scheint es dem Unterzeichner so.

Angesichts dieser Vorgeschichte könnte man meinen, das Publikum würde heute musikalische Sorgfalt belohnen. Man muss nur sonntagnachmittags den Fernseher einschalten, um festzustellen, dass dem nicht so ist.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (262 Antworten).

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