Think and Grow Rich: Das Buch, das seinen Autor reich machte
1938 erschien ein Buch, das jedem Leser versprach, ihn zum Millionär zu machen. Sein Autor, Napoleon Hill, behauptete, mehr als 500 erfolgreiche Menschen interviewt zu haben, um die 13 Prinzipien destillieren zu können, die zum Reichtum führen. Siebenundachtzig Jahre später verkauft sich das Buch immer noch, und 2019 kam ein auf ihm basierender Selfhelp-Dokumentarfilm in die Kinos. Das Versprechen ist unverändert: „Diese Methodik hat bei denen, die sie studiert haben, mehr Reichtum geschaffen als jede andere Ressource in der Geschichte der Welt." Der Satz, in Gründerforen ohne jede Scham zitiert, ist der beste Beweis dafür, dass sich das Marketing der Selbsthilfe seit den dreißiger Jahren keinen Deut verändert hat.
Wer Napoleon Hill wirklich war
Die offizielle Biografie Hills stellt ihn als Journalisten dar, der mit Andrew Carnegie, Henry Ford und Thomas Edison verkehrte. Die Realität sieht laut Recherchen, die im Internet kursieren, deutlich weniger episch aus. Hill war ein Meister der Selbstdarstellung, der einen Großteil seiner Geschichten erfand oder übertrieb. Er wurde mindestens zwei- oder dreimal „reich" und verprasste sein Vermögen ebenso oft, kaufte Rolls-Royces und Villen, sobald Geld hereinkam. Eine seiner Ehefrauen behielt nach der Scheidung, was übrig blieb.
Das Buch verkaufte sich jedoch millionenfach. Und darin liegt die Paradoxie: Der angebliche Reichtums-Guru starb, ohne je bewiesen zu haben, dass seine Methode bei ihm selbst funktionierte. Wie eine immer wiederkehrende Analyse aus der Branche festhält, ist Hill das klassische Beispiel des Hochstaplers, der sich durch Täuschung und Betrug ein Vermögen aufbaut – und anders als andere damit durchkam.
Die 13 Prinzipien: Weisheit oder leeres Gerede?
Der Kern des Buches sind die berühmten 13 Prinzipien: Begehren, Glaube, Autosuggestion, Spezialwissen, Vorstellungskraft, organisierte Planung, Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Mastermind, Enthusiasmus, das Unterbewusstsein, das Gehirn und der sechste Sinn. Eine Liste, die klingt wie eine Mischung aus positiver Psychologie und Jahrmarktesoterik.
Manche halten dagegen, dass diese Prinzipien ohne das magische Gewand auf etwas ziemlich Vernünftiges hinauslaufen: Ziele setzen, sie aufschreiben, wiederholen und entsprechend handeln. Autosuggestion, richtig verstanden, ist nichts anderes als Neurolinguistisches Programmieren avant la lettre. Das Problem beginnt, wenn sie als unfehlbare Formel verkauft wird, um positive Schwingungen anzuziehen und das Universum auf die eigene Seite zu bringen.
Das Gesetz der Anziehung ist in seiner magischsten Version ein Brei für Leichtgläubige. In seiner psychologischen Version – kognitive Verzerrungen, Fokussierung, Entschlossenheit – hat es aber durchaus etwas für sich. Der Unterschied zwischen beiden ist der Unterschied zwischen einem Selbsthilfebuch und einem Anleitungshandbuch für Schneeballsysteme.
Das Geschäft mit der Selbsthilfe: von Hill bis The Secret
Hill hat nichts erfunden. Oder doch: Er erfand das Genre. Vor ihm war die Selbsthilfe Domäne der Bibel und wenig sonst. Nach ihm klingen die Postulate Hills bis heute im modernen Coaching nach. The Secret, Rich Dad Poor Dad und die gesamte Persönlichkeitsentwicklungsindustrie schöpfen aus demselben Brunnen.
Der Unterschied ist, dass Hill sich wenigstens die Mühe machte, eine Geschichte zu konstruieren. Er interviewte reiche Leute (so sagte er es jedenfalls), destillierte Prinzipien und verkaufte sie als Wissenschaft. Der Rest sind Imitationen. Wie eine immer wiederkehrende Analyse feststellt, ist das moderne Coaching eine Ideologie, die diejenigen trösten soll, die auf der Strecke bleiben, und ihnen einreden will, sie könnten es – obwohl die Realität ist, dass die meisten es nicht können, so sehr sie es auch versuchen.
Funktioniert positives Denken wirklich?
Anekdotische Belege gibt es reichlich. Manche versichern, das Buch habe sie in einer schwierigen Phase ihres Lebens aus einer geistigen Lähmung geholt. Das Protokoll ist einfach: keine Angst haben, Ziele setzen, sie aufschreiben, wiederholen und an sie glauben. Ein Prozess der Autosuggestion, der die eigenen Handlungen in eine bestimmte Richtung lenkt.
Das Problem beginnt, wenn daraus eine Ideologie wird. Wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht allein vom eigenen Willen ab. Er hängt von tausend Faktoren ab, die man nicht kontrolliert: Talent, Umfeld, Glück, Timing. Wer die Idee verkauft, dass kräftiges Wünschen genügt, produziert Frustrierte. Und verdient dabei kräftig mit.
Hill starb 1970, ohne bewiesen zu haben, dass seine Methode bei ihm selbst funktionierte. Sein Buch verkauft sich weiter. Sein Film wird weiter heruntergeladen. Und der Satz „diese Methodik hat mehr Reichtum geschaffen als jede andere Ressource in der Geschichte" wird weiter wiederholt, ohne dass jemand innehält zu prüfen, ob er stimmt. Wie viele derjenigen, die das Buch kaufen, werden am Ende Millionäre? Diese Statistik veröffentlicht niemand.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (59 Antworten).