Wahlbetrug in Spanien: Verdacht bleibt trotz fünf Jahren

Seit den Wahlen von 2019 kursiert in Spanien der Vorwurf des Wahlbetrugs. Trotz mathematischer Zweifel wurde kein einziges Protokoll neu ausgezählt.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Von April 2019 bis Juli 2023: Fünf Jahre Betrugsvorwürfe ohne Neuauszählung

Sechs Parteien. Sechs Ergebnisse. Alle durch drei teilbar. Die nach den Parlamentswahlen am 28. April 2019 verbreitete Berechnung behauptete, die Wahrscheinlichkeit für diesen Zufall liege bei 0,13553%, also eins zu mehr als siebenhundert. Von dort zum Schlagzeilen-Titel „Betrug bestätigt“ war es nur ein Schritt. Was jedoch nie kam, war eine offizielle Neuauszählung der Wahlprotokolle, die den Verdacht widerlegte oder bestätigte. Fünf Jahre später lebt die Theorie weiter und muss nichts mehr beweisen.

Das 0,13553%, das zum Urteil wurde

Das arithmetische Argument wurde in Videos, Tweets und Artikeln bis zur Erschöpfung wiederholt: Wenn die sechs großen Parteien Sitzzahlen erreichten, die durch drei teilbar sind, sei Zufall ausgeschlossen. Eine Analyse hob den Befund auf eine Wahrscheinlichkeit von 99,86% für eine „künstliche Erstellung“ der Ergebnisse, eine Zahl, die als „bewiesener Betrug zu 99,9%“ verbreitet wurde. Der Rahmen war perfekt: Mathematik-Sprache, zwei Dezimalstellen und eine Schlussfolgerung, die wie ein Gutachten klang.

Die Falle ist alt. Das Muster im Nachhinein auszuwählen — ob durch drei, zwei oder sonst etwas teilbar — und dann seine Wahrscheinlichkeit zu berechnen, macht jede Übereinstimmung zum vermeintlichen Beweis. Manche behaupten, diese Übungen wiesen mit all ihren Spielräumen auf eine Anomalie hin, die niemand erklären wollte. Dagegen spricht ein hartnäckiger Fakt: Keiner dieser Berechnungen wurde jemals durch ein neu ausgezähltes kommunales Protokoll untermauert. Der Zweifel tat jedoch seine Arbeit: Er gab einem bereits bestehenden Misstrauen eine Sprache.

Das katalanische Unternehmen, Soros und der venezolanische Algorithmus

Vor der Abstimmung gab es bereits eine Erzählung. Ein Artikel vom 23. April 2019 legte den Schatten des Betrugs über das Unternehmen, das für die Verarbeitung der Ergebnisse zuständig war: Es sei katalanisch und „mit Soros verbunden“, hieß es. Weder Vertrag noch Audit noch dokumentarischer Beweis begleiteten die Anschuldigung. Der Geruch allein genügte.

Dann kamen die Videos. Eines der meistverbreiteten behauptete, den Algorithmus „entschlüsselt“ zu haben, mit dem die PSOE die Wahlen gehackt hätte, und stützte sich auf eine Zeugenaussage mit Prestige: Ana Mercedes Díaz, die Leiterin der Wahlprozesse in Venezuela, habe Monate zuvor vorhergesagt, wie der spanische Wahlbetrug ablaufen würde. Die Geschichte verknüpfte zwei Ängste gleichzeitig: blindes Misstrauen gegenüber Software und das Gespenst des venezolanischen Betrugs, exportiert nach Europa.

Im Oktober 2019 tauchte eine neue Zutat auf. Das für die Auszählung bestimmte Unternehmen sei laut verbreitetem Material in einem laufenden Verfahren angeklagt worden. „Angeklagt“ klingt in Spanien nach Verurteilung, ist juristisch aber nicht so gemeint; doch in manchen Kanälen reicht es, dass es so klingt.

Vox, die 40.000 ungültigen Stimmzettel und der gescheiterte Antrag

Am 1. Mai 2019 forderte Vox die allgemeine Überprüfung aller Wahlurnen in Spanien. Dies geschah, nachdem sie laut eigener Aussage eine Menge von mehreren zehntausend ungültigen Stimmen bestätigt hatte, darunter 40.000 Stimmzettel in der Comunidad Valenciana. Ihre Rechtsabteilung verlangte von der Zentralen Wahlkommission (Junta Electoral Central) eine vollständige Kontrolle der Auszählung. Der Antrag blieb dort, wo solche Dinge oft enden: in der Luft.

Das Detail ist wichtig, weil es ein Muster markiert, das sich bei jeder Wahl wiederholen sollte. Die Beschwerde über Unregelmäßigkeiten wird eingereicht, an genehme Medien durchgestochen, zu einem Video gemacht und stirbt in einem Büro, ohne dass jemand auch nur einen einzigen Stimmzettel vor einem Notar zählt.

Die Auszählung, die nicht stattfindet: Protokolle, INDRA und archivierte Beschwerden

Der technische Kern des Verdachts wanderte bald von den Parteien zum Verfahren. Die häufigste Beschwerde: Die Provinzialwahlkommissionen sollten innerhalb von fünf Tagen die Protokolle jeder Gemeinde ihrer Provinz neu auszählen, und es gebe hunderte private Beobachter, bereit, als Zeugen aufzutreten. Diese berichten, dass in der Praxis viele Protokolle nicht neu ausgezählt wurden und die von INDRA gelieferten Zahlen akzeptiert wurden, dem Technologieunternehmen, das die Daten verarbeitet. Das System sieht theoretisch eine Überprüfung vor. In der Praxis prallt die Bürgerüberwachung an einer verschlossenen Tür ab.

Hinzu kommt ein rechtliches Problem, das sich bei jeder Beschwerde wiederholt: Die Akten würden archiviert, weil „gesetzlich“ nur politische Parteien Einspruch erheben können. Übersetzt: Der Bürger, der einen irregulären Wahlvorstand sieht, hat keine Tür, an die er klopfen kann. Die Paradoxie fasste eine Nachricht vom 17. November 2019 in einem Satz zusammen, der zum Banner wurde: In Spanien werden die Protokolle nicht gezählt.

Elecciones Transparentes und die Zahl der 80 Abgeordneten

Im Januar 2020, nach den Neuwahlen vom 10. November, veröffentlichte eine Plattform namens Elecciones Transparentes (Transparente Wahlen), was sie als „echte Auszählungen“ der Stimmen präsentierte, ohne INDRA und ohne die Umfragen von Tezanos. Ihr Generalsekretär, Ignacio Vargas, erklärte, dass Pedro Sánchez nach seinen Daten nicht mehr als 80 oder 90 Abgeordnete erhalten hätte. Der Unterschied zum offiziellen Ergebnis war so überwältigend, dass er die Kontroverse statt zu beenden, vervielfachte.

Das Grundproblem ist dasselbe, das den Streit seit 2019 begleitet: Niemand konnte diese alternativen Auszählungen mit einer auditierten Wahlprüfung abgleichen. Gegenüber der offiziellen Zahl steht der Gegenzähler. Gegenüber dem Gegenzähler steht das Fehlen eines Mechanismus, der klärt, welcher gilt.

Juli 2023: Die Lücke zwischen Kongress und Senat

Nach den Parlamentswahlen vom 23. Juli 2023 soll ein hoher Polizeibeamter den Moderator Javier Cárdenas vor einer anomalen Differenz zwischen den Stimmen für den Kongress und den Senat gewarnt haben, größer als je zuvor: „Die Leute sind nicht so verrückt, um für den Senat PP und für den Kongress PSOE zu stimmen.“ In Valencia tauchte laut verbreiteten Videos ein leeres, gestempeltes und unterschriebenes Protokoll auf. Bei einer anderen Auszählung entstand mitten im Tumult aus dem Nichts eine Kiste mit 580 Stimmen. In Kantabrien wurden Gemeinden mit „unwahrscheinlichen“ Stimmen für Junts gemeldet, immer mit derselben Fehlerverzerrung.

Keines dieser Elemente wurde vor Gericht gebracht, um validiert zu werden. Und hier liegt der Knoten: Es sammeln sich veröffentlichte Indizien ohne Beweiskette und null Urteile, die den Verdacht in rechtskräftige Fakten verwandeln.

Auslandsstimmen und das Enkel-Gesetz

Danach verlagerte sich der Fokus auf das Wählerverzeichnis. Vier Mitglieder der Zentralen Wahlkommission sollen vor Unregelmäßigkeiten im Register des sogenannten Enkel-Gesetzes gewarnt haben, dem Mechanismus, der Nachkommen von Spaniern die Staatsangehörigkeit verleiht. Mehr als 600.000 Anträge seien genehmigt worden und mehr als die Hälfte bereits registriert. Ein sozialistischer Funktionär in Argentinien wurde laut zirkulierenden Publikationen beschuldigt, Pässe Verstorbener zu sammeln und damit zu prahlen, dass die Auslandsstimmen Sánchez „stützen“ würden.

Der Verdacht weitete sich auf die Stimmen derer aus, die nicht in Spanien leben. Manche behaupten, wer hier nicht lebt, sollte nicht wählen dürfen, da einige Regionalregierungen von Wählern abhängen könnten, die das Territorium nie betreten. Das Argument hat Gewicht, aber auch ein Gegengewicht: Jede Änderung beim Auslands Wählen würde eine Reform des Systems erfordern, was keine Partei mit Mehrheit öffnen wollte.

Das Muster, das sich Wahlzyklus für Wahlzyklus wiederholt

Jeder Wahlzyklus hinterlässt dieselbe Sequenz: eine auffällige Berechnung, virale Videos, die Erwähnung eines Unternehmens oder einer Plattform, ein formeller Antrag und eine stille Archivierung. Vom April 2019 bis zum Juli 2023 vergingen vier Jahre, dutzende Tweets und keine unabhängige Auditierung der Protokolle, die die Sache in die eine oder andere Richtung abgeschlossen hätte.

Die Verteidiger der Betrugsthese weisen darauf hin, dass die Beharrlichkeit bei der Forderung nach einer Überprüfung kein Laune ist, sondern die einzige Möglichkeit, Gewissheit zu erlangen. Kritiker entgegnen, dass das Wort „pucherazo“ (Wahlbetrug) durch ständige Wiederholung ohne Beweis aufgehört hat, ein Verbrechen zu beschreiben, und zu einer Art politischer Haltung geworden ist. Beides kann gleichzeitig wahr sein, und genau darin liegt das Chaos.

Wenn in fünf Jahren keine einzige Urne vor einem Beglaubigten neu ausgezählt wurde, was müsste geschehen, damit der nächste Wahlzyklus beginnt und endet, ohne dass jemand Betrug schreit?

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (1547 Antworten).

Weitere Zusammenfassungen

Alle Zusammenfassungen auf Deutsch →

Volver