Der PSOE beendete 1985 mit dem Boyer-Dekret die Altvertragsmieten, ließ jedoch bestehende Verträge bestehen und wechselte seitdem zwischen Mieterschutz-Rhetorik und marktfreundlichen Maßnahmen. Diese Ambivalenz erklärt einen Großteil seiner späteren Kehrtwenden, vom Wohnungsgesetz 2023 bis zum Vermieterverband Asval.
Die Geschichte des Wohnens in Spanien hat zwei Daten, die fast alles erklären: 1964 und 1985. 1964 verabschiedete die Franco-Diktatur die Reform der städtischen Mietverhältnisse, ein Gesetz, das die Preise praktisch einfror und viele Mietverträge in lebenslange, auf Familienmitglieder unter gleichen Bedingungen vererbbare Pachtverhältnisse verwandelte. 1985 schaffte die erste sozialistische Regierung der Demokratie die Altvertragsmieten per Boyer-Dekret ab, respektierte aber die bereits bestehenden Verträge. Zwischen den beiden Daten liegen ein politischer Machtkampf, ein Rücktritt nach 57 Tagen und eine Villa in Puerta de Hierro, die bis heute als Witz und als Diagnose dient.
## 1964: eine eingefrorene und vererbbare Miete
Der Satz, der die franquistische Reform von 1964 eröffnet, klingt wie aus einem Lehrbuch der Sozialökonomie: "Die liberalisierende Bewegung des städtischen Eigentums muss sich nicht nur nach dem Tempo richten, das die wirtschaftlichen Umstände des Landes bestimmen, sondern auch nach den unumgänglichen Anforderungen der sozialen Gerechtigkeit, die Kern und Existenzgrundlage unseres politischen Systems sind." Das war keine revolutionäre Phrase. Es war das Einfallstor zu einem hochgradig mieterfreundlichen Gesetz, mit praktisch eingefrorenen Mieten und Verträgen, die ein Leben lang gelten konnten. Mehr noch: Sie konnten nach dem Tod des Hauptmieters zu gleichen Bedingungen auf Familienangehörige übergehen. Das Ergebnis war ein Bestand an billigen, alten und blockierten Mietwohnungen, der jahrzehntelang für manche Mieter wie ein faktisches Recht funktionierte und für Vermieter, die ihre Preise nicht anpassen konnten, wie ein Urteil.
Dieses Design war kein Zufall. Im Spätfranquismus trafen zwei politische Familien aufeinander. Die alte Falange-Familie verteidigte einen Sozialprotektionismus, der Zwangsverlängerungen zugunsten der Mieter aufrechterhielt und schrittweise Anpassungen der alten Mieten akzeptierte. Die neue technokratische Familie, liberaler gesinnt, wollte die Bauwirtschaft ankurbeln, den Markt öffnen und die Wirtschaft modernisieren. Die Technokraten gewannen den großen Krieg, verloren aber konkrete Schlachten wie die von 1964. Die Altvertragsmiete überlebte den Desarrollo, die Transition und die ersten Jahre der Demokratie. Sie wurde zu einem unbequemen Erbe: Sie schützte viele Wähler, verhinderte aber, dass der Mietmarkt als solcher funktionierte.
Die Paradoxie: Das Ende dieses Regimes kam von einer sozialistischen Regierung. Nicht die Diktatur begrub die lebenslangen Mietverträge, sondern der PSOE unter Felipe González. Und zwar nicht ohne inneren Konflikt. Die Reform von 1985 glich der von 1964 in einer Hinsicht: Sie setzte eine politische Maschinerie in Gang, die Ideologie, interne Macht und langfristige wirtschaftliche Folgen vermischte. Regime und Namen wechselten, doch das Muster wiederholte sich. Ein Teil der Partei blickte auf den schutzbedürftigen Mieter; ein anderer auf den Markt, auf Vermieter und Investoren. Diese Spannung wurde nie ganz aufgelöst.
## 1985: Boyer, Guerra und das Ende der Altvertragsmieten
Im Mai 1985 brachte die sozialistische Regierung zwei weitreichende Reformen auf den Weg. Eine betraf die Renten: Die für eine Beitragsrente nötige Beitragszeit stieg von 8 auf 15 Jahre. Die andere betraf die Mieten: Das Boyer-Dekret beendete die niedrigen lebenslangen Mieten, ausgenommen bestehende Verträge. Urheber beider Reformen war **Miguel Boyer**, Wirtschaftsminister. Gegenüber stand ihm **Alfonso Guerra**, Vizepremier und Wächter der Partei. Boyer gewann die Schlacht. Boyer verlor den Krieg. **57 Tage** nach der Abschaffung der Altvertragsmieten trat er zurück.
Der Streit war nicht nur technischer Natur. Boyer wollte seine Macht mit einem wirtschaftspolitischen Vizepremieramt stärken. Felipe González sagte erst ja, dann nein. Der damalige Direktor des **CESID** (des spanischen Geheimdienstes), **Emilio Alonso Manglano**, hielt in seinen Tagebüchern, gesammelt im Buch *El jefe de los espías*, fest, dass Boyer seine Wirtschaftspolitik nicht ohne Kontrolle der Machtapparate betreiben könne. Als Alfonso Guerra erfuhr, dass man Boyer das zweite Vizepremieramt geben könnte, erklärte er, dann gehe er. Die Regierungskrise war programmiert. Die Mietreform war der sichtbare Auslöser eines verdeckten Kampfes um die wirtschaftliche Kontrolle der Exekutive.
Es kam noch mehr. Bevor Spanien erfuhr, dass Boyer und **Isabel Preysler** ein Verhältnis hatten, wusste es der tiefe Staat längst. Das Paar traf sich meist in einer Wohnung im Dachgeschoss des Wirtschaftsministeriums, wo Boyer zeitweise übernachtete. In den Tagen vor den Miet- und Rentenreifen plauderte jemand Felipe González das Verhältnis aus. Der Ministerpräsident bat um Diskretion: Er wollte keine Skandale und keine internen Spannungen, und er wusste, dass es im eigenen Haus Leute gab, die sich über Boyers Sturz freuen würden. Laut dem Buch von **Juan Luis Galiacho** über die Beziehung zwischen dem Minister und der Society-Dame war dieser jemand Alfonso Guerra. Der Hinweis konnte Boyers liberale Agenda destabilisieren und die Machtverhältnisse kippen.
Das Boyer-Dekret wurde als unausweichliche Modernisierung präsentiert. Es gab auch sofort Kritik. Zwei Vorsitzende von Madrider Nachbarschaftsverbänden zogen in **El País** eine düstere Bilanz: Es sei keine gute Politik, die Rechte und den Schutz der Nutzer an der Wurzel zu beschneiden, denn das löse gewaltige Anstiege der Bodenpreise, der Bau- und Finanzierungskosten und der Steuerlasten aus. Die Zeit gab ihnen teilweise recht mit ihrer Diagnose, auch wenn das Grundproblem dasselbe blieb: ein kleiner, angespannter Mietmarkt voller perverser Anreize. Boyer ging vom Ministerium, doch sein Dekret blieb. Und mit ihm das Gefühl, dass der PSOE eine harte Reform verabschieden und sich gleichzeitig als Schützer der Kleinen verkaufen konnte.
## Villa Meona und die ästhetische Wende des Felipismo
Als die Beziehung zwischen Boyer und Preysler offiziell wurde, setzte sich das Etikett *beautiful people* durch, um die Verweltlichung der sozialistischen Eliten zu beschreiben. Weniges tat dem kulturellen Image des Felipismo mehr weh als der Anblick des Ministers, der die Altvertragsmieten abgeschafft hatte und sich eine Villa kaufte, würdig eines alten Hollywoodstars. Das berühmteste Haus der Demokratie hieß **Villa Meona**. Es stand in **Puerta de Hierro**, Ende der achtziger Jahre noch im Bau. Die Zeitschrift **Tribuna** veröffentlichte die Baupläne, die von **José María Ruiz-Mateos**, Boyers Erzfeind, nach Zahlungen an das Umfeld der Architekten durchgestochen worden waren. Die sich wie ein Lauffeuer verbreitende Nachricht: Das Haus sollte **16 Badezimmer** haben. Boyer trat vor die Presse, um das zu dementieren. Nach Angaben des Ex-Ministers hatte es keine 16 Badezimmer, sondern "nur 13".
Die Anekdote wäre nur das, eine Anekdote, hätte sie nicht einen Epochenwandel zusammengefasst. Galiacho berichtete, Boyers Reaktion sei ihm untypisch gewesen: Er wirkte wie ein Reaccionariorchitekt, der Baupläne präzisierte. Am meisten ärgerte ihn die Zahl der sechzehn Badezimmer und dass sein Schlafzimmer mehr als **400 Quadratmeter** hatte. Die Bauarbeiten wurden **1992** abgeschlossen. Die Villa stand auf einem **5.000 Quadratmeter** großen Grundstück. Als die ersten Fotos erschienen, beschrieb **Hola** sie mit einem gewagten Euphemismus: "Es ist ein großes Haus, das zugleich intim wirkt." Die Realität war weniger intim: **44 Zimmer**, **15 Waschbecken**, **sieben Bidets** und mehrere beheizbare Hundehütten. Im Personal: vier interne Hausangestellte, eine Köchin, drei Zimmermädchen, ein Chauffeur, ein Gärtner und vier Wachleute.
Die symbolische Wirkung war enorm. Der PSOE, der mit proletarischem Nimbus an die Macht gekommen war, erschien nun verbunden mit einer Luxusvilla, mit einem Minister, der die billigen Mieten abgeschafft hatte, und mit einem Gesellschaftsleben, das wenig mit dem Linksnarrativ von 1982 zu tun hatte. Ohne Übertreibung: Die Partei gewann weiter Wahlen und regierte weiter. Aber das Misstrauen gegenüber ihrer Fähigkeit, den Immobilienmarkt im Interesse der sozialen Mehrheit zu regulieren, begann sich festzusetzen. Boyers Haus wurde zum Symbol der doppelten Geschwindigkeit: ein Segel fürs Volk, eines für den Markt. Dieses Bild kehrte zurück, wann immer der PSOE Mietdeckel, Evaktionsstopps oder Kontrollen von Investmentfonds versprach.
## Vom 15M zu Asval: die jüngste Ambivalenz
Der Wohnungsoziologe und Professor an der Universität Saragossa **Daniel Sorando** vertritt die Auffassung, dass das Verhältnis des regierenden Sozialismus zum Wohnen in der Demokratie zwei Phasen hatte. Eine leichtere, zusammenfallend mit dem goldenen Zeitalter des Zweiparteiensystems. Und eine härtere, zusammenfallend mit dessen Krise. In Spanien, erklärt er, gebe es seit den fünfziger Jahren einen sehr breiten sozialen Pakt rund um Wohnraum als zentrales Vermögenswert der Familien. Zwischen Franquismus und Demokratie gab es beim Wohnen keine Transition. Bis **2008** herrschte ein starres, dominantes Blockdenken vor, das Arbeiter in Eigentümer verwandeln wollte – auf Kosten der Konsolidierung von öffentlichem Wohnbau als weiterem Pfeiler des Wohlfahrtsstaats. Ein klares Beispiel war die Steuerabzüge für Immobilienerwerb, die PP und PSOE bis **2013** beibehielten und deren Wirkungen bis heute nachwirken.
Ab 2008, mit der Finanzkrise und der Ausstrahlungswirkung des **15M**, begann der PSOE, seinen Diskurs zu ändern, getrieben von sehr jungen sozialen Bewegungen für das Recht auf Wohnen, die in den Parteien links vom PSOE Ansprechpartner fanden. Im aktuellen Kontext wären die Politiken einer Regierung aus PP und Vox, so Sorando, diametral entgegengesetzt zu denen der Regierungskoalition, die unter dem Druck der Wohnungsbewegung steht. Die Räumung von **Maricarmen**, die einen Altvertrag hatte, hat die sozialistische Regierung zu neuen Verrenkungen zwischen linker Reform und Marktpragmatismus gezwungen. Ihre Vorzeigedekrete sind auf der Strecke geblieben. Zu viel Polarisierung, um ein Wohnungsdekret zu entwerfen, das vage genug ist, um **Junts** und **Podemos** gleichermaßen zufriedenzustellen. Viel Lärm um nichts vor einem Wahlausgang.
Der Schlüssel, sagt Sorando, liegt in der sozialen Zusammensetzung der sozialistischen Wählerschaft: älter und stärker von Eigentümern geprägt als die der Parteien zu ihrer Linken, die jünger, stärker von Mietern und Bewohnern angespannter Viertel geprägt ist. Junge Menschen wurden weitgehend vom sozialen Pakt rund um Wohneigentum ausgeschlossen. Ihre Eltern und Großeltern fürchten um den Wert ihrer Vermögenswerte, den sie vererben oder in Mittel für die Pflege im Alter umwandeln wollen. Junge Menschen haben keinen Zugang zu diesem Vermögen, außer in der oberen Mittelschicht. Während die Parteien links vom PSOE im Wahlzyklus der 2010er Jahre zahlreiche Aktivisten der Wohnungsbewegung aufnahmen, ist der PSOE empfänglicher für Marktakteure, die Parteifiguren abwerben.
Dieser letzte Punkt hat einen Namen. Kurz nachdem **Pedro Sánchez** in den Moncloa-Palast (Amtssitz des Ministerpräsidenten) einzog, wurde **Asval** gegründet, der Verband der Vermieter von Mietwohnungen. Er besteht dem Namen nach aus Kleinvermietern, wird aber von großen Investmentfonds wie **Ares**, **Castlelake** und **Blackstone** gesteuert, dem größten Vermieter Spaniens mit mehr als **20.000 Immobilien**. Asval ist so etwas wie das Anti-Mietergewerkschafts-Komplement, den Hauptmotor des Sol-Protestlagers. Alle bisherigen Präsidenten waren ehemalige hohe sozialistische Funktionäre. Der erste war **Joan Clos**, Ex-Bürgermeister von Barcelona, der heute den anderen großen Vermieterverband **Fiabci** leitet. Die zweite Präsidentin hätte **Isabel Pardo de Vera** werden sollen, ehemalige Staatssekretärin für Verkehr und ehemalige Präsidentin von **Adif**, doch etwas kam ihr in die Quere.
Pardo de Vera war die Nummer zwei des Ministeriums, das das **Wohnrechtsgesetz von 2023** durch den Parlamentsprozess brachte. Während des Verfahrens sprach sie sich gegen Mietpreisdeckel aus. Asval wollte sie, weil man sie für fachlich sehr fähig und politisch sehr wertvoll hielt aufgrund ihrer guten Beziehungen zur Moncloa-Spitze, wie **El Confidencial** berichtete. Als die Verpflichtung durchsickerte, reagierte die Öffentlichkeit negativ. Die Moncloa deutete einen möglichen Interessenkonflikt an, und Pardo de Vera gab auf. Wer wurde schließlich Präsidentin von Asval? **Helena Beunza**, Generalsekretärin für Wohnen in Pedro Sánchez' erster Regierung. Der Verband forderte später den Rückzug der beiden Wohnungsdekrete, mit denen die Regierung das Feuer der Räumung von Maricarmen löschen wollte. "Der soziale Schild kann nicht der Vermieter sein", stellte sie klar.
Das Wohnungsgesetz von 2023 wurde mit euphorischer Rhetorik präsentiert. Die damalige Ministerin **Ione Belarra** von Podemos kündigte an, dass das Leiden unter einer Räumung ohne Wohnungsalternative vorbei sei und dass Räumungen schutzbedürftiger Familien ohne Alternative verboten seien. Pedro Sánchez hob den "historischen Meilenstein" des Übergangs vom "räuberischen Städtebau" zum bezahlbaren Mieten hervor. Die Daten sind jedoch stur: Die Mieten sind seitdem im Durchschnitt um **21 %** gestiegen. Die Regionalregierungen wettern gegen Geierfonds, die Regierung sagt, sie sei mit ihnen auf einer Linie, doch die Legislaturperiode läuft ab und die jugendliche Wut auf die Bauspekulation erreicht Höchststände. Die Wissenschaftsministerin und Kandidatin für die Regionalregierung von Valencia, **Diana Sarracena**, kündigte einen Anti-Geierfonds-Plan für **Valencia** an, kurz nachdem die Regierung ein staatliches Gesetz gegen diese Fonds abgelehnt hatte. Die Wohnungsbauministerin **Isabel Rodríguez** besitzt drei Häuser. In Immobilienfragen weiß die linke Hand des PSOE nicht, was die rechte tut – oder wenn doch, tut sie so, als wüsste sie es nicht. Dies ist keine Rechts- oder Immobilienberatung; für einen konkreten Fall empfiehlt sich ein Fachmann.
Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft.
Die ganze Diskussion lesen (6 Antworten).