The Collapse, die französische Serie, die dem Chaos zuvorkam
Ein Supermarktkassierer sieht, wie die Kartenzahlungen nicht mehr durchgehen. Ein Tankwart lehnt 500 Euro ab, weil er nur Lebensmittel annimmt. Ein Millionär mit einer Evakuierungsversicherung rennt zu einem Flugzeug, das in fünfzehn Minuten startet. Das sind die ersten drei Folgen von L'Effondrement (The Collapse), einer französischen Miniserie von Canal+ aus dem Jahr 2019, die in acht Folgen à zwanzig Minuten den Zusammenbruch eines Systems zeichnet, ohne jemals zu sagen, was ihn verursacht hat.
Die Serie folgt keiner linearen Handlung. Jede Folge ist ein Schnappschuss: Tag eins, Tag fünf, Tag sechsundzwanzig, Tag fünfzig, Tag einhundertsiebzig. Der Zuschauer setzt das Gesamtbild aus Blitzlichtern zusammen. Und dieses Format, das in ungeschickten Händen ein Desaster wäre, funktioniert hier wie ein Präzisionsmechanismus: Keine Zeit für Füllmaterial, nur für Spannung.
Worum es in jeder Folge von The Collapse geht
Die erste spielt an Tag eins oder zwei. Eine Gruppe von Freunden hatte vereinbart, Paris zu verlassen, falls die Lage kippt. Sie gehen für einen letzten Einkauf in den Supermarkt und holen einen Kumpel ab, der als Kassierer arbeitet. Die Frage, die in der Luft hängt, ist offensichtlich: Wenn du längst beschlossen hattest zu gehen, warum um alles in der Welt lässt du den Einkauf bis zum Schluss? Dieselbe Logik, die das halbe Land am 15. März auf Maskensuche schickte, während die Chinesen seit Januar warnten.
Die zweite ist ein Kunstwerk. Tag fünf. Eine Tankstelle an der Landstraße. Ein Fahrer bietet 500 Euro für eine volle Tankfüllung. Der Tankwart antwortet, er nehme kein Geld: nur Lebensmittel, und kein Obst, weil es schnell verdirbt. Die Eröffnungsszene ist ein perfektes Porträt davon, wie Menschen sich verhalten, wenn das Papiergeld aufhört, etwas zu bedeuten.
Die dritte handelt von einem Millionär mit einer Evakuierungsversicherung, der neben einer Begleiterin aufwacht und den Anruf erhält, dass das Flugzeug auf dem Rollfeld auf ihn wartet. Fünfzehn Minuten. Alles, was zwischen diesem Anruf und dem Start passiert, ist eine Lehrstunde darüber, warum Evakuierungspläne scheitern, wenn die Umgebung zerfällt.
Die vierte, Tag sechsundzwanzig, ist die mit der Kommune. Ein Typ, der einen Unterschlupf hat, sammelt unterwegs Leute auf. Er kommt mit zweiunddreißig Personen an. In der Kommune weiß man nicht, was man tun soll, denn Essen ist knapp. Die Lektion ist elementar: Wer einen Bunker hat, kann nicht so naiv sein, ihn in ein behelfsmäßiges Obdachlosenlager zu verwandeln.
Das Kernkraftwerk und das Seniorenheim
Die fünfte ist die, die ein ungutes Gefühl hinterlässt. Tag fünfzig. Ein Team versucht, ein Kernkraftwerk mit Eimern zu kühlen, das die Notstromversorgung des Staudamms verloren hat, der es mit Elektrizität versorgte. Das Wasser, das sie von Hand aus dem Fluss holen, reicht nicht. Die Situation kollabiert. Und die erschreckende Zahl: Frankreich hat sechsundfünfzig Kernkraftwerke.
Die sechste, ebenfalls Tag fünfzig, folgt einem Pfleger, der allein geblieben ist und in einem Seniorenheim etwa acht alte Menschen versorgt. Er hält ihnen den Rücken frei, kümmert sich um sie. Eine Bande kommt vorbei und stiehlt das gesamte Essen. Dann muss er entscheiden, ob er bleibt, geht oder was er tut. Das Ende gehört zu denen, die einen grübeln lassen, was man selbst an seiner Stelle getan hätte.
Die siebte, Tag einhundertsiebzig, ist die mit der Insel. Eine Frau segelt mit einer Yacht zum Zufluchtsort ihres Mannes, des Millionärs aus der dritten Folge. Sie geht an Land, um Essen zu suchen, tritt auf einen rostigen Nagel, ein paar Typen wollen ihr das Boot stehlen. Sie kapppt den Anker, kappt die Leine des Beiboots, flieht. Alles in einer einzigen Plansequenz.
Die achte ist ein Prequel: fünf Tage, bevor alles beginnt. Eine im Fernsehen übertragene Debatte, die man in der ersten Folge erahnt. Ein Wissenschaftler spricht vom Auftauen des Permafrosts. Es bleibt unklar, ob der Kollaps eine Folge davon ist oder von etwas Systemischerem. Und genau das ist der Witz: Die Serie erklärt es nie.
Warum The Collapse sich echter anfühlt als jede amerikanische Produktion
Der Ton macht den Unterschied. Keine Helden, keine Lösungen, keine Reden. Es gibt unbeholfene Menschen, schlaue Menschen, Menschen, die improvisieren, und Menschen, die sterben. Der Realismus ist so groß, dass man die Serie mit dem Gefühl beendet, eine Dokumentation über etwas gesehen zu haben, das noch nicht passiert ist.
Das technische Detail zählt: Jede Folge ist in einer einzigen Plansequenz gedreht. Keine Schnitte. Das zwingt den Zuschauer, nicht wegzuschauen, mitten in der Szene zu sein. Und es erklärt, warum zwanzig Minuten genügen, um einen mitgenommen zurückzulassen.
Die Serie erlaubt sich auch einen Luxus, den sich kaum jemand traut: Manche behaupten, die Drehbuchautoren stellten erneuerbare Energien als Flickenschmied dar, der im Szenario eines totalen Kollapses nicht rettet, und Kernkraft als absolute Gefahr, wenn die Kühlung versagt. Aus dem Mund französischer Drehbuchautoren ist das keine Propaganda: Es ist Dokumentation.
Das Gespräch über die Serie driftete, wie könnte es anders sein, in die Aktualität ab. Als Frankreich unter Treibstoffknappheit zu leiden begann und eine Kaufgrenze von dreißig Litern pro Fahrzeug verhängte, erinnerte sich so mancher an die Tankstellen-Folge. Der Albtraum war schon da, sagten sie. Und sie hatten nicht Unrecht: Die Fiktion war den Nachrichtensendungen zuvorgekommen.
Die Frage, die bleibt, ist unbequem. Wenn morgen die Versorgung mit Lebensmitteln, Energie oder Benzin zusammenbricht, wie viele würden im Supermarkt ihren Last-Minute-Einkauf erledigen wie die Freunde in der ersten Folge? Die Antwort, wenn man sich ansieht, was mit den Masken geschah, ist nicht hoffnungsvoll.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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