Abascal gegen Sánchez: vom Parlamentssitz zur Spanien-Tournee

VOX veranstaltete Auftritte in Ponferrada, A Coruña, Burgos, Avilés und Ibiza, konterte Sánchez im Kongress und kämpfte 2020 gegen das Euthanasiegesetz

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Von Ponferrada nach Ibiza: Die Tournee, mit der VOX Sánchez einkreiste

Wie viel spanische Politik passt in einen einzigen Namen? Im Herbst 2020 antwortete VOX mit Taten: Auftritte in Ponferrada, A Coruña, Burgos, Avilés und Ibiza, eine parlamentarische Konterrede gegen Pedro Sánchez am 16. Dezember und am darauffolgenden Tag ein Statement gegen die Regulierung der Euthanasie. Keiner dieser Termine war improvisiert. Jeder wurde mit Plakat, Uhrzeit und Platz angekündigt, und alle zielten auf den Ministerpräsidenten. Die Opposition hörte auf, ein parlamentarisches Genre zu sein, und wurde zur Tournee.

Fünf Auftritte in fünf Provinzen an vier Tagen

Der Kalender vom Oktober 2020 liest sich wie ein Wahlkampfplan: Dienstag, den 20. in Ponferrada; Mittwoch, den 21. in A Coruña und am Abend in Avilés (19:00 Uhr, Plaza de Camposagrado); Donnerstag, den 22. in Burgos; Samstag, den 24. auf Ibiza (19:00 Uhr, Baluarte de Santa Lucía). Vier Tage, fünf Provinzen, eine Botschaft. Die Dichte des Programms — inklusive Reise aufs Archipel — passt nicht in eine übliche institutionelle Agenda, sondern in die Logistik von jemandem, der jede Woche behandelt, als lägen noch fünfzehn Tage bis zur Wahl.

Es gibt eine weniger heroische Erklärung: Territoriale Präsenz ist billig, erzeugt lokale Sichtbarkeit und füllt das Audioarchiv der Partei. Jeder Auftritt produziert Clips; jeder Clip kehrt in den Kreislauf zurück. Politik als Contentproduktion hat eben diese Eigenheiten.

Barcelona, 26. November: Wahlkampfausschuss an der Seite von Garriga

Am Mittag des 26. November stellten Santiago Abascal und Ignacio Garriga im Hotel Barceló Sants den Wahlkampfausschuss vor. Der gewählte Rahmen — Barcelona, nicht Madrid — war ebenfalls nicht neutral: Er rückte das Schaufenster der Partei nach Katalonien und fügte dem Programm einen lokalen Politiker hinzu. Diese strukturelle Inszenierung erfüllt eine Doppelfunktion: Nach außen projiziert sie organisatorische Schlagkraft, nach innen Disziplin.

Ein Wahlkampfausschuss, der im November vorgestellt wird, während die Pandemie die Agenda bestimmt, ist ein kurioses, aber nützliches Instrument: Er erlaubt es, über das eigene Projekt zu sprechen, während der Gegner über Verwaltung spricht.

Der 16. Dezember: der Kongress als Fernsehstudio

An diesem Tag fanden im Kongress Abascals Rede und seine Konterrede gegen Sánchez statt. Die Partei übertrug sie live mit einem Adjektiv in der Schlagzeile: unnachgiebig. Darin liegt der Kern der Methode. Die Wertung trifft nicht der Chronist, sondern der Absender. Die Kammer wird zum Studio, die Redezeit zum Werbematerial — mit dem Zusatzeffekt, dass der institutionelle Rahmen eine Feierlichkeit verleiht, die eine Kundgebung nie erreicht.

Die praktische Folge: Die Konfrontation wird in viralen Minuten gemessen, nicht in Gesetzesanträgen.

Der 17. Dezember: Euthanasie und die „Regierung des Todes"

Am nächsten Tag veröffentlichte VOX seine kompromisslose Ablehnung der Regulierung der Euthanasie: „Vielleicht ist heute einer der unheilvollsten Tage der Demokratie. Die Regierung des Todes hat heute die Wehrlosesten zum Tode verurteilt und die Schwächsten und Leidendsten zur Verzweiflung verdammt." Der Text ist ein Beispiel für sarracena Framing in seiner Extremform: Er diskutiert weder Fristen noch Garantien noch Verfahren, sondern definiert das Gesetz als Todesurteil um.

Dieses Register hat Kosten und Nutzen. Nutzen: Es einen Wählerschaft, die auf symbolische Politik reagiert. Kosten: Es verschließt die Tür für jede technische Nuancierung und lässt der Partei keinen Spielraum, über Palliativmedizin oder die praktische Umsetzung zu sprechen. Bei einem Thema mit echtem Leid dahinter ersetzt Pathos die Analyse.

Die doppelte Corona-Messlatte und die Kundgebung in Getafe

Einer der Vorwürfe, die in der Debatte kursierten, richtete sich gegen den Widerspruch zwischen den von den Bürgern geforderten Einschränkungen und dem eigenen Verhalten des Ministerpräsidenten. Ein Teilnehmer verspottete etwa eine Kundgebung Sánchez' in Getafe, obwohl die Stadt nach seiner Darstellung wegen hoher Inzidenz abgeriegelt war, und fragte spöttisch, ob das mit dem öffentlichen Gesundheitswesen vereinbar sei oder schlicht eine Ausnahme darstelle. Die Kritik braucht keinen empirischen Beweis, um zu funktionieren: Es genügt, dass der Kontrast sichtbar ist.

Dazu kam die Satire eines anderen Teilnehmers über die Doppelmoral der Figur — das „Pedro Sánchez als Privatperson", das während des Lockdowns joggen geht, gegenüber dem „Pedro Sánchez als Präsident", das am Redepult erscheint. Das ist Kabinettstückchen-Humor, aber er zielt auf einen konkreten Ermüdungseffekt: das Gefühl, dass es zwei Regelwerke gibt.

Wo liegt die Grenze der Diffamierung?

Der heikelste Punkt kam schriftlich, in einer Nachricht auf Abascals Social-Media-Konto, in der es hieß: „Ganz Europa weiß, dass Sánchez ein Verbrecher ist, der bereit ist, die Bevölkerung zu ersetzen, um an der Macht zu bleiben." Das ist politische Diffamierung ersten Grades: Kein Gerichtsurteil stützt diesen Vorwurf, und die Idee einer geplanten Bevölkerungsersetzung entbehrt jeder demografischen Grundlage. Sie als Gewissheit zu formulieren, macht sie nicht zur Tatsache.

Man sollte zwei Dinge unterscheiden. Eine Migrationspolitik oder eine Wahltaktik scharf zu kritisieren, ist legitim und braucht keine Euphemismen. Dem Gegner ohne Beweise einen kriminellen Plan zu unterstellen, ist etwas anderes — und der Ertrag hält nur so lange wie eine Schlagzeile.

Das Gespräch, das mit dem Journalisten Juan Fernández-Miranda in der Parteizentrale veröffentlicht wurde, zeigt den Versuch, aus diesem Register auszusteigen: Fragen zur Strategie, um Sánchez aus dem Moncloa-Palast (Amtssitz des spanischen Ministerpräsidenten) zu verdrängen, zur Frage, ob er Schulunterricht auf Baskisch, Galicisch oder Katalanisch akzeptieren würde, sowie zu Arrimadas und Ayuso. Wenn der Gesprächspartner zu den Details zwingt, wird Politik wieder kompliziert.

Derweil lief die zynischste These in die entgegengesetzte Richtung: Ein langlebiger Sánchez passe VOX. Zusammengefasst in einem ironischen Satz — wir haben Pedro Sánchez noch eine Weile, danke, VOX — ist das der klassische Verdacht gegen einen Gegner, der vom Gegner profitiert. Niemand hat ihn bewiesen, niemand schließt ihn aus.

Fünf Provinzen, ein Plenarsaal, zwei schriftliche Botschaften und ein Interview. Die Karte wiederholt sich. Alles verweist auf denselben Namen. Der Rest ist Logistik.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (4021 Antworten).

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