Spaniens Abiturnoten: Perfekte Ergebnisse und ihre Schattenseiten

Fünf Schülerinnen mit Noten zwischen 13,11 und 14 Punkten in der spanischen Selectividad entfachen eine Debatte über Noteninflation und den Trend zum öffentlichen Dienst.

Deutsch · Ursprüngliche Diskussion auf Spanisch · Veröffentlicht

Spaniens Abiturnoten: Perfekte Ergebnisse und ihre Schattenseiten
Die perfekten Noten der Selectividad und das Narrativ der Klügsten

Ein Bericht von El Mundo hat den besten Absolventen der diesjährigen Selectividad Gesichter und Namen gegeben. Elena López, Mariana Sánchez, Laura Soraya Ampudia, Jimena López und Jingyi Ye, alle zwischen 17 und 18 Jahre alt, haben im Bachillerato die volle Punktzahl (10/10) erreicht und erzielten bei der PAU (Prueba de Acceso a la Universidad) Werte zwischen 13,11 und 14 von möglichen 14 Punkten. Der Text stellt sie als Feministinnen, pogre denkend, engagiert und fernab von sozialen Medien dar.

Soweit das Porträt. Interessanter ist jedoch die implizite Botschaft: Dass ein herausragendes Zeugnis automatisch mit einer bestimmten Lebenseinstellung einhergeht. Genau dieser Sprung – vom Faktum zum Charakter – hat die schärfsten und vor allem skeptischsten Reaktionen ausgelöst.

Wer sind die fünf Schülerinnen des Berichts?

Jingyi Ye erreichte 13,950 Punkte. Sie zieht von Zaragoza nach Madrid, um Informatik an der Polytechnischen Universität zu studieren; sie besuchte das private Liceo Europa und plant für den Sommer, Klavier zu spielen, zu zeichnen und Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen. Laura Soraya Ampudia, mit 13,11 Punkten, beginnt ein Studium der Biomedizinischen Ingenieurwissenschaften an der Universidad del País Vasco, wo die Zugangsnote letztes Jahr bei 12,8 lag; sie lebt in Trapagaran (Vizcaya).

Elena López, 13,815 Punkte, ist die beste Absolventin aus Murcia, moderiert eine Radiosendung, spricht Englisch und Französisch und schreibt unter dem Pseudonym Antígona. Mariana Sánchez erzielte die volle Punktzahl von 14, die beste Note in Madrid, und immatrikuliert sich für ein fortgeschrittenes Klavierstudium an der Alfonso X. Jimena López Fuego, wohnhaft im asturischen Bergbaugebiet, wird einen Doppelabschluss in Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre in Oviedo machen, mit dem Ziel, später zur Staatsanwaltschaft zu gehen.

Der Bericht betont, dass keine von ihnen dem Stereotyp der Streberin entspricht. Alle haben ihre Berufung über das Gehalt gestellt – Sprach- und Literaturwissenschaft, Klavier, Informatik, Biomedizin, Jura – und alle gehen davon aus, dass ihre Ausbildung nicht mit dem ersten Abschluss endet. Mariana sagt es unverblümt: Sie weiß, dass ihre Zukunft „schwieriger“ sein wird als die ihrer Kommilitonen, und erwägt, später wieder Philologie oder etwas Theaterbezogenes zu studieren.

Der Text beschreibt auch eine der Familien: Eine Mutter, Physikerin, wechselte von der Privatwirtschaft ins öffentliche Gesundheitssystem, bestand die Beamtenprüfung (oposiciones) und unterrichtet heute an einem Institut; der Vater verließ mit 40 Jahren ein Tech-Multinationale, um Mathematik zu lehren. Neuausrichtung als Normalfall, nicht als Ausnahme.

Warum gelten die Selectividad-Noten als aufgeblasen?

Dies ist der häufigste Einwand. Der Vergleich mit früheren Zeiten taucht immer wieder auf: Wer die Selectividad vor Jahren ablegte, erinnert sich, dass eine 6,4 als hohe Note galt, bei Durchschnittswerten zwischen 5 und 5,5, wobei die Grenze zu den „Cleverleuten“ bei 7 lag und die Obergrenze bei 8,75.

Das Argument stützt sich auf zwei Säulen. Erstens das Volumen: Die Menge der 13er und 14er Ergebnisse, die jetzt in den Listen auftauchen. Zweitens die Methodik: Das Gewicht des Bachillerato-Zeugnisses in der Endnote, das höher ist als das der Prüfungen selbst, was einen großen Teil des Ergebnisses auf die Schule verlagert, statt auf die zentrale Prüfung.

Hinzu kommt ein Detail zum Geburtsjahrgang, das mehrfach kritisiert wurde: Die im Text angegebene Altersspanne passt nicht ganz zu den Protagonistinnen und würde eher zu denen passen, die ab 2006 geboren wurden. In einem Artikel, der auf Qualifikationen basiert, fällt diese Diskrepanz auf.

Das vorhergesagte Schicksal: Öffentlicher Dienst und lebenslanges Lernen

Die zweite dominante Strömung ist unbequemer. Viele Leser argumentieren, dass dieses Profil – diszipliniert, lernbegierig, unbeeinflusst vom Lärm der Gesellschaft – wie angegossen zum öffentlichen Dienst passt und dort enden wird. Die wirtschaftliche Logik dahinter ist explizit: In einer Wirtschaft, die Unternehmertum und Initiative nicht belohnt, wird die Stabilität eines öffentlichen Gehalts zum rationalen Ziel für jeden, der Prüfungen bestehen kann.

Dagegen steht die offensichtliche Antwort: Wenn akademische Leistung sich nicht auf dem Arbeitsmarkt auszahlt, liegt das Problem nicht bei den Schülern, sondern beim Markt. Mehrere Kommentare weisen darauf hin, dass theoretisches Wissen nicht gleichbedeutend mit praktischer Kompetenz ist und dass das System Ersteres misst, Letzteres aber ignoriert.

Die Protagonistinnen haben diesen Vorwurf unwissentlich vorweggenommen. Alle betonen, dass sie nach dem Bachelor-Abschluss nicht sofort arbeiten wollen. Lebenslanges Lernen erscheint hier nicht als Berufung, sondern als Plan B einer Generation, die keine stabilen Jobs erwartet.

Warum empören solche Berichte kaum noch?

Früher hätte ein solcher Artikel die Gemüter erhitzt. Heute ist die überwiegende Reaktion ein Achselzucken: Man liest es als PR-Inhalt, geschrieben, um die Protagonistinnen ins rechte Licht zu rücken, und erzeugt mehr Ermüdung als Ärger.

Die häufigste Kritik richtet sich nicht gegen die Schülerinnen, sondern gegen den Rahmen. Die Tatsache, soziale Medien nicht zu nutzen, als unterscheidendes Merkmal darzustellen, macht aus einer persönlichen Entscheidung eine generationelle Tugend und suggeriert indirekt, dass wer sie nutzt, weniger intelligent sei. Handschriftliche Notizen und bunte Textmarker, zitiert als Beweis für Anstrengung, beschreiben eine Methode, keine Intelligenz.

Darunter liegt etwas Tiefergehendes: Der Verdacht, dass das System nur jene als brillant etikettiert, die sich am besten an seine Vorgaben anpassen, und nicht jene, die am besten denken. Manche lesen die ideologische Übereinstimmung der Protagonistinnen mit der offiziellen Linie der Institutionen nicht als Rebellion, sondern als Konformität. Das ist eine diskussionswürdige These. Und genau deshalb wird sie diskutiert.

Der Abschnitt des Berichts, der tatsächlich Neues bringt

Zwischen den Noten und Fotos gibt es einen Absatz, der aus dem Rahmen fällt. Eine der Schülerinnen erklärt, sie habe im Klassenzimmer nie zuvor so viel Sens und Homophobie erlebt, vor allem von männlichen Mitschülern, und berichtet, dass sich das Gerücht verbreitet habe, sie bekomme gute Noten durch sens Gefälligkeiten gegenüber Lehrern.

Dieser Ausschnitt erklärt mehr über die Existenz der Debatte als jede Zugangsnote. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Dass eine Generation von Mädchen die besten Zeugnisse schreibt und dass das Klima im Unterricht für sie feindlicher geworden ist.

Es fehlt der entscheidende Datensatz: Die historische Reihe der Durchschnittsnoten der Selectividad pro Jahr und Region. Ohne sie diskutieren wir nur Wahrnehmungen. Mit ihr könnte sich der Fokus der Debatte verschieben.

Wenn sich nichts ändert, wird es nächsten Juni wieder einen Bericht mit anderen fünf Schülerinnen geben und das gleiche Achselzucken. Es ist wahrscheinlich, dass diese Mädchen dort landen, wo sie sagen, dass sie sein werden: beim Studieren. Was man nicht vorhersagen kann, ist, ob sie in zehn Jahren schreiben, Klavier spielen, Beamtenprüfungen ablegen oder alles drei tun. Alles passt in dasselbe Zeugnis.

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Zusammenfassung einer Diskussion auf Burbuja.info - Foro de economía, actualidad y política., aus dem Spanischen übersetzt und vor der Veröffentlichung geprüft. Die ganze Diskussion lesen (228 Antworten).

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