Die Zugkatastrophe von Urda mit mindestens 69 Toten hat einen Wettbewerb zwischen Vox und außerparlamentarischen Gruppen ausgelöst, wer die Regierung am stärksten kriminalisieren kann. Die gemeinsame Parole: sie eine "kriminelle Vereinigung" nennen und Prozesse statt Rücktritte fordern.
Am Morgen des Unglücks von Urda in Toledo hatte **Santiago Abascal** bereits das Tempo vorgegeben. Der Vox-Chef machte die Regierung für die Toten verantwortlich und nannte sie eine "kriminelle Vereinigung". Er sagte, das Unglück habe sich ereignet, weil die Exekutive das Geld des Bahnsystems "für Escortdamen, Schmiergelder und Schmuck" ausgegeben habe. Das Unglück forderte mindestens **69 Tote**. Seitdem schraubt der spanische Rechtsensrecht die Töne weiter hoch: Beleidigungen, Kriminalitätsvorwürfe und Aufrufe zum Aufstand. Alles mitten im vorgezogenen Wahlkampf.
## Von "Óscar Tod" zur nationalen Erhebung
Am Mittwochnachmittag versammelten sich mehr als **tausend Menschen** vor dem Verkehrsministerium in Madrid. Zu der Kundgebung hatten die Falange, Erbin der spanischen faschistischen Tradition, und Revuelta aufgerufen, ein ursprünglich mit Vox verbundener Verein. Unter den Rufen "Óscar Puente, Mörder" und "Sozialistische Partei, Verbrecherbande" drängten die Demonstranten gegen den Polizeikordon. Es gab Leuchtfackeln. Die Beamten gingen vor. **Pedro Chaparro**, Vorsitzender von Democracia Nacional, rief: "Was heute passiert ist, ist ein Massaker. Das verlangt nach nationaler Erhebung. Meine Herren, wir müssen uns erheben".
Die Parole war kein Einzelfall. **Pablo González**, Anführer von Revuelta, nahm ein Video auf, in dem er der Regierung nicht nur die Opfer von Urda, sondern auch die der Flutkatastrophe von Valencia und des Zugunglücks von Januar in Adamuz anlastete. Die als "Gedenkveranstaltung" für die Opfer angekündigte Aktion endete mit Erwähnungen der Ceuta-Krise und sogar des Vulkans auf La Palma. Ein Sammelsurium von Themen, für die alles die Exekutive verantwortlich gemacht wurde.
Zur selben Zeit rief die Vox-Gewerkschaft Solidaridad zu einer weiteren Protestaktion am Cibeles unter dem Motto "Korruption tötet" auf. Dort beschuldigte **José María Figaredo**, einer der Vox-Sprecher, die "kriminelle Regierung" mit "Wut" und "Zorn", die Unglücke von Adamuz mit **46 Toten** im Januar und Urda mit mindestens 69 "verursacht" zu haben. Figaredo forderte die Exekutive auf, sich "der Justiz zur Verfügung" zu stellen. Am selben Nachmittag rief Reconquista, eine im europäischen weißen Suprematismus verankerte und Vox nahestehende Organisation, zu einer Demonstration vor dem Rathaus von Barcelona auf. **Nayara de la Torre**, eine ihrer Anführerinnen, schrieb auf X: "Die Agenda des PSOE: Menschen töten".
## Abascals Drehbuch: "Tod" und "Ruine"
Abascal gab nicht nur den Ton vor. Er hat ihn kontinuierlich verschärft. Am Donnerstag bezeichnete der Vox-Kandidat für den 29. November den Verkehrsminister **Óscar Puente** als "Óscar Tod". Es ist ein Wort, das er wiederholt: "Tod". Auch "Ruine". Damit fasst er das Erbe der Regierung zusammen, die er als "antispänisch", "kriminell", "mafios" und "verräterisch" brandmarkt. Er macht sie für die Toten von Urda verantwortlich und fordert, sie dafür vor Gericht zu stellen. Von Abascal abwärts folgt allen diesem Drehbuch. **Pepa Millán**, Vox-Sprecherin im Kongress, erklärte: "Wir sprechen nicht mehr von Rücktritten. Wir sprechen von Prozessen, denn die politische Verantwortung reicht uns bei weitem nicht aus".
Manche Funktionäre ergänzen eigene Parolen. **Carlos Hernández Quero** beschrieb Spanien als ein Land in "Verdrittweltlichung". Der Europaabgeordnete **Hermann Tertsch**, hyperaktiv auf X, nannte Puente "Gesindel" und Journalisten des TVE "Aas". Pedro Sánchez hatte er Minuten vor dem Unglück "Sohn einer Hure" genannt; danach nannte er ihn "Kapo". Die Spirale ist nicht nur Rhetorik: Es ist ein Wettrennen darum, wer in der Wut auf die Regierung am weitesten geht und sich zugleich am stärksten mit der Volks Trauer verbunden zeigt.
## Warum diese Rhetorik funktioniert
Der Soziologe und Politikwissenschaftler **José Miguel Rojo**, einer der Autoren der Nationalen Polarisierungsumfrage der Universität Murcia, beobachtet, wie Vox diese Krise nutzt, um sich von der PP abzugrenzen. Während die Partei von **Alberto Núñez Feijóo** es bei der Forderung nach "Rechenschaftsablegung" bewenden ließ, behaupten Abascal und seine Anhänger, "alles sei Chaos". Es sei ein Diskurs, erklärt Rojo, der die Frustration stärker nicht nur gegen eine Regierung, sondern gegen "das System" lenken könne. Das würde ein bereits verbreitetes Gefühl anfüttern: In Spanien sind laut CIS-Daten nur **19,4%** mit der Funktionsweise der Demokratie zufrieden.
Die Politikwissenschaftlerin **Anna López**, Autorin von La extrema derecha en Europa (Tirant, 2025), stellt fest, dass Vox in der Tragödie von Urda "einen perfekten Kontext sieht, um seine antisanchistische und systemkritische Erzählung zu platzieren" und damit "Proteststimmen zu gewinnen, indem die Katastrophe in ein Wahlasset verwandelt wird". Die Partei folgt einem Muster, das mit der "Delegitimierung von Regierung und System" beginnt, mit dem Einsatz von "Desinformation" fortgesetzt wird und in der "emotionalen Ausbeutung der Tragödie" gipfelt. Ein bekannter Zyklus, den sie diesmal jedoch "mit größerer Geschwindigkeit" durchlaufen hat, was es ihr ermöglichte, ihre Botschaften zu verankern, wenn das Publikum in einer Lage "größerer Verwundbarkeit und Unsicherheit" ist. "Mitten im vorgezogenen Wahlkampf hat sie die Zeiträume verkürzt, um wirksamer zu sein", sagt López. Vox reagierte nicht auf die Fragen dieser Zeitung.
Kann es funktionieren? **Lluís Orriols**, Professor für Politikwissenschaft an der Universidad Carlos III, spezialisiert auf Wählerverhalten, hält die Tragödie für ideal geeignet, die Regierung zu schwächen, ist aber vorsichtig, ob die PP oder Vox am meisten profitieren wird. Er stellt jedoch fest, dass es einen "Nährboden" aus "Antipolitik, Misstrauen und Politikverdrossenheit" gibt, der a priori Vox begünstigt. Eine Zahl von **Metroscopia** beschreibt das emotionale Klima des Landes, in das der Rechtsensrecht seine Botschaften von "Wut" und "Zorn" einstreut: Ärger ist die am weitesten verbreitete Emotion unter den Befragten (**42%**) beim Gedanken an die spanische Politik, noch vor Müdigkeit (25%) und Angst (19%).
## Die außerparlamentarische Konstellation
Vox ist mit Abstand die relevanteste Kraft im rechtsensrecht Spektrum, aber nicht die einzige. Anna López weist darauf hin, dass zahlreiche Gruppen versuchen, den durch das Unglück eröffneten "günstigen Rahmen" zu nutzen, sowohl im "verkrawattierten" Sektor, zu dem Vox und **Alvise Pérez** gehören, als auch im "außerparlamentarischen". Se Acabó La Fiesta (SALF), die Partei des rechtsensrecht Agitators und Verschwörungstheoretikers Alvise Pérez, hat das Unglück ebenfalls zum Kernstück ihres Wahlkampfs gemacht. Ihre Formel: Vox in rhetorischer Härte zu übertreffen. Auf X schrieb er, früher "habe man öffentliches Geld für Nutten und Kokain ausgegeben, aber wenigstens konnten wir mit dem Zug fahren. Dass Óscar Puente uns umbringt, war für alle unvorstellbar". Pérez errang 2024 **drei Europaabgeordnete** und will nun bei seiner ersten Teilnahme an Parlamentswahlen in den Kongress einziehen.
Im außerparlamentarischen rechten Lager gesellen sich zu Falange und Democracia Nacional auch **Núcleo Nacional**, das denselben Diskurs pflegt, der eine "korrupte" und "verräterische" Regierung verantwortlich macht. Die offen rassistische und neonazistische, erst kürzlich gegründete Partei hat zu einer Demonstration unter dem Motto "Sie müssen zahlen. Alle auf die Straße" aufgerufen. In ihren Materialien mischt sie Vorwürfe gegen die Regierung mit der Forderung nach "Remigration", also der massenhaften Abschiebung von Einwanderern und ihren Nachkommen, wenn diese als nicht integriert gelten. Über die Parteien hinaus ist auch der Nistkasten rechtsensrecht Vereine darauf fokussiert, Sánchez wegen Urda anzugreifen. **Hazte Oír** hat bereits mehr als **100.000 Unterschriften" gegen die "kriminelle Regierung" gesammelt und verwendet damit die in dieser extremistischen Konstellation meist wiederholte Formel der Woche.
Die Sequenz wiederholt sich: Katastrophe, Schuldzuweisung an die Exekutive, Aufruf auf die Straße und Verwandlung der Trauer in Wahlkampftreibstoff. Was sich ändert, ist die Geschwindigkeit. Und die Zahl der Akteure, die auf den Zug aufspringen wollen. Mit **69 Toten** lautet die Frage nicht, ob der Rechtsensrecht die Unzufriedenheit kapitalisieren wird, sondern wie lange er dafür brauchen wird. Die Daten zu Politikverdrossenheit und Wut liegen bereits vor. Die Tragödie auch.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (11 Antworten).