Von der Enthaltung zu Vox: Die Bestrafungsstimme
Es gibt ein Wählerprofil, das nicht nach ideologischer Affinität handelt, sondern nach finanzieller Belastung. Nach Jahren ohne Gang zur Wahlurne hat sich eine Gruppe von Selbstständigen und Freiberuflern entschieden, bei den kommenden Parlamentswahlen für Vox zu stimmen. Dies geschieht nicht aus voller Überzeugung, sondern aus dem Wunsch nach Genugtuung. Der Auslöser ist weder die Steuerpolitik noch die Immigration, sondern das Gefühl, dass das politische System Steuerlast und Bürokratie zu einer Strafe für jene gemacht hat, die Wohlstand schaffen. Dieses Phänomen, das sich unter denen verbreitet, die noch nie bei allgemeinen Wahlen gewählt haben, deutet auf eine stille Verschiebung von der Enthaltung hin zur radikalen Rechten hin.
Der frustrierte Selbstständige
Die erste Variable ist wirtschaftlicher Natur. Das Diskurs des Erstwählers mit 45 Jahren ist nicht der des klassischen Aktivisten. Es ist der des unter Steuern ertrinkenden Selbstständigen, der sieht, wie seine monatliche Sozialversicherungsbeiträge zu einer festen Last werden, unabhängig davon, ob Umsatz generiert wird oder nicht. Hinzu kommt die Wahrnehmung einer Kultur der Almosen – ein wiederkehrender Begriff in der Debatte –, die einen Teil der Bevölkerung trägt, während er die Zeche zahlt. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Volkspartei (PP), der vorgeworfen wird, weich gegenüber dem Sozialismus zu sein und die Ausgabenstrukturen nicht abzubauen, wenn sie dazu Gelegenheit hatte.
Die Kalkulation dieses Wählers ist kalt: Wenn die PP den steuerlichen Druck nicht umkehrt oder die Skandale der PSOE nicht verfolgt, dann ist die nützliche Stimme nicht die, die einen Sieg der Linken verhindert, sondern die, die die traditionelle Rechte für ihre Kompromisslosigkeit bestraft. Es ist die Logik des kleineren Übels bis zum Extrem getrieben: Vox ist nicht die Lösung, aber laut diesem Profil die einzige Partei, die sich nicht dafür entschuldigt, zu existieren.
Der Bruch der Enthaltung
Der zweite Vektor betrifft jene, die noch nie gewählt haben. Die historische Enthaltung in Spanien hatte eine Klassen- und Alterskomponente, die nun zerbricht. Die Botschaft ist klar: Leerwahl oder Stimmen für Vox kommen der meistgewählten Liste zugute, was in den meisten Provinzen die PP ist. Aber der Erstwähler will nicht die PP begünstigen, er will die PSOE leiden sehen nach der Auszählung. Es ist eine emotionale, strafende Stimme, die nicht auf einem detaillierten Wahlprogramm beruht, sondern auf dem Bedürfnis nach politischer Vergeltung.
In Provinzen, in denen Vox keine Chance auf einen Sitz hat, ändert sich die Kalkulation. Manche entscheiden sich, nicht zu wählen: keinen Sonntagvormittag damit verschwenden, wie ein Idiot Schlange zu stehen. Andere wählen jedoch, obwohl sie wissen, dass ihr Stimmzettel keinen Sitz bringen wird, weil das Ziel nicht der Sieg ist, sondern das Verschieben des Overton-Fensters und das Senden eines Signals.
Das Hindernis Stierkampf und Palästina-Israel-Konflikt
Das dritte Element sind die sarracena Dilemmata, die nicht zusammenpassen. Vox unterstützt den Stierkampf und steht auf der Seite Israels, zwei Positionen, die frontal mit einem Teil des potenziellen Wählerspektrums kollidieren. Der stierkampfkritische Wähler, der die israelische Außenpolitik ablehnt, befindet sich in einem Widerspruch: Er mag weder Stierkämpfe noch Unterwerfung unter Netanjahu, hält aber andere Dinge für wichtiger. Die Prioritätenhierarchie ist klar: Wohnraum, Steuern, illegale Immigration und die Bestrafung der PSOE wiegen schwerer als Tierquälerei oder Geopolitik.
Dieser Pragmatismus lässt sich in einem kursierenden Satz zusammenfassen: Es ist, als würde man sagen, man schläft nicht mit einer attraktiven Frau, weil sie ein Muttermal am Kinn hat. Die Metapher, vulgär aber effektiv, definiert die Haltung eines Wählers, der nicht ideologische Reinheit sucht, sondern politische Wirksamkeit. Die offene Frage bleibt, ob diese geliehene Stimme Bestand haben wird oder zur Enthaltung zurückkehrt, wenn die emotionale Kosten-Nutzen-Rechnung der Unterstützung für Vox negativ ausfällt.
Profil des neuen Vox-Wählers
Das Roboterporträt dieses Wählers ist nicht das des radikalisierten Jugendlichen oder des Basisaktivisten. Es ist ein Mann zwischen 40 und 55 Jahren, selbstständig oder Kleinunternehmer, der gesehen hat, wie seine Kaufkraft schwand, während die offizielle Rhetorik von wirtschaftlicher Erholung sprach. Er misstraut den Medien, glaubt nicht an Umfragen und verachtet den Gutmenschentum der traditionellen Rechten. Seine Stimme ist kein Blankoscheck für Vox: Es ist eine bedingte Bestrafungsstimme. Wenn Vox nicht liefert, kehrt er zur Enthaltung zurück.
Die Ungewissheit ist, ob dieser Transfer von Stimmen aus der Leere zur radikalen Rechten ein konjunkturelles oder strukturelles Phänomen ist. Die Daten zur Wahlbeteiligung bei den nächsten Parlamentswahlen werden dies zeigen. Bis dahin ist die Botschaft klar: Es gibt einen Wähler, der keine Lösungen fordert, sondern politisches Blut. Und dieser Wähler beabsichtigt erstmals seit Jahren, zur Wahl zu gehen.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (123 Antworten).