Wiener Philharmoniker für 13,25€ in Deutschland vs. 20,88€ in Spanien
Zwei identische Unzen Silber. Gleiches Metall, gleiches Gewicht, gleiche Troy-Unze. Eine kostete 13,25 Euro, die andere 20,88. Der Unterschied lag nicht am Silberpreis, sondern an der Mehrwertsteuer. Bei einem Spotpreis von 8,529 Euro pro Unze belief sich der Kauf physischen Silbers in Deutschland (mit 7%) auf 9,13 Euro; in Spanien (mit 16%) stieg er auf 9,89 Euro. Ende 2008 wurde der Wiener Philharmoniker – die meistverkaufte Silbermünze Europas – zum Indikator für eine steuerliche Lücke, die viele Anleger zu nutzen lernten.
Der Aufschlag von 4,12 Euro war keine Steuer
Die Rechnung war einfach und erschreckend. Wenn das Metall 8,529 Euro wert war und mit der deutschen 7%-Steuer bei 9,13 Euro landete, bedeuteten 13,25 Euro für die Münze einen Aufschlag von 4,12 Euro für die Prägung. Mehr als ein Drittel des Preises entfiel auf den „Verpackung“, nicht auf den Inhalt. In Spanien kostete das gleiche Stück 18 Euro plus 16% MwSt., also 20,88 Euro. Ein Unterschied von sieben bis acht Euro pro Unze.
Investitionsmetall hat eine Tugend, die andere Assets nicht haben: Es ist haptisch greifbar. Und einen Nachteil, den es mit allen teilt: Sein Preis wird vom Markt bestimmt. Viele Kaufentscheidungen jener Monate fielen anhand einer Excel-Tabelle, indem man den deutschen mit dem spanischen Kurs verglich und pro Unze rechnete.
Von 12,20€ auf 25€: Zwei Jahre Anstieg
Die Serie startete bei 12,20 Euro. Dann 13,25, 13,45, 13,50. Eine Plateauphase, die zum Nachkaufen einlud. Danach der Sprung: 18,25, 18,45, 19,10, 21,70, 22,85, 25. Als der Spotpreis der Unze auf 21,94 Euro schoss, bot die Bilanz Schwindelgefühle: 60% Rendite in zwei Jahren für alle, die das Metall einfach im Schublad gelassen hatten. „Wisst ihr schon... Silber fällt nie“, fasste jemand zusammen, als die Unze 16,6 Euro überschritt.
Manche verkauften ihre Bestände zwischen 16 und 16,50 Euro, um ein Auto zu kaufen. Blickt man zwei Jahre später auf den Chart, ist dies eine dieser Entscheidungen, an die man jedes Mal denkt, wenn man die Schublade öffnet. Das Metall stieg weiter, das Auto verlor an Wert.
Warum unterschiedliche MwSt.-Sätze für Silber in Deutschland und Spanien?
Die Zahlen des Falls legten die Steuersätze fest: 16% in Spanien und 7% in Deutschland für physisches Silber. Diese Asymmetrie innerhalb des gleichen Binnenmarktes war der Motor für das gesamte Arbitrage-Geschäft. Dieselbe Raffinerie, dasselbe Gewicht, dieselbe Reinheit, aber neun Prozentpunkte Unterschied je nach Standort der Kasse. Für Privatanleger, die nach Gewicht kauften, gab es keine Diskussion.
IBAN-Überweisung und zwei Wochen Wartezeit
Einkauf in Deutschland war nicht sofort möglich. Es gab keinen bequemen Button: Das System basierte auf einer Banküberweisung an die IBAN des Verkäufers. Ein Käufer dokumentierte den gesamten Ablauf – Bestellung am 25. Oktober, Antwort und Überweisung am 27., Geldeingang und Versand am 3. November, Zustellung per Post am 7. – das Ergebnis waren exakt zwei Wochen. Sprachbarrieren wurden mit Wörterbüchern und Online-Übersetzern überwunden. Trotzdem stellte die Seite irgendwann ein, nach Spanien zu liefern, und manche überlegten sogar, einen Billigflug nach Deutschland zu buchen, nur um das Lagergebäude zu sehen.
Der HGE-Betrug beim Online-Kauf von Gold
Nicht alles, was glänzte, war echtes Metall. Es kursierten Münzen, die als Gold verkauft wurden, aber eigentlich HGE (Heavy Gold Electroplate) waren: eine elektrolytische Beschichtung aus mindestens 100 Millionstel Zoll Gold auf billigem Metall. Ein Käufer prüfte dies nach Anfragen bei drei Verkäufern: Zwei wichen aus, nur einer gab zu, dass es HGE war. Entlarvt war die Schlussfolgerung altbekannt: Im Metallmarkt ist auch Betrug eine Handelsware.
Numismatische Premium: Was den Rückgang des Metallpreises abfedert
Nicht alle Münzen reagierten gleich auf den Unzenpreis. Je höher der numismatische Aufschlag über dem Metallwert, desto unempfindlicher ist das Stück gegenüber Spotpreis-Schwankungen; in einigen Fällen ist die Korrelation null. Das erklärt, warum manche Händler Sammlermünzen statt generischer Gewichtsware empfahlen. Das Problem ist jedoch, dass der Numismatik-Markt – wie der Kunstmarkt – in Krisen austrocknet, und der Einzelverkauf ist ein Handwerk, kein einfaches Handelsgeschäft.
Das Ende kam nicht durch Massenverkäufe oder einen Crash. Es kam bei einer Unze zu 21,94 Euro, dem Philharmoniker zu 25 Euro und der immer wiederkehrenden Frage: Wenn ein Asset in zwei Jahren 60% steigt, ohne dass sich etwas Materielles ändert, schützt man dann sein Vermögen oder kauft man gerade in die nächste Blase hinein?
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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