Von der Leyen: „Europa sind die Werte des Talmud“

Von der Leyen erklärte 2022, dass Europa auf den Werten des Talmud basiere. Die Debatte um diesen Satz vermischt Geschichte, Wirtschaft und Politik.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Von der Leyen: „Europa sind die Werte des Talmud“
Von der Leyen: „Europa sind die Werte des Talmud“

Be'er Sheva, 14. Juni 2022. Auf dieser Bühne sprach Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, in einer Rede einen Satz, der bis heute kursiert: „Europa sind die Werte des Talmud, das jüdische Verständnis von persönlicher Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität.“ Zuvor hatte sie betont, dass es „kein Europa ohne europäische Nnnn“ gebe und dass „die Geschichte Europas die Geschichte des jüdischen Volkes“ sei. Was auf dem Papier als Hommage gedacht war, hat sich später zu einer unbequemen Frage entwickelt: Auf welchen Talmud bezieht man sich genau und was wird unter diesem Namen eigentlich gewürdigt?

Was ist der Talmud und welcher wird in der Rede zitiert?

Es gibt nicht nur einen Talmud, sondern zwei große Sammlungen: den Babylonischen und den Jerusalemer Talmud. Der Satz klärt nicht, auf welchen er sich bezieht, und diese Lücke nährt die Diskussion. Das häufigste Gegenargument lautet, dass es sich nicht um ein heiliges Buch im klassischen Sinne handelt, sondern um eine Zusammenstellung von Kommentaren und Normen nach der Tora. Manche fassen dies hart zusammen, andere erinnern daran, dass die Natur des Textes es sehr schwierig macht, pauschal von seinen „Werten“ zu sprechen.

Historisch wurden diese Bücher mehrfach verboten. Im Jahr 553 ordnete Kaiser Justinian an, ihre Verbreitung im gesamten Römischen Reich zu untersagen. Im 13. Jahrhundert verurteilten die Päpste Gregor IX. und Innozenz IV. sie und befahlen ihre Verbrennung. Diese Historie wird in Analysen herangezogen, um das tatsächliche Gewicht des Ausdrucks „Werte des Talmud“ zu messen, wenn er aus dem Mund einer europäischen Institution kommt.

Wucher, Bankenwesen und der historische Ursprung der Verfolgungen

Hier bewegt sich das Thema direkt auf wirtschaftliches Terrain. Eine verbreitete These besagt, dass Wucher keine exklusive Praxis einer bestimmten Gruppe war, obwohl seine historische Verbindung zu bestimmten Gemeinschaften – da sie sich mit verzinsten Krediten und Steuererhebungen beschäftigten, Tätigkeiten, die vom Volk missbilligt wurden – der Ursprung vieler Verfolgungen war. Einige ziehen daraus den Schluss, dass die Feindseligkeit nicht nur von einer Seite ausgeht, sondern von einer wiederkehrenden Rollenverteilung stammt: Wer Geld verleiht, wird schlecht angesehen. Dies ist eine umstrittene Lesart und erklärt, warum eine Botschaft über den Talmud oft in eine Debatte über Finanzmacht mündet.

Die politische Lesart: Die EU als Instrument fremder Interessen

Der Sprung ins Politische ist unmittelbar. Ein Teil der Kritiker behauptet, die Europäische Union sei nichts weiter als die sichtbare Fassade von Oligarchien und internationalen Banken, und Sätze wie der von Von der Leyen seien der Beweis dafür, wem Brüssel dient. Andere gehen ins Detail: Es werden institutionelle und persönliche Verbindungen angeführt, um zu verteidigen, dass es ein Netzwerk von Interessen gibt, das die Parlamente übersteigt. Es gibt in der Dokumentation keine Beweise für eine solche Koordination; was es jedoch gibt, ist ein Muster des Misstrauens gegenüber der offiziellen Erzählung der europäischen Integration.

Manche erinnern sogar an den Jugoslawienkrieg und behaupten, dort hätten sich bestimmte „EU-Werte“ vor Ort deutlich gezeigt. Ironie durchzieht viele Antworten: Einige weisen darauf hin, dass man nun die Abneigung gegen alles Christliche verstehe; andere fragen, ob Spanien diese gleichen „Talmud-Werte“ teilt, die die Präsidentin ganz Europa zuschreibt. Und mehrere fragen, ob jemand, der einen fremden heiligen Text als eigenes Banner nutzt, ihn überhaupt gelesen hat.

Der Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft dahinter

Hinter dem Lärm steckt eine ältere Diskussion darüber, was Macht erzwingen kann. Ein Kommentar stellt dies unverblümt dar: Es gibt keinen realen Unterschied zwischen einem totalitären Staat der einen oder anderen Couleur, denn der Staat funktioniert immer gleich und versucht, das Leben von Millionen Menschen per Gesetz zu ordnen. Aus dieser Sicht verteidigt jeder, der einen Staat befürwortet, der über Sitten und Gebräuche Gesetze erlässt, unweigerlich auch die Möglichkeit, dass dieser Staat in entgegengesetzter Richtung gesetzgeberisch tätig wird. Der Streit um die Werte des Talmud ist im Grunde ein Streit darum, wer die Befugnis hat, sie aufzuerlegen.

Warum sorgt eine Rede aus 2022 weiterhin für Gesprächsstoff?

Weil sie drei Nerven gleichzeitig trifft: den Streit um die europäische Identität, das Misstrauen gegenüber den wahren Machthabern in Brüssel und die alte Frage nach Banken und Geld. Die dokumentarische Spur, die diese Analyse speist, umfasst Transkripte der Rede, Hinweise auf päpstliche Dekrete, Listen von Persönlichkeiten, die als jüdisch markiert wurden, und Details dazu, was im Text als „heilig“ gilt. Wer der vollständigen Spur folgen möchte, mit Daten und Namen, findet hier seinen Ausgangspunkt.

Am Ende ist es nicht der Satz selbst, der verwirrt, sondern sein Weg. Im 6. Jahrhundert in seiner Verbreitung verboten, im 13. Jahrhundert zur Verbrennung verurteilt, kehrt das Wort Talmud nun durch die Hände seiner Präsidentin in die europäischen Institutionen zurück.

Auch verfügbar auf: English

Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (228 Antworten).

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