Hautefaye 1870: Masslynchung auf Dorffest

1870 lynchte ein Dorf in der Dordogne seinen Wohltäter Alain de Monéys, drei Wochen nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Hautefaye 1870: Masslynchung auf Dorffest
Hautefaye, 1870: Das Dorf, das seinen Wohltäter während eines Festes lynchte

Wie geht man von einem Dorffest mit fließendem Wein zu einer kollektiven Lynchjustiz über? In einem winzigen Dorf in der Dordogne, drei Wochen nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges, beendeten die feiernden Nachbarn das Leben von Alain de Monéys. Der Fall von Hautefaye im Jahr 1870 wurde nicht von einer Armee abgeschlossen, sondern von einer Meute.

Was geschah in Hautefaye und wer war Alain de Monéys?

Die Kulisse war jedes damalige Patronatsfest. Ein kleines Dorf, Feiern, Wein und Nachbarn, die unter der Spannung eines gerade aus dem Krieg gekommenen Landes standen. Alain de Monéys gehörte zum kleinen Adel und zur ländlichen Bourgeoisie, die als Brücke zwischen dem Dorf und den landwirtschaftlichen Geschäften diente: Er hatte fließendes Wasser ins Dorf gebracht und fungierte als Bindeglied zu Viehzüchtern, Müllermeistern und Agrarunternehmern der Region.

Ein Missverständnis reichte aus, damit die Menge ihn als Feind ansah. Die Überlieferung des Falls umfasst, je nach Version, eine langanhaltende Demütigung, einen kollektiven Tod und Episoden von Kannibalismus, die das Ereignis zu einer der dunkelsten Geschichten im ländlichen Frankreich gemacht haben. Nichts davon geschah an der Front, sondern in einem Dorf, das seine Feste 600 Kilometer entfernt von den preußischen Truppen feierte.

Warum tut eine Meute, was ein Nachbar niemals tun würde?

Die Frage, die über diesem Fall schwebt, ist nicht, warum dieses Dorf ein Monster hatte, sondern wie eine gewöhnliche Gemeinschaft innerhalb weniger Stunden zum Henker wird. Es war kein typisches Kriegsverbrechen: Es wurde nicht von einer Armee begangen oder von einem Befehlshaber angeordnet. Es wurde von einer Masse ausgeführt, getrieben von exaltiertem Chauvinismus und einem missverstandenen Kränkung.

Das Muster taucht wieder auf, wenn die Autorität schwach ist. Sobald die externe Bremse verschwindet – ein Krieg, ein Machtvakuum, eine unterbrochene Versorgung –, schrumpft die Distanz zwischen dem Nachbarn und dem Lynchmob bis zur Unkenntlichkeit. Der Vergleich mit anderen Episoden kollektiver Gewalt ist keine theoretische Übung: Es ist derselbe Mechanismus in anderer Kulisse.

Zivilisation als dünner Lack: Norbert Elias

Der Soziologe Norbert Elias, der dem nationalsozialistischen Deutschland entkam, während Teile seiner Familie es nicht konnten, widmete Über den Prozeß der Zivilisation genau dieser Studie. Seine These ist unbequem: Wir gehen davon aus, dass Barbarei der Vergangenheit angehört und unser Zivilisationsniveau sie unmöglich macht. Bis sie, unter den richtigen Bedingungen, jederzeit und überall wieder auftaucht.

Elias sah den Schlüssel nicht in der Gesellschaft insgesamt, sondern in jedem einzelnen Individuum, das sie zusammensetzt. Daher seine oft zitierte Schlussfolgerung: Zivilisation ist kein Endpunkt, sondern nur eine dünne Schicht – ein feiner Lack –, die ständige Pflege erfordert. Hautefaye wäre in dieser Lesart weniger eine französische Anomalie als eine allgemeine Warnung.

War dies ein ausschließlich französisches Phänomen?

Frankreich hat kein Monopol auf kollektive Grausamkeit, und der Fall selbst zeigt dies daran, wo er stattfand. Die Literatur der Epoche bestätigt es: Guy de Maupassant porträtierte in mehreren Erzählungen das erschütterte Frankreich der Zeit des Deutsch-Französischen Krieges, und in Germinal – Roman und Filmadaption – umzingeln und töten Arbeiter den Dorfladenbesitzer in einer Lynchszene.

Außerhalb Frankreichs gibt es vergleichbare Episoden. Manche behaupten, dass im Spanien des Bürgerkrieges Fälle in Dörfern fernab der Front auftraten, mit Angriffen auf Verdächtige der gegnerischen Seite. Manche behaupten, bestimmte Gesellschaften seien anfälliger für diese Brutalität; die in europäischen Dörfern dokumentierten Fakten widerlegen diese These jedoch erheblich.

Was sagt dies über Massen und Demokratie?

Eine Masse ohne Bremse agieren zu sehen, lädt dazu ein, jeder Erzählung zu misstrauen, die Gewalt als etwas „Anderes“ darstellt. Die Lektion des Falls, wie ein Teilnehmer der Debatte zusammenfasst, ist eher quantitativ als qualitativ: Es kommt weniger darauf an, wer es tat, als vielmehr darauf, wie viel Spielraum nötig war, damit es geschah.

Übrigens ist Frankreich auch das Land, das später Romane, Artikel und Essays über das Ereignis schrieb, und seinen Lesern erscheint es immer noch monströs. Das, und nicht der Festwein, unterscheidet eine Lynchjustiz von einem bloßen Unfall: die Manie, es danach zu erzählen.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (27 Antworten).

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