Syrien: Der Epilog, der im März begann und noch immer nicht endet
Im März 2019, als russische Luftstreitkräfte Idlib bombardierten, entschied jemand, dass der syrische Krieg in seine Schlussphase getreten sei. Sieben Monate später, im Oktober, rückte die syrische Armee in Manbij und Kobane ein und schloss mit den kurdischen Milizen ab, die bis vor kurzem noch Washingtons Verbündete vor Ort gewesen waren. Wie befürchtet, zog sich der Epilog hin: ein achtjähriger Krieg, der nicht beendet ist, sondern dessen Landkarte sich verändert hat.
Die Diskussionen über diese Monate hinweg – mit Tausenden Beiträgen, Agenturmeldungen, Tweets und Frontkarten – zeichnen ein unbequemes Bild des Jahres 2019: Das Jahr, in dem das syrische Schachbrett neu geordnet wurde, ohne dass jemand Frieden unterzeichnete. Weder kontrollierte Assad das gesamte Land, noch hatte Russland endgültig gewonnen, noch hatten die USA vollständig abgezogen, noch gab sich die Türkei mit ihrer Grenze zufrieden. Alle gewannen Felder. Niemand beendete das Spiel.
Die Offensive in Idlib: 560 km² und eine schrumpfende Front
Der Sommerbeginn brachte die Operation gegen Idlib. Die russische Luftwaffe löste im März und April massive Angriffe auf die Provinz aus, und seit Mai drängte die Syrische Arabische Armee nach Süden vor. Ende August wurde die Befreiung von Khan Sheikhun als Abschluss einer Phase gelesen: Regierungstruppen sicherten den nördlichen Vorsprung von Hama und beseitigten eine wichtige Verteidigungslinie. Nach den damals kursierenden Zahlen **waren seit Mai 560 km² befreit worden und die erste Linie um etwa 25 Kilometer verkürzt**.
Das Detail zählte. Khan Sheikhun öffnete den Weg ins Innere Idlibs von Süden und Westen. Schon damals stellte sich die Frage, ob der Vormarsch am Ufer stoppen würde: Die Türkei errichtete einen neuen Beobachtungsposten im Dorf Hish, und eine neue Runde der Astana-Gespräche deutete einen Waffenstillstand an. Von Anfang an gab es zwei Lesarten. Eine besagte, dass Idlib einem letzten Ansturm nicht standhalten werde und nur politischer Wille Russlands und Irans nötig sei, um türkischen Störmanövern ein Ende zu setzen. Die andere warnte, dass die gebirgige Provinz mit ihren tausenden Kämpfern viel länger brauchen würde, als die Kartenoptimisten zugaben.
Eines der aufmerksamsten beobachteten Ereignisse war die Schlacht um Kafr Nabuda. Die verbreiteten Verlustzahlen bei den dschihadistischen Gruppen sprachen von **102 getöteten Kämpfern innerhalb von 48 Stunden**, und betonten einen Musterwechsel: Statt Gelände in Stunden zurückzuerobern, brauchten sie Tage für einzelne Dörfer; manche filmten sogar ihre eigenen zerstörten Fahrzeuge, um sie als gegnerische Verluste auszugeben. Für die Front war dies das Zeichen, dass sich das Kräfteverhältnis der Feuerkraft auf eine Seite neigte.
Das Iran-US-Duell, das den Sommer prägte
Der syrische Krieg war 2019 ein Kapitel eines größeren Konflikts. Im März entsandten die USA **sechs B-52-Bomber** nach Europa, was als Botschaft an Moskau gedeutet wurde. Am selben Tag kündigte Trump an, die israelische Souveränität über die Golanhöhen anzuerkennen – ein Zug, der das regionale Schachbrett ohne große Vorsicht neu ordnete.
Juni brachte die heikelste Episode. Die iranische Revolutionsgarde schoss eine US-Marinedrohne (RQ-4) ab, nachdem sie wiederholte Warnungen ausgesprochen hatte – die letzte zehn Minuten vor dem Abschuss. Ein iranischer Kommandeur fügte hinzu, was in diesen Tagen oft zitiert wurde: Neben der Drohne flog ein Aufklärungsflugzeug vom Typ P8 mit **35 Menschen an Bord**, das ebenfalls den Luftraum verletzt habe, aber nicht angegriffen wurde. Die Deutung war klar: Teheran ließ ein größeres Objekt durch, um keine rote Linie zu überschreiten. Trump hatte bereits eine Antwort vorbereitet und sie im letzten Moment gestoppt; scharfe Analysen jener Tage behaupteten, Washington sei zurückgerudert und habe nachträglich eine presentable Erzählung für den Rückzug gesucht.
Das Duell ging auf See weiter. Im Juli warnte Iran seinen britischen Amtskollegen telefonisch, dass man Öl „unter allen Umständen“ exportieren werde, nachdem ein Tanker in Gibraltar festgesetzt worden war. Der Fall des Adrian Darya 1 zog sich über Wochen hin und wurde zum Symbol: London bereit, ihn freizugeben, wenn Iran garantierte, dass er nicht nach Syrien fahren würde, und ein iranischer Kapitän, der das Schiff übernahm. Parallel entzog Panama binnen Monaten **59 Tankern** mit Verbindungen zu Iran und Syrien die Flagge – ein Detail, das kaum beachtet wird, aber viel darüber aussagt, wie Sanktionen umgesetzt werden: administrativ und ohne Schlagzeilen.
Warum Syrien begann, Regierungsfähigkeit zu Marktpreisen zu kaufen
Die Achse Damaskus-Teheran hatte auch ihre Rechnung. Der Gaspreis hatte sich binnen eines Jahres verdreifacht, und die Regierung verhängte im April Rationierung: **Die meisten Syrer kauften nur noch 20 Liter pro Woche**. Die Ursache lag laut den zitierten Daten nicht nur im Krieg: Iran hatte aufgehört, seinem Verbündeten Rohöl mit großen Rabatten zu verkaufen, und verlangte den vollen Marktpreis, den Damaskus nicht zahlen konnte. Russland, so hieß es spöttisch, rieb sich die Hände angesichts der Möglichkeit, den iranischen Lieferanten zu ersetzen, sofern Bashar tief in die Tasche greifen könnte.
Auch der Krieg war in die Gegenrichtung nicht gratis. Westliche Sanktionen trafen die Zivilgesundheit: Das Universitätskrankenhaus Al Bairuni, mit **550 Betten** und seit 1974 kostenloser Krebsbehandlung, versorgte täglich 400 bis 1.200 Patienten und litt direkt unter der Blockade. Ein Fakt, der selten auf Titelseiten erscheint.
Der kurdische Schwenk: Von Washington nach Damaskus
Oktober kam, und damit die türkische Entscheidung, an der Grenze zu handeln. Die türkische Militäroperation gegen die von Kurden kontrollierten Gebiete zwang diese zur Wahl. Und sie wählten schnell: Am 14. Oktober gaben die Demokratischen Kräfte Syriens ein militärisches Absichtserklärung mit Damaskus bekannt. Laut der zitierten Erklärung berührte das Abkommen die autonome kurdische Verwaltung nicht und sei „ein Schritt zu einer endgültigen Vereinbarung in Zukunft“. Innerhalb von Stunden begannen Berichte über den Einmarsch der syrischen Armee in Manbij und Kobane zu kursieren.
Der Absatz, der das Warum am besten zusammenfasst, lautete so: Ein Verbündeter, der keiner mehr war. Auf der anderen Seite der Waage erinnerte man daran, dass die kurdischen Kräfte in besetzten Gebieten hart gegen die Bevölkerung vorgegangen seien und nach dem Abzug das Vertrauen Washingtons nicht zurückgewinnen würden. Mit der türkischen Entscheidung auf dem Tisch kaufte der Einsatz auf die USA nichts mehr.
Der Zug verwirrte alle. Aus Sicht der Regierungsseite war es ein weiterer Schritt zum erhofften Epilog. Vom anderen Ende des Schachbretts warnte man, dass die syrische Armee nur auf dem Papier in Gebiete einrückte, die jahrelang außerhalb ihrer Kontrolle lagen, und dass die türkische Operation – mit einem Trump, der laut BBC sah, wie Erdogan sein Schreiben in den Müll warf – nicht mit einem sauberen Abzug enden werde. Die Lage verwickelte sich: Auf wenigen Kilometern trafen Kurden, Russen, Türken, Iraner, Amerikaner und Syrer aufeinander. Wer die Karten der letzten Jahre gesehen hatte, wusste, was das bedeutete.
Die, die vom Raster fallen
Der Epilog betraf auch die Zivilbevölkerung. Vertriebenen aus dem Norden fehlte ein klares Hinterland: Südlich des Wadi Khabur gab es nur Sand, Stein und Öl; nördlich davon grenzten Städte ans Wasser, das die türkischen Staudämme durchließen. An anderer Front, bei den Jesiden, ging die Zählung weiter: Frankreich nahm **weitere 151 jesidische Frauen und Kinder** aus Erbil auf und erfüllte teilweise Macrons Zusagen. In Sinjar kämpften lokale Milizen weiterhin gegeneinander. Und in Mossul forderte das Sinken einer Fähre **71 Tote** unter denen, die ertranken, ohne je Schwimmen gelernt zu haben.
Über die in Idlib verbliebenen Dschihadisten kursierte eine wiederkehrende Zahl: Zwischen **25.000 und 40.000 Kämpfern** verteilten sich auf ein gebirgiges Gebiet. Ohne die Möglichkeit, die sogenannten grünen Busse zu nutzen – die vereinbarten Evakuierungen in andere Zonen –, führte ihr Weg über die Türkei, die einen Teil aufnehmen und den Rest seinem Schicksal überlassen würde. Es war, so hieß es brutal, das billigstmögliche Ende für die syrischen Streitkräfte: systematisches Bombardieren statt Sturmangriff auf vorbereiteten Boden.
Das Ende, das niemand unterschreibt
Mitte Oktober blieb die Bilanz unvollständig. Im Norden eröffnete das kurdisch-syrische Abkommen eine neue Phase; in Idlib war die Front stabilisiert, aber nicht geschlossen; im Osten des Euphrats blieben US-Stützpunkte und umstrittene Ölfelder. Russland ging als Ordnungsmacht aus dem Jahr hervor; die Türkei mit laufender Operation und Washingtons Brief im Papierkorb; Iran, durch den US-Druck in die Arme Moskaus getrieben. Die USA zogen sich auf leichter verteidigbare Positionen zurück.
Das Problem des Epilogs, wie man mit bitterem Unterton bemerkte, ist, dass ein Epilog die Zusammenfassung eines abgeschlossenen Werks ist. Hier gab es kein abgeschlossenes Werk: Es blieben lebende Fronten, ungezeichnete Abkommen und eine Karte, die sich im nächsten Monat wieder bewegen konnte. Man diskutierte weiter, ob Trump die Wahlen 2020 verlieren würde, ob die USA Saudi-Arabien invadieren würden, ob ein Börsencrash alles andere mitreißen würde. Und währenddessen blieben jene, die auf die Zerstückelung des Landes gesetzt hatten, mit der Wut zurück, es nicht geschafft zu haben.
Der Krieg in Syrien war nach acht Jahren nicht beendet. Er hatte lediglich entschieden, wohin er enden würde: dorthin, wo Moskau, Damaskus und Teheran wollten, mit Ankara, das neu berechnete, und Washington, das Kabel einzog. Das ist kein Frieden. Es ist eher die Karte der nächsten Phase. Und dort bleibt der Epilog stehen und wartet auf seinen zweiten Band. Niemand, selbst die Optimistischsten nicht, wagte, ihm ein Datum zu geben.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
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