Tanz war die erste menschliche Technologie, wird aber ignoriert

Die These, dass Tanz der Sprache vorausging, scheitert an fehlenden Fossilien. Der Fall Straßburg 1518 und das Geschäft des kollektiven Rituals.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Tanz war die erste menschliche Technologie, wird aber ignoriert
Der Tanz ging der Sprache voraus: eine unbequeme These für die Akademie

Hunderttausende von Jahren vor dem ersten strukturierten Wort tanzte bereits jemand. Nicht zur Freizeitgestaltung oder persönlichen Zurschaustellung: Er tanzte, um die Gruppe zu synchronisieren, damit dreißig verstreute Individuen zu einer Einheit wurden, die einem Mammut trotzen konnte, ohne beim ersten Ansturm davonzulaufen. Das ist die These — unbequem, schlecht dokumentiert und schwer zu begraben —, nach der der Ursprung der Sprache nicht im Wort liegt, sondern im Körper. Und dass die Zivilisation uns unsere erste Sprache abamputierte, ohne Vorwarnung.

Das Fossil, das es nicht gibt

Das erste Hindernis tritt sofort auf. Wenn der Tanz der Sprache vorausgeht, wo ist dann der Beweis? Das Argument spaltet sich in zwei Teile. Der Stimmapparat, der abstrakte Syntax ermöglicht — Absenkung des Kehlkopfs, modernes Zungenbein, Innervation des Nervus hypoglossus — brauchte Hunderttausende von Jahren, um sich zu konsolidieren. Das motorische System hingegen funktionierte seit Jahrtausenden. Das Zungenbein von Kebara, eines Neandertalers vor 60.000 Jahren, war morphologisch bereits modern: Es beweist, dass Laute erzeugt werden konnten, nicht dass Syntax vorhanden war. Es mit strukturierter Sprache zu vergleichen, ist so, als würde man behaupten, ein Auto fahre selbst, nur weil es einen Auspuff hat.

Die Gegenreaktion kommt aus der harten Wissenschaft. Wenn weder Sprache noch Tanz Fossilien hinterlassen, bevor die Knochenflöten von Geißenklösterle — 40.000 Jahre alt — auftauchen, ist es ein Akt des Glaubens, den Tanz „Hundertausende von Jahren früher“ zu platzieren, keine Archäologie. Im selben Horizont erscheinen bereits aufwendige Bestattungen, Ornamente und Gemälde wie jene in der Addaura-Höhle. Alles gleichzeitig. Und eine Hypothese, die nicht widerlegbar ist, ist keine Hypothese, so das Argument: Sie ist ein Glaube mit Baskenmütze.

Straßburg, 1518: 400 Menschen tanzen bis zum Tod

Um zu kalibrieren, wozu der Körper fähig ist, wenn man ihn loslässt, ist der brutalste Fall die Tanzwut von Straßburg. Im Juli 1518 ging eine Frau ohne Musik auf die Straße, um zu tanzen. Innerhalb weniger Wochen schlossen sich mehr als 400 Menschen an. Sie tanzten nicht aus Freude: Sie weinten, krampften und einige starben an Herzinfarkten oder extremer Erschöpfung, mit zerstörten Füßen. Die Behörden glaubten, Tanzen heile, und errichteten Bühnen mit Musikern, was die Ansteckung durch visuelle Rückkopplung vervielfachte. Dasselbe Phänomen, das Ernesto de Martino Jahrhunderte später im Tarantismus in Apulien dokumentierte: Körperliches Ritual vereint nicht nur, es kann auch überquellen.

Vom Stammesritual zum NEAT: Tanz als soziale und ökonomische Technologie

Aus wirtschaftlicher Sicht hat der Tanz eine doppelte Lesart. Die erste ist physiologisch: Spontane Praxis fällt unter die Kategorie, die die Fitnessbranche NEAT nennt — Non-Exercise Activity Thermogenesis —, jener Kalorienverbrauch, der nicht geplant ist und den der Muskel dankt. Die zweite ist organisatorisch. Der Verlust des kollektiven Rituals coincide mit einem Arbeitsmodell, in dem man unter Fremden arbeitet, ohne Bindung oder gemeinsames Ziel: Die Crew, die sich synchron bewegte, wurde zu einer Belegschaft zufälliger Personen, die ein Büro teilen und sonst wenig. Kohäsion, so wird argumentiert, war billiger durch Tanzen aufrechtzuerhalten als durch einen Personalplan wiederherzustellen.

Homo Ludens und die Sackgasse

Die Debatte endet nicht. Eine Strömung schreibt der gesprochenen Sprache die Expansion des Homo sapiens und seine Fähigkeit zu, große Gemeinschaften zu bilden zu; eine andere antwortet, dass der Schlüssel weder Tanz noch Wort war, sondern der Klang, denn es gibt keinen Tanz ohne Musik und die Sprache entstand aus der Strukturierung von Geräuschen. Auch der klassische Homo Ludens taucht auf: Spiel und sakrales Ritual als Matrix der Zivilisation. Selbst eine wirklich unwiderlegbare Nachspeise-Theorie sickert durch — Regentänze wurden von alten Männern mit Ischias erfunden, die den Luftdruckabfall in ihren Knochen spürten —, was das anfängliche Problem illustriert: schön, unbeweisbar, unmöglich zu widerlegen. Manche vermuten, der Originaltext sei von einer Maschine generiert worden, was der ganzen Angelegenheit eine zusätzliche Ironieschicht verleiht.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (119 Antworten).

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