Ausländische Freiwillige in der Ukraine: Vom Heldenmythos zur Realität des Krieges

Ein Korrespondent berichtet via Twitter über Raketenangriffe auf seine Basis und fragt nach der NATO. Der heroische Mythos der ausländischen Kämpfer bricht zusammen.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Ausländische Freiwillige in der Ukraine: Vom Heldenmythos zur Realität des Krieges
Ausländische Freiwillige in der Ukraine: Wenn die Erzählung auf die Front trifft

Es gibt eine Paradoxie, die gut zusammenfasst, was sich seit Beginn der Invasion in den digitalen Diskursen abspielt: Dieselben Personen, die monatelang einen Videospiel-Krieg propagierten, stellen nun mit dem Wasser am Hals fest, dass auch der Gegner Satelliten, Raketen und Luftwaffe besitzt. Die Debatte beginnt mit dem Zeugnis eines Journalisten, der beschreibt, wie seine Basis im Morgengrauen von Raketen getroffen wurde, Kameraden starben, Vorräte knapp wurden und eine abschließende Botschaft sitzt wie ein Dolchstoß: „Where is NATO?“. Daraufhin ist der Chor der Reaktionen ein Katalog aus Sarkasmus, Abrechnung und gelegentlich recht luciden Analysen.

Was genau das Zeugnis sagt, das alles auslöste

Das Ausgangsmaterial ist ein Twitter-Thread eines Korrespondenten, der in erster Person schildert, wie die Basis, von der aus sie operierten, in den frühen Morgenstunden von Raketen getroffen wurde. Menschen, mit denen sie tagelang zusammengelebt hatten, werden als tot bestätigt. Essen, Wasser und Munition werden knapp. Die Stimmung ist gedämpft, manche senden ihre letzten Nachrichten an Familie und Freunde. Die Frage, die den Thread schließt – wo ist die NATO, wo ist das angebliche Gut der westlichen Zivilisation – löst die gesamte folgende Diskussion aus.

Auf diesem Text baut sich ein kollektives Urteil auf, in dem Verachtung für den ausländischen Freiwilligen, Kritik an der Kriegspropaganda und eine unbequeme Reflexion gemischt sind: der Unterschied zwischen der Berichterstattung über einen Krieg und seiner aktiven Teilnahme. Manche erinnern daran, dass der besagte Journalist genau das ist, ein Reporter, kein Söldner. Andere antworten, dass egal, was es ist, das Ergebnis gleich ist, wenn eine Rakete einschlägt.

Der ausländische Freiwillige: Von Rambo zum Kanonenfutter

Der Großteil der Kommentare konzentriert sich auf die Figur des internationalen Kämpfers, der in die Ukraine kam, glaubend, dies sei eine Operation mit Luftdeckung und logistischer Unterstützung der NATO. Das wiederkehrende Bild ist das des Amateurs, der Call of Duty mit der Realität verwechselt und zu spät entdeckt, dass es an der Front kein Neustart gibt, keine Munition, die beim Töten eines Feindes erscheint, und keine Medikamente, die sofort heilen.

Der Vergleich mit anderen Konflikten dient dazu, den Kontrast zu unterstreichen. In Afghanistan oder Irak machte die technologische und luftüberlegene Seite des intervenierenden Lagers den Gegner zu jemandem, den man relativ bequem niederringen konnte. In der Ukraine hingegen verfügt die andere Seite über Satelliten, Langstreckenraketen und die Fähigkeit, überall zuzuschlagen. Und die eigene Seite, so wird betont, hat keine Luftwaffe mehr oder solche Waffen. Die wiederkehrende Schlussfolgerung ist bitter: Die Rolle des Unterlegenen Insurgenten, die früher dem Gegner zugeschrieben wurde, nimmt nun der ausländische Freiwillige ein.

Die unbequeme Frage: Wo ist die NATO?

Der Abschluss des Twitter-Threads – „Where is NATO?“ – fungiert als Auslöser einer Diskussion, die über den konkreten Freiwilligen hinausgeht. Es wird argumentiert, dass die Allianz nicht eingreift, weil Russland eine Atommacht ist und Atom-U-Boote sowohl im Pazifik als auch im Atlantik patrouillieren. Die daraus gezogene Schlussfolgerung ist, dass der Ukraine diese Realität nie ganz offenbart wurde, oder nur halbwegs.

Manche behaupten, der US-amerikanische militärisch-industrielle Komplex und seine europäischen Partner hätten eine heldenhafte Erzählung genährt, die nun einen Preis in Leben fordert. Andere antworten, dass die Kritik an dieser Erzählung nicht bedeutet, die Invasion zu rechtfertigen, sondern darauf hinzuweisen, wie naiv jene waren, die sich unverwundbar fühlten, weil sie ein Gewehr und eine Flagge trugen. Die Linie zwischen Analyse und Abrechnung verwischt sich mit jeder Nachricht.

Der menschliche Faktor: Jugend, Propaganda und kriegerischer Eifer

Eine der häufigsten Strömungen weist auf die Jugend vieler derer hin, die sich anschlossen. Man erinnert an den „Geist von 1914“, jenen kriegerischen Eifer, der Tausende junger Männer während des Ersten Weltkriegs zu Kanonenfutter machte, mit einer Bilanz von zehn Millionen toten Soldaten. Die zugrunde liegende Idee ist, dass die Menschheit nicht lernt: Jede Generation findet ihre eigene Art, denselben Fehler zu wiederholen.

Gegen diese Lesart tritt die des professionellen Soldaten oder Ex-Militärs, der genau wusste, worauf er sich einließ. Die Diskussion teilt sich zwischen denen, die in den Freiwilligen Opfer einer Propaganda sehen, die ihnen einen leichten Sieg versprach, und denen, die Erwachsene sehen, die eine bewusste Entscheidung trafen und nun die Konsequenzen tragen. Es gibt keinen Konsens, und wahrscheinlich wird es ihn auch nicht geben.

Das Echo der Propaganda und der Preis des Glaubens

Ein weiterer Aspekt der Debatte zielt direkt auf die Medien und offiziellen Berichte, die monatelang die russische Armee als eine Truppe von Amateuren mit Pickeln und schlecht ausgestattet darstellten, angeblich auf dem Rückzug an allen Fronten. Wer sich mit diesem Bild im Kopf anschloss, hätte sich einer sehr anderen Realität gegenübergefunden: einer Streitmacht mit massiver Feuerkraft, Artillerie und der Entschlossenheit, ohne Rücksicht zuzuschlagen.

Die Ironie, die diese Kommentare durchzieht, richtet sich weniger gegen die Freiwilligen als gegen jene, die ihnen die Erzählung verkauften. Die schwebende Frage ist, inwiefern die westliche Informationsmaschine dazu beitrug, unrealistische Erwartungen zu wecken und wer dafür die Verantwortung trägt. Es gibt keine klare Antwort, aber das Unbehagen ist spürbar.

Was bleibt, wenn der Lärm verstummt

Jenseits des Sarkasmus lässt das Material mehrere Punkte übrig, die den Test der Zeit bestehen. Erstens: Der abyssale Unterschied zwischen der Berichterstattung über einen Konflikt und der Teilnahme daran. Zweitens: Die reale Asymmetrie eines Krieges, in dem eine Seite nukleare Kapazität hat und die andere nicht. Drittens: Die Leichtigkeit, mit der man andere in den Kampf schickt, wenn derjenige, der entscheidet, nicht derjenige ist, der stirbt.

Und eine Frage, die niemand endgültig beantwortet: Wenn die Heldenerzählung so schnell vor dem ersten ernsthaften Rückschlag zerplatzt, wie viel davon war Überzeugung und wie viel bloße Mode?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (148 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver